Make your own free website on Tripod.com
Zum Widerstand der deutschen Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus 1933-1945

Von Friedemann Schmidt

Aus: Thesenpapier »Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland 1933-45«, FU Berlin 1994

"Die Gegenrevolution hat kampflos die Höhen besetzt. Sie beherrscht das Tal, und wir leben im Tal. Minister a.D. laufen mit verdattertem Gesicht herum und schwelgen in Radikalität. Hohe Funktionäre schwärmen plötzlich für die »rote Einheit« die sie sonst mit Maßregelungen prämiiert haben. Es ist schwer, ihre späte Erleuchtung hinzunehmen, ohne grob zu reagieren. Es ist schwer daran zu glauben, daß sie einmal bessere Kämpfer werden können. Wir werden wohl mit neuen Menschen wieder beginnen»müssen." (1)

Kaum jemand hat so eindrücklich den Niedergang der Weimarer Republik und das Versagen der deutschen Linken vor dem Faschismus beschrieben, wie der Publizist Carl von Ossietzky, der seinen Versuch der Aufrechterhaltung einer kritischen Öffentlichkeit im "Dritten Reich" schließlich mit dem Tode bezahlte (2). Die tiefe Enttäuschung über das Ausbleiben eines energischen und geschlossenen Widerstandes der Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus, die in seinen Worten zum Ausdruck kommt, wirft nicht nur ein grelles Licht auf die Situation in Deutschland unmittelbar nach der "Machtergreifung" - zugleich nimmt sie die Resignation vorweg, die sich nur wenig später angesichts der Konsolidierung des NS-Systems und der brutalen Verfolgung der Arbeiterbewegung auf der gesamten deutschen Linken breitzumachen drohte. Daß in Deutschland nach 1933 die größte und hoffnungsvollste Sektion der internationalen Arbeiterbewegung in einem kapitalistischen Staat so schnell und vollständig zerschlagen werden konnte, sorgte nicht nur im nationalen Rahmen, sondern weltweit für einen Schock auf der Linken, dessen Folgen bis heute nachwirken. Die tiefgreifende Bedeutung der Niederlage von 1933 gilt es denn auch immer mit zu berücksichtigen, wenn im Folgenden vom Widerstand der Arbeiterbewegung die Rede ist, der nichtsdestotrotz die zahlenmäßig größte und entschiedenste Opposition gegen den Nationalsozialismus in Deutschland stellte. "Die Gruppen des Arbeiterwiderstandes kämpften getrennt und wurden getrennt geschlagen, aber: sie kämpften" (3)

Auch nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" verharrten die beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD "in der seit 1918 gewohnten Kampfstellung" (4). So war ihr Verhalten zueinander weniger von der gemeinsamen Gegnerschaft zum Faschismus geprägt, sondern vorrangig von der politischen "Konkurrenz zwischen dem sozialdemokratischen Leitbild der sozial verfaßten parlamentarischen Demokratie und dem kommunistischen Ziel eines revolutionären Rätedeutschland" (5). Im Zeichen des linkssektiererischen Kurses der Komintern und der damit verbundenen "Sozialfaschismus"-These" galt der KPD seit 1928 die Sozialdemokratie als gefährlichster Gegner innerhalb eines in seiner Gesamtheit zum Faschismus treibenden bürgerlichen Lagers "von Wels bis Hitler" (6). Das von ihr propagierte Konzept der antifaschistischen "Einheitsfront von unten" vertiefte aufgrund seiner Stoßrichtung gegen die "sozialdemokratischen Führer" das traditionelle Mißtrauen der SPD und ihrer Organisationen gegenüber den Kommunisten. Verstärkt wurde die politische Spaltung der Arbeiterbewegung durch die Existenz miteinander konkurrierender Organisationen, Verbände und Gewerkschaften, sowie durch die soziale Aufspaltung in Arbeitslose und Erwerbstätige (7). All dies stand schon vor 1933 einer gemeinsamen Abwehrfront gegen den Nationalsozialismus entgegen, der zudem in beiden Lagern zunächst völlig unterschätzt und als Phänomen einer Übergangsperiode im Zeichen der Weltwirtschaftskrise gesehen wurde. So verhallten die realistischeren Einschätzungen kleiner linkssozialistischer und kommunistischer Gruppierungen in- und außerhalb der großen Arbeiterparteien weitgehend ungehört. Dies änderte sich auch nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" zunächst nicht. Erst im Zeichen der zunehmenden Repression wuchs sowohl im Inland wie im Exil die Bereitschaft zur selbstkritischen Reflexion und zur strategischen Neuorientierung (8).

