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Die Würde und die Zapatistas

1. Was sich am 1. Januar 1994 erhob, war die Würde. So stellen es jedenfalls die Zapatistas selbst dar:

»Dann ließ das Leiden, das uns vereinte, uns sprechen, und wir erkannten, daß in unseren Worten Warhheit war, wir wußten, daß in unserer Zunge nicht nur Schmerz und Leiden wohnte, wir erkannten, daß es immer noch Hoffnung in unseren Herzen gibt. Wir sprachen mit uns selbst und sahen in uns selbst hinein und wir betrachteten unsere Geschichte: Wir sahen unsere Urväter, wie sie litten und kämpften, wir sahen, wie unsere Großväter kämpften, wir sahen unsere Väter mit der Wut in der Hand, wir sahen, daß uns nicht alles weggenommen worden war, daß wir das Wertvollste hatten, das, was uns leben ließ, was unseren Schritt sich über Pflanzen und Tiere erheben ließ, was den Stein unter unseren Füßen sein ließ, und wir sahen, Brüder, daß alles, was wir hatten, die Würde war, und wir sahen, daß die Schande, daß wir sie vergessen hatten, groß war, und wir sahen, daß die Würde gut war, damit Menschen wieder zu Menschen würden, und die Würde kehrte in unser Herz zurück, und wir waren wieder neu, und die Toten, unsere Toten, sahen, daß wir wieder neu waren, und sie riefen uns wieder, zur Würde, zum Kampf.«

Was ist an dieser Würde, das uns von Pflanzen, Tieren und Steinen unterscheidet? Dieser Begriff wurde weder in der politischen Theorie noch in der marxistischen Theorie viel benutzt. Fast sicher gehörte er nicht zum ideologischen Gepäck, mit dem die ursprüngliche Gruppe von RevolutionärInnen 1983 in den Dschungel ging. Die Würde wurde im Dschungel geschmiedet. Es gab einen Lernprozeß, den die Zapatistas als Zuhören beschreiben. »Das ist die große Lektion, die die indigenen Gemeinschaften der ursprünglichen EZLN beibringen. Die ursprüngliche EZLN, die 1983 gegründet wird, ist eine politische Organisation im Sinne, daß sie spricht und sagt, was zu tun ist. Die indigenen Gemeinschaften lehren sie zuzuhören, und genau das lernen wir. Die wichtigste Lektion, die wir von den indigenen Menschen lernen, ist, daß wir lernen müssen, zu hören, zuzuhören.«

2. Die Idee einer Revolution, die zuhört, die Idee eines Kampfs, »Würde und Rebellion in Freiheit und Würde« zu verwandeln (wie es die erste Deklaration aus dem Lacandonischen Dschungel ausdrückt), stellt eine theoretische Herausforderung dar.

In der Idee der Würde steckt zunächst eine Kritik der liberalen Theorie. Im Rahmen der liberalen Theorie läßt sich die Idee der Würde nicht ernsthaft diskutieren. Sie läßt sich nicht diskutieren, weil die liberale Theorie von der Existenz des Marktes ausgeht und das Funktionieren des Marktes auf dem Gegenteil der Würde beruht, nämlich auf der aktiven und täglichen Ausbeutung, Entmenschlichung und Demütigung der Menschen, wie wir aus eigener Erfahrung wissen und wie wir es jeden Tag handgreiflich mitbekommen, wenn wir in Mexiko-Stadt an einer Ampel halten. Im Rahmen der liberalen Theorie, d.h. im Rahmen der Akzeptanz des Marktes, von der Würde zu sprechen, ist Unsinn.

Aus genau demselben Grund steckt in der Idee der Würde eine Kritik am Staat und an der staatsorientierten Theorie. Der Staat im Sinne einer vom Ökonomischen getrennten politischen Sphäre setzt ebenfalls die Existenz des Marktes voraus. Staaten (alle Staaten) sind in den Weltmarkt, in das globale Netz kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse auf eine Weise integriert, daß sie, egal welche Hautfarbe ihre Regierung hat, egal welche Form von Demokratie sie verkünden, keine andere Wahl haben, als sich aktiv für die Akkumulation des Kapitals einzusetzen, d.h. für Demütigung und Ausbeutung. Aus diesem Grund kann die Revolte der Würde sich nicht zum Ziel setzen, die Staatsmacht zu erobern oder sich durch staatliche Formen kanalisieren zu lassen. Der zapatistische Kampf ist von Anfang an zutiefst antistaatlich, nicht im oberflächlichen Sinne einer Kriegserklärung an den mexikanischen Staat, sondern in seinen Organisationsformen.

Viel interessanter ist die Tatsache, daß im Begriff der Würde eine Kritik der orthodoxen marxistischen Tradition steckt (und mit Orthodoxie meine ich die ganze Tradition, die ihre Wurzeln eher bei Engels als bei Marx hat - ich denke an die leninistische, trotzkistische, gramscianische und in gewissem Maße auch autonomistische Tradition).