Weitgehend unabhängig voneinander - und nichtsdestotrotz "in mannigfacher Verschränkung" - entwickelten die verschiedenen Gruppierungen der Arbeiterbewegung unterschiedliche Widerstandskonzeptionen, die von der Bewahrung von Tradition, Gesinnung und Zusammenhalt über das Entwerfen von Plänen für ein postfaschistisches Deutschland bis hin zu unmittelbaren Aktionen zur Beeinträchtigung bzw. zum Sturz des NS-Systems reichten (9). Obwohl die Organisationsstrukturen der großen Arbeiterparteien bereits in den ersten Jahren des NS-Regimes weitgehend zerschlagen wurden, rissen die Bemühungen um Reorganisation, offensive Aufklärungsarbeit und aktiven Widerstand seitens der Arbeiterbewegung nie gänzlich ab. Hierbei verliefen die Entwicklungen in den verschiedenen Parteien und Gruppierungen unterschiedlich.

Erstes Ziel der nationalsozialistischen Repression nach der "Machtergreifung" war die kommunistische Bewegung in Deutschland. Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 lieferte den Vorwand für das Verbot der KPD und die massenhafte Verfolgung von Funktionären, Mitgliedern und Anhängern der Partei. Schon in dieser frühen Phase wurde ein Großteil der Organisation zerschlagen, "mehr als die Hälfte der Spitzenfunktionäre wurde verhaftet oder ermordet" (10). Am 3. März wurde auch der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann Opfer der Massenverhaftungen (11). Nahezu ihres gesamten unteren und mittleren Funktionärskaders beraubt, versuchte die Partei in den folgenden Wochen und Monaten, sich zu reorganisieren. Hatte man zwar schon unmittelbar nach der "Machtergreifung" den Parteiapparat in die Illegalität überführt, so behinderten der zentralistische Aufbau und die strategische Linie der Partei die Untergrundarbeit erheblich. Nicht selten wurde durch die Verhaftung einzelner Funktionäre ein ganzer KPD-Unterbezirk lahmgelegt. Die Aufrechterhaltung der innerparteilichen Infrastruktur - noch bis 1935 (sic!) wurden beispielsweise Beitragsmarken an die Mitglieder verkauft (12)- erleichterte der Gestapo die Aufdeckung und Zerschlagung ganzer Parteigliederungen erheblich. Zudem setzte die KPD ihre Mitglieder durch die Orientierung auf Massenagitation (Verteilen von Flugblättern, Anbringen von Losungen an Haus- und Fabrikwänden, "Kurzdemonstrationen" u.v.m.) einem hohen Verhaftungsrisiko aus. Tausende von Kommunisten wurden in den ersten Jahren des NS-Regimes festgenommen und und in Konzentrationslager verschleppt.

Obwohl die KP-Führung noch bis 1935 offiziell an ihrer These festhielt, daß ein revolutionärer Arbeiteraufstand gegen das NS-Regime unmittelbar bevorstehe, fanden bereits ab Mai 1933 Umstrukturierungen im Parteiapparat statt. So emigrierte ein Teil des Politbüros nach Paris und bildete dort die "Auslandsleitung" der Partei. Bereits ab August 1933 arbeitete dort der reorganisierte Propagandaapparat unter Willi Münzenberg wieder auf Hochtouren, im Herbst siedelte das gesamte Politbüro in die französische Hauptstadt über. In Berlin wurde eine "Landesleitung" etabliert, die mit Hilfe von "Instrukteuren" den Kontakt zu den verschiedenen kommunistischen Basisgruppen im Reich zu halten suchte (13). Ab 1934 übernahmen diese Aufgabe zunehmend Grenzstellen der Partei im benachbarten Ausland - so in Kopenhagen, Amsterdam, Saarlouis, Prag und Basel. Trotz immer neuer Verhaftungen (14) und brutalster Repressionsmethoden gelang es der Gestapo nicht, die fortwährende Neubildung kommunistischer Zellen im Reich zu unterbinden. So heißt es Ende 1934 in einem Gestapo-Bericht:

"Trotz schärfster Überwachung der KPD-Bewegung, verhältnismäßig schneller Zerschlagung der einzelnen Organisationszellen und abschreckender Strafen für die zahlreich festgenommenen Funktionäre finden sich immer wieder Personen, die sich der illegalen KPD-Arbeit zur Verfügung stellen und versuchen, den Organisationsapparat neu aufzuziehen." (15)

Ab 1935 freilich ließ sich die bislang verfolgte KPD-Strategie aufgrund der außerordentlich hohen Verluste an Aktivisten nicht mehr aufrechterhalten. Die Bildung kleinster dezentraler Zellen wurde weiter forciert, auf riskante, spektakuläre Aktionen zunehmend verzichtet. Bereits seit 1934 hatte sich die Komintern - im Zeichen einer veränderten sowjetischen Außenpolitk - schrittweise vom ultralinken Kurs verabschiedet und orientierte auf die Bildung von antifaschistischen Volksfrontbewegungen in Europa. Dieser neue Kurs wurde auf dem VII. Weltkongreß der Komintern in Moskau für alle Ländersektionen verbindlich festgeschrieben. Da es innerhalb der KPD-Führung zu Widerständen gegen diese Neuorientierung kam, wurden die deutschen Kommunisten auf einer eigens einberufenen Konferenz (sog. "Brüsseler Konferenz") auf die neue Linie eingeschworen. Ein neues Politbüro wurde bestimmt, dessen Mitglieder eine neue Auslandsleitung mit Sitz in Prag (bis September 1936) bzw. Paris (bis 1939) bildeten.

Die illegal im Reich arbeitenden Kommunisten erfuhren nur zu einem relativ kleinen Teil von den Veränderungen an der Parteispitze. Lediglich auf regionaler bzw. lokaler Ebene wurde der neue Volksfrontkurs vereinzelt in die Praxis umgesetzt. Die von der Führung propagierte Taktik des "Trojanischen Pferdes" (Unterwanderung der DAF-Betriebsgruppen durch Kommunisten) hingegen wurde von den meisten Widerstandsgruppen bewußt ignoriert. Entscheidend hierfür war nicht nur die zunehmend erschwerte Kommunikation zwischen den illegalen Gruppen im Inland und der KP-Führung - angesichts immer irrealerer Vorstellungen der Emigrationsleitung über den Kampf in der Illegalität verweigerten sich die Widerstandsgruppen in zunehmendem Maße den Instruktionen, die von außen an sie herangetragen wurden (16). Die "großen Säuberungen" unter Stalin, die zwischen 1936 und 1938 den Funktionärskader der Exil-KPD erheblich dezimierten, trugen ebenso zur wachsenden Distanz zwischen den in Deutschland operierenden Gruppen und der Komintern- bzw. Parteiführung bei (17). Zum Bruch vieler Kommunisten mit der Partei kam es schließlich anläßlich der Unterzeichnung des "Hitler-Stalin-Paktes" am 24. August 1939, die einen Schock für die gesamte kommunistische Weltbewegung darstellte und zur fast vollständigen Einstellung der kommunistischen Widerstandstätigkeit in Deutschland führte (18).

Erst nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 entstanden wieder neue kommunistische Widerstandsgruppen im Reichsgebiet. Die Exil-Leitung der KPD war bemüht - nach einem bereits mißlungenen Reorganisationsversuch in Jahren zwischen 1939 und 1941 -, den Kontakt mit der Basis in Deutschland wieder herzustellen. Unter Wilhelm Knöchel wurde zwischen 1941 und 1943 erneut der Aufbau einer Inlandsleitung in Angriff genommen. Nach dem Scheitern dieses Unterfangens wurde erneut deutlich, "daß der kommunistische Widerstand im Krieg nicht vom Ausland her zu leiten war" (19). Allerdings bildeten sich nun selbständige kommunistische Gruppen in Deutschland, die eine z.T. beachtliche Widerstandstätigkeit entfalteten. In diesem Zusammenhang zu nennen sind v.a. die Gruppe um Georg Schumann und Otto Engert in Leipzig, die Berliner Gruppe um Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein, die, ebenfalls in Berlin agierende Gruppe um Robert Uhrig, sowie eine Gruppe, die sich in Thüringen um Theodor Neubauer und Magnus Poser bildete. Neben der Herstellung und Verbreitung von Flugschriften, der Sabotage der Rüstungsproduktion, der Waffenbeschaffung u.v.a.m. knüpften diese Gruppen auch Kontakte untereinander und beteiligten sich z.T. an der Konspiration des 20. Juli 1944. Zur Gruppe um Anton Saefkow nahmen die an der Verschwörung maßgeblich beteiligten Sozialdemokraten Julius Leber und Adolf Reichwein Kontakt auf, wurden aber 1944 im Zuge der Aufdeckung der Gruppe verhaftet (20). Ein ähnliches Schicksal ereilte im selben Jahr auch die meisten Mitglieder der anderen Gruppen. Relativ lange unentdeckt konnte eine andere Organisation in Deutschland arbeiten, die später unter dem Namen "Rote Kapelle" weltweit bekannt wurde (21). Es handelte sich hierbei um einen internationalen Nachrichtendienst der Sowjetunion, dem aber in Deutschland auch zahlreiche Antifaschisten aus dem nicht-kommunistischen Spektrum zuarbeiteten. Unter der Leitung des Luftwaffenoffiziers Harro Schulze-Boysen und dem Oberregierungsrat in der Außenwirtschaftsabteilung des Reichswirtschaftsministeriums Arvid Harnack bauten die beiden Unterorganisationen der Gruppe ein weitreichendes Widerstandsnetz in Deutschland auf, welches sich vorwiegend mit Propagandatätigkeiten befaßte und parallel hierzu Funkkontakte ins Ausland hielt. Mit ihrem Blatt "Die innere Front" versuchte die "Rote Kapelle", auch die zahlreichen Zwangsarbeiter in Deutschland zu erreichen und zu mobilisieren. 1942 konnte die deutsche Gegenspionage den Sender der Organisation in Brüssel orten und im Anschluß daran umfangreiche Verhaftungen unternehmen. Nach schweren Folterungen bei den Verhören erfuhr die Gestapo von den Verhafteten vom Ausmaß der Organisation. Hitler befahl - wie auch in anderen Fällen - die Aufteilung der Widerstandsgruppe in kleinere Einheiten, um kein Aufsehen zu erregen. Zahlreiche Mitglieder der "Roten Kapelle" wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet (22).

Eine andere Gruppe unter sowjetischem Einfluß war das "Nationalkomitee Freies Deutschland", welches 1943 nach der deutschen Niederlage vor Stalingrad in Moskau von deutschen Kriegsgefangenen gegründet wurde. Dieser, in der Bundesrepublik bis in die jüngste Zeit des "Landesverrats" bezichtigten, Gruppe gehörten "auch konservativ eingestellte deutsche Offiziere an, die sich dazu durchgerungen hatten, das Deutschland Hitlers mit allen Mitteln zu bekämpfen" (23). Nach dem Moskauer Vorbild wurden in Deutschland gleichnamige Gruppen gegründet, die sich als überparteiliche Zusammenschlüsse gegen den Faschismus verstanden und diesen aktiv bekämpften.

Die SPD und die ihr nahestehenden Gewerkschaften versuchten nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" zunächst, mit einem legalistischen Kurs der Verfolgung und Zerschlagung ihrer Organisationen zu entgehen. Obwohl gleich nach dem 30. Januar 1933 Massendemonstrationen von Arbeitern in den großen Städten stattfanden, mit denen die Basis Kampfbereitschaft demonstrierte, bereitete sich die SPD-Führung - in der Hoffnung auf ein baldiges Ende des NS-Regimes - lediglich auf die angekündigten Wahlen vor, die freilich die neue Regierung im Amt bestätigten. Als diese am 23. März 1933 im Reichstag das Ermächtigungsgesetz zur Abstimmung brachte, stimmte die, bereits durch Verhaftungen dezimierte, sozialdemokratische Reichstagsfraktion als einzige Gruppierung (die KPD war bereits verboten) gegen die Vorlage. Obwohl die Sozialdemokraten in der Folgezeit mehrheitlich einen defensiven Kurs verfolgten (24) - so trat Otto Wels aus der Führung der Sozialistischen Arbeiterinternationale aus und die sozialdemokratischen Gewerkschaften trennten sich von der SPD -, wurden Gewerkschaften und Partei im Mai und Juni 1933 aufgelöst und verboten. Schon vor dem Parteiverbot hatte die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu Hitlers "Friedensrede" vom 17. Mai 1933 zur faktischen Parteispaltung geführt (25). Im Prager Exil bildete ein Teil der SPD-Führung eine neue Organisation, die "Sopade", die zum entschiedenen Widerstand gegen das NS-Regime aufrief. Über die Einrichtung von "Grenzsekretariaten" mit Kontaktadressen in Grenznähe wurde von den Emigranten von Prag (später von Paris bzw. London aus) ein weitverzweigter Nachrichtendienst aufgebaut, der Nachrichten aus dem Deutschen Reich ins Ausland schleuste und die sozialdemokratischen Untergrundgruppen im Inland mit Geld, Flugblättern und Vervielfältigungsgeräten versorgte. Einige dieser Gruppen - so die "Sozialistische Front" in Hannover oder der "Rote Stoßtrupp" in Berlin - hatten sich schon vorher als Opposition gegen den Kurs der Parteiführung konstituiert und entwickelten regional eine intensive propagandistische Widerstandstätigkeit. Daneben existierte eine Vielzahl von Gruppen und Grüppchen ehemaliger Parteimitglieder, die sich - weitgehend ohne Verbindung untereinander - in Diskussionskreisen, Gesangs- und Wandervereinen, Sport- und Kegelclubs organisierten und sich hauptsächlich darauf beschränkten, traditionelle Bindungen aufrechtzuerhalten. Dies geschah zumeist noch in der Hoffnung auf ein baldiges Ende der NS-Herrschaft und ohne größere Vorsichtsmaßnahmen. Zahlreiche dieser Gruppen wurden jedoch rasch von der Gestapo aufgedeckt und zerschlagen. Ab Ende 1934 wurde eine Reihe von Hochverratsprozessen gegen ehemalige Sozialdemokraten durchgeführt, so etwa gegen den früheren stellvertretenden "Vorwärts"-Chefredakteur Franz Klühs, gegen Mitglieder des Berliner "Roten Stoßtrupps" und andere illegal arbeitende Organisationen und Neugründungen. 1936/37 wurde auch die Hannoversche "Sozialistische Front" entdeckt, über 200 ihrer Mitglieder verhaftet und verurteilt. "Mit einem großen Teil der Parteiführung in Haft oder im Exil befand sich die SPD damals in einer Lage zwischen Lethargie und Reaktivierung und sah sich zu Zurückhaltung und Vorsicht gezwungen. Für den sozialdemokratischen Widerstand waren diese Jahre eine Zeit der Stagnation." (26) Nichtsdestostrotz führten zahlreiche kleine selbständige Gruppen unter großen Opfern ihre riskante Tätigkeit fort. Hierbei kam es auch zur Zusammenarbeit mit Mitgliedern anderer Gruppen und Parteien der Arbeiterbewegung, sowie mit Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen (27). Erst während des Zweiten Weltkriegs gelang es führenden Sozialdemokraten um Wilhelm Leuschner und Julius Leber, die Kontakte zur bürgerlichen und nationalkonservativen Opposition unterhielten, von Berlin aus ein weitverzweigtes Netz von Vertrauensleuten aufzubauen, welches für den Fall eines Militärputsches bereitstand und auch in die Planungen des 20. Juli 1944 einbezogen wurde (28).

Neben den aus SPD und KPD entstandenen Gruppen waren auch eigenständige linkssozialistische und kommunistische Parteien und Organisationen im Untergrund tätig. Ihnen gemeinsam war die frühe Einsicht in die Notwendigkeit einer grundlegenden Erneuerung und Einigung der Arbeiterbewegung. Aufgrund ihrer meist realistischeren Einschätzung des Nationalsozialismus und ihres konspirativen Kleingruppen-Charakters konnten sich diese Gruppen zumeist besser auf die Bedingungen der Illegalität einstellen, als dies den großen Parteien möglich war. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang v.a. die KPO und die SAP, die sich zu Beginn der 30er Jahre von den großen Parteien abgespalten hatten, sowie der "Internationale Sozialistische Kampf-Bund" (ISK). Diese Gruppierungen, die eine umfangreiche konspirative Tätigkeit gegen den Nationalsozialismus entfalteten und z.T. erstaunlich lange aufrechterhalten konnten, arbeiteten lagerüberschreitend mit anderen Gruppen der Arbeiterbewegung zusammen und unterhielten zahlreiche Kontakte ins Ausland. Doch auch diese Organisationen wurden großenteils von der Gestapo aufgedeckt und bis 1938 weitgehend zerschlagen (29).

Eine besondere Rolle spielte die Gruppe "Neu Beginnen" (vormals "Leninistische Organisation"), die sich bereits 1929 unter Walter Löwenheim von der KPD abgespalten hatte. Diese, seit ihrer Gründung streng konspirativ arbeitende, Kaderorganisation konnte 1933 den Übergang in die Illegalität nahezu bruchlos vollziehen (30). Im Frühherbst 1933 veröffentlichte Löwenheim in Karlsbad unter dem Pseudonym "Miles" die programmatische Schrift "Neu Beginnen!", die nicht nur eine scharfsinnige Analyse des nationalsozialistischen Aufstiegs in Deutschland beinhaltete, sondern ebenso eine Abrechnung mit den Fehlern der großen Arbeiterparteien und den Aufruf zur Bildung einer neuen revolutionären marxistischen Partei (31). Die Schrift fand in- und außerhalb Deutschlands große Aufmerksamkeit und führte zur Bildung zahlreicher Zellen und Zirkel im Reich, von denen einige noch bis 1944 existierten. Nach anfänglicher Zusammenarbeit mit der SPD-Auslandsleitung und ersten Verhaftungen im Jahre 1935 näherte sich die Organisation der "Volksfront"-Gruppe um Otto Brass und Hermann Brill an, mit der sie 1938 zusammen ein gemeinsames Programm unter dem Titel "Deutsche Freiheit" veröffentlichte. Hierin wurde unter anderem die Notwendigkeit unterstrichen, "der ideellen Ablehnung des Regimes eine politische Form zu geben" (32). 1938 wurde ein großer Teil der Mitglieder von "Neu Beginnen" verhaftet. Diejenigen unter ihnen, die noch rechtzeitig ins Ausland fliehen konnten, setzten ihre Arbeit von dort aus fort - so etwa beim "Sender der Europäischen Revolution", der zwischen 1940 und 1942 aus Großbritannien nach Deutschland sendete. Gedanken und Ziele von "Neu Beginnen" sind 1945 von autonomen antifaschistischen Gruppen aufgegriffen worden, die unmmittelbar vor und nach Kriegsende in ganz Deutschland auftraten, jedoch bald von den Besatzungsmächten aufgelöst wurden (33).

Zu einer umfassenden, lagerübergreifenden Kooperation kam es während des "Dritten Reichs" innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung nicht. Der einzige erfolgversprechende Attentatsversuch aus ihren Reihen - der Anschlag Georg Elsers auf Adolf Hitler am 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller - war die mutige Tat eines Einzelgängers, der auf eigene Faust gegen soziale Ungerechtigkeit und Krieg eintrat (34). Fatalerweise fanden Angehörige und Aktivisten der großen Arbeiterparteien erst hinter Stacheldraht in den Konzentrationslagern zu einigen gemeinsamen Aktionen zusammen. Obwohl bis heute umstritten ist, "ob eine einheitlichere Arbeiterbewegung dem nationalsozialistischen Ansturm hätte standhalten können" (35) und insbesondere, ob die Krisen des NS-Systems in den Jahren 1934, 1938/39 und 1943/44 bei geringfügig anderer Entwicklung reale Eingreifchancen für einen im Untergrund organisierten Arbeiterwiderstand geboten hätten (36), bleibt festzuhalten, daß "selbst eine letztlich erfolglose geschlossene Abwehrreaktion [der Arbeiterbewegung] ... zumindest ihre Anhänger vor jenem weit verbreiteten Gefühl der Depression, Hilflosigkeit und Wehrlosigkeit bewahrt [hätte], das sich nach der kampflosen Niederlage 1933 und der demütigenden Erfahrung des SA-Terrors in den Arbeitersiedlungen ausbreitete" (37)

Fußnoten:
(1) Carl von Ossietzky: Kavaliere und Rundköpfe, in: Die Weltbühne vom 7. Februar 1933, zit. nach ders.: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933, Berlin/DDR und Weimar 1985 (orig. 1970), S.297f.
(2) Ossietzky verstarb, von langer KZ- und Gefängnishaft zugrunde gerichtet, unter Polizeiaufsicht am 4. Mai 1938 in einer Berliner Klinik (vgl. Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft, München 1983 (Orig. "Who's who in Nazi Germany", London 1982), S.203.
(3) Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn. Ideologie und Politik Adolf Hitlers, Gütersloh/München 1989, S.213.
(4) Detlev Peukert: Zur Rolle des Arbeiterwiderstands im "Dritten Reich", in: Christoph Kleßmann/Falk Pingel (Hrsg.): Gegner des Nationalsozialismus. Wissenschaftler und Widerstandskämpfer auf der Suche nach historischer Wirklichkeit, Frankfurt/Main 1980, S.73ff., hier S.79.
(5) Ebd., S.77.
(6) Ebd., S.78
(7) Vgl. Detlev Peukert: Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945, in: Klaus-Jürgen Müller (Hrsg.): Der deutsche Widerstand 1933-1945, Paderborn/München/Wien/Zürich 1986, S.162.
(8) Ebd., S.171ff.; vgl. auch ders.: Zur Rolle des Arbeiterwiderstands im "Dritten Reich", a.a.O., S.79.
(9) Vgl. hierzu Detlev Peukert: Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945, a.a.O., S.160.
(10) Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich. Ein Überblick, München 1994 (6. überarb. Aufl., Orig. München 1979), S.54.
(11) Thälmann wurde 1944 im KZ Buchenwald ermordet. Bis heute ungeklärt ist die Frage, ob die Moskauer Sowjetführung nach Abschluss des "Hitler-Stalin-Paktes" vom August 1939 seine Freilassung hätte erwirken können und dies - im Gefolge der zielgerichteten Zerschlagung der alten KPD-Führung im Zuge der "Grossen Säuberung" (1936-38) - bewusst unterlassen hat.
(12) Vgl. Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn, a.a.O., S.214.
(13) Vgl. Hermann Weber: Die KPD in der Illegalität, in: Richard Löwenthal/Patrick von zur Mühlen (Hrsg.): Widerstand und Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945, , Berlin/Bonn 1982, S.83ff., hier S.87.
(14) Vor allem betraf die Dezimierung den Führungskader der Partei. Einem Bericht Wilhelm Piecks vom Oktober 1935 zufolge waren "von 422 leitenden Parteifunktionären (das waren die Mitglieder und politischen Mitarbeiter des Zentralkomitees, die führenden Funktionäre der Bezirke und der kommunistischen Nebenorganisationen) 24 ermordet und 219 inhaftiert worden. Weitere 125 befanden sich im Exil, 41 waren aus der Partei ausgeschieden, so dass nur noch 13 [sic!] im illegalen Kampf in Deutschland aktiv waren." (ebd., S.89).
(15) Ebd.
(16) Vgl. ebd., S.93f.
(17) Ebd., S.94f.; deutlich wurde die wachsende Kluft zwischen Führung und Basis nicht zuletzt auch durch die Forderungen, die auf der sog. "Berner Konferenz" Anfang 1939 formuliert wurden und weit von der tatsächlichen Situation der im Reich agierenden Gruppen entfernt waren (vgl. ebd., S.96).
(18) Vgl. hierzu insbes. Wolfgang Leonhard: Der Schock des Hitler-Stalin-Paktes, München 1989. Die Auswirkungen des Paktes für das kommunistische Exil beschreibt Hans-Albert Walter in seinem hervorragenden Aufsatz (Hans-Albert Walter: Das Pariser KPD-Sekretariat, der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag und die Internierung deutscher Emigranten in Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, in: VfZG 1988/Nr.3/S.483ff.). Walter weist nach, daß das Pariser ZK-Sekretariat der KPD unter Franz Dahlem nach Abschluß des Paktes zeitweilig eine eigenständige Politik betrieben hat, um - entgegen den ausdrücklichen Moskauer Instruktionen - die Fortführung des antifaschistischen Kampfes gegen Hitler-Deutschland zu erreichen.
(19) Hermann Weber: die KPD in der Illegalität, a.a.O., S.97.
(20) Vgl. Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn, a.a.O., S.214; vgl. auch Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich, a.a.O., S.63.
(21) Vgl. hierzu Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich, a.a.O., S.60ff.
(22) Ebd.
(23) Vgl. Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn, a.a.O., S.214f.
(24) Ausnahmen bildeten etwa die in verschiedenen Städten von Sozialdemokraten initiierten Protestdemonstrationen gegen den "Judenboykott" vom 1. April 1933 (vgl. Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich, a.a.O., S.69).
(25) Vgl. Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn, a.a.O., S.215.
(26) Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich, a.a.O., S.73.
(27) Ebd., S.78.
(28) Ebd., S.78; vgl. hierzu auch Detlev Peukert: Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945, a.a.O., S.164.
(29) Vgl. Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn, a.a.O., S.215; vgl. hierzu auch Detlev Peukert: Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945, a.a.O., S.164.
(30) Bereits im Jahre 1932 "waren die Mitglieder in Fünfergruppen unterteilt und Massnahmen für den Fall einer nationalsozialistischen Machtergreifung getroffen worden" (Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich, a.a.O., S.71).
(31) Vgl. Miles: Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus, in: Kurt Klotzbach: Drei Schriften aus dem Exil, Berlin und Bonn - Bad Godesberg 1974, S.1ff.
(32) Ger van Roon: Widerstand im Dritten Reich, a.a.O., S.72.
(33) Zu diesen Gruppen schreibt Detlev Peukert: "In der kurzen Zeit bis zu ihrer Unterdrückung oder Kanalisierung durch Besatzungseingriffe in Ost und West entwarfen sie das Leitbild einer nationalen und demokratisch-sozialistischen Erneuerung aus dem