Ein zentrales Problem dieser Tradition ist die Art und Weise, wie der Begriff der Entfremdung oder Fetischisierung verstanden wird. Die marxistische Kritik des Kapitalismus besteht darin, daß der Kapitalismus von Entfremdung oder Fetischisierung bestimmt wird: Im Kapitalismus sind die Menschen von sich selbst und der gesellschaftlichen Kreativität, die sie zu Menschen macht, entfremdet, und zu dieser Entfremdung gehört, daß die Verhältnisse zwischen Personen nicht als solche, sondern in Form von Dingen erscheinen.

Diese Entfremdung läßt sich auf zweierlei Weise verstehen. Üblicherweise wird sie als etwas Abgeschlossenes als besiegelte Tatsache verstanden: die Menschen sind entfremdet, die Gesellschaftsverhältnisse sind für das gewöhnliche Bewußtsein undurchdringlich. Daher läßt sich eine Revolution nur als Intervention einer Gruppe vorstellen, der es gelungen ist, den Fetischismus der Gesellschaftsverhältnisse zu durchbrechen, eine Gruppe, die man sich entweder als Avantgardepartei oder als eine Elite von kritischen Intellektuellen vorstellen kann (das sind natürlich wir selbst).

Entscheidend ist dabei das Verhältnis, das zwischen Entfremdung und Aufhebung der Entfremdung herstellt wird. Heute sind die Menschen entfremdet; zukünftig, nach der Revolution wird ihre Entfremdung aufgehoben sein. Oder um es mit den Worten der Zapatistas zu sagen: jetzt werden die Menschen gedemütigt, zukünftig werden sie Würde haben.

Diese Auffassung ist natürlich maßgeblich dafür, wie man sich die revolutionäre Organisation vorstellt. Lenin hat diese Vorstellung mit beeindruckender Klarheit in Was tun? formuliert, aber implizit steckt sie in der ganzen orthodoxen Tradition (und sie hängt eng mit Engels' Auffassung von Wissenschaftlichkeit zusammen - die sich stark von Marx' Auffassung davon unterschied). Wenn die Revolution von der Intervention der Aufgeklärten abhängt, dann kann man kein vollständiges Vertrauen zur Meinung der normalen Menschen haben. Die organisatorische Form der revolutionären Bewegung muß den Aufgeklärten besonderes Gewicht geben - und wir alle kennen die Probleme, die sich aus dieser Auffassung ergeben.

3. Dem zapatistische Ausdruck vom Kampf um die Umwandlung von »Würde und Rebellion in Freiheit und Würde« läßt sich entnehmen, daß die Zapatistas eine andere Auffassung von Entfremdung haben - eine Auffassung, die mir viel näher an Marx und an der verstreuten Tradition des subversiven Marxismus, die neben vielen anderen mit den Namen Pannekoek, Bloch oder Adorno verbunden ist, zu liegen scheint. Wenn der Kampf darum geht, Würde und Rebellion in Freiheit und Würde zu verwandeln, dann geht man davon aus, daß es die Würde schon heute gibt - natürlich nicht im Sinne der unehrlichen und grotesken Fantasien des liberalen Denkens als etwas Etabliertes, sondern eher als der heutige Kampf gegen die Negation der Würde. Die Würde existiert als die Negation der Negation der Würde, nicht in der Zukunft, sondern als heutiger Kampf. Oder, um es in traditionellerer Sprache zu sagen, die Aufhebung der Entfremdung existiert nicht nur in der Zukunft, sondern als heutiger Kampf gegen die Entfremdung. Die Würde als Kampf gegen die Demütigung ist ein integraler Teil der Demütigung selbst.

Dieser Begriff von Würde hat enorme Bedeutung für unser Denken über die Revolution und über die Formen der politischen Organisierung. Wenn der Ausgangspunkt die Würde der Kämpfenden ist (und wir kämpfen alle, da wir alle gedemütigt werden), dann muß der Kampf der Würde ein Kampf sein, der von den kämpfenden Menschen definiert wird. So erschließen sich die Praktiken, die mit zapatistischen Slogans wie »gehorchend befehlen« und »fragned schreiten wir voran« verbunden sind. Die Revolution besteht nicht im Sprechen, sondern im Zuhören oder vielleicht besser im zuhörend Sprechen, im Dialog, weniger in einem Ankommen als in einem Aufbruch.

Daher gibt es kein Übergangsprogramm und kann es auch kein Übergangsprogramm geben. Der Begriff der Würde als revolutionäres Prinzip bedeutet notwendigerweise, daß die Revolution gemacht wird, während sie gemacht wird, daß der Weg im Laufen entsteht, nicht weil die Ideen fehlen, sondern aus Prinzip. Die Revolution ist nicht definiert, und vor allem ist die Revolution antidefinitorisch, eine Revolution gegen die Definition, eine Revolution gegen die Identifizierung, gegen die Auferlegung von Identitäten.

Im Gegensatz zur Engels'schen Traditions, die sich durch Definitionen und vor allem durch die Definition der Arbeiterklasse entwickelt (so daß die Würde, falls sie überhaupt erwähnt wird, eine von den Grenzen der Entfremdung beschränkte Würde ist), stellt die zapatistische Betonung der Würde das Unbeschränkte ins Zentrum des Bildes, nicht nur das Undefinierte, sondern das Antidefinitorische. Eine Grenze zu definieren, heißt, die Offenheit der Kreativität zu leugnen. Die Würde ist eine Spannung, die über sich selbst, über Begrenzungen, Definitionen und Identifikationen hinausweist. Die Würde bedeutet also keine Identitätspolitik, sondern genau das Gegenteil: die Bestätigung und gleichzeitige Überschreitung der Identität. Die Würde ist und ist nicht: sie ist der Kampf gegen die Negation von sich selbst. Die Würde bedeutet eine beständige Bewegung gegen die Grenzen des Bestehenden, eine Subversion und Überschreitung von Definitionen. (Daher können wir nicht im Sinne von Identitäten sprechen: Die Identität ist immer eine Oberflächlichkeit, eine Lüge: Die Identifikation ist wie die Entfremdung, wie die Fetischisierung immer ein Prozeß, der Kampf der Macht <the struggle of Power>.)

Die Würde führt uns also in andere grammatische Zeiten. Für die liberale Theorie gibt es eine Gegenwart, eine Zukunft, die als Verlängerung der Gegenwart verstanden wird, und eine Vergangenheit, die vorbei ist. Die Grammatik der Engels'schen oder leninistischen Tradition ist nicht sehr anders: Es gibt eine Gegenwart (der Kapitalismus, die Entfremdung, das Reich der Notwendigkeit) und eine Zukunft, die nicht die Verlängerung, sondern die Negation der Gegenwart ist, die aber nichtsdestoweniger nur die Zukunft ist (der Kommunismus, die Aufhebung der Entfremdung, das Reich der Freiheit). Aber im zapatistischen Diskurs und in der Marx'schen Theorie sind die grammatischen Zeiten anders. Die Gegenwart wird durch eine Art Konjunktiv ersetzt, eine antagonistische Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist aber vielleicht sein könnte: Ich kann nicht sagen, »ich bin«, sondern nur »Ich bin und bin nicht, Ich bin, aber ich bin voller Projekte, Ängste, Träume von einer anderen Welt, die nicht ist und vielleicht nie sein wird aber vielleicht sein könnte«. Die ganze marxistische Konstruktion und der ganze zapatistische Diskurs beruht auf dieser anderen Grammatik, einer Grammatik die sehr nahe an unserer täglichen Erfahrung aber sehr weit von der Sprache der Sozialwissenschaften ist.

Diese beiden Begriffe (die ein Begriff sind), nämlich die Idee, daß die Revolution antidefinitorisch ist, und die Veränderung der Zeiten verbinden sich in einem Satz aus einem Kommuniqué von Marcos von Mai 1996, wo er Worte in den Mund der Macht legt und die Macht sagt, »ich bin die, die ich bin, die ewige Wiederholung«, und zu den Zapatistas sagt: »Seid nicht seltsam, weigert euch nicht, klassifiziert zu werden. Alles, was sich nicht klassifizieren läßt, zählt nicht, existiert nicht, ist nicht.« Die Ablehnung der Klassifizierung und die Grammatik der ewigen Gegenwart drücken sich im gesamten zapatistischen Diskurs aus, in den Gedichten, in den Witzen, im Spott über den Staat, die Linke und sich selbst - in all den Elementen, die anfänglich in einer strengeren linken Tradition erzogene Leute schockierten, die aber keine Verzierung der Revolution sind, sondern zentral für die Auffassung davon, was eine Revolution ist. Die Zapatistas tanzen, sie tanzen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sie haben sogar ihre Marimba mitgenommen, als sie nach der Intervention der Armee in die Berge geflohen sind. Aber nicht nur sie tanzen, sondern auch ihre Begriffe, und das müssen wir von ihnen lernen.

John Holloway

 

Anmerkung: Dieses Papier wurde ursprünglich bei der Ersten Konferenz der PhilosophInnen und SozialwissenschaftlerInnen der USA, Kanadas und Mexikos am 26. bis 28. Juni 1997 in Puebla vorgetragen. Es beruht auf einem viel längeren Artikel mit dem Titel »The Revolt of Dignity«, der als Teil eines Buchs mit dem Arbeitstitel The International of Hope: Reflections on the Zapatista Uprising bei Pluto Press veröffentlicht werden soll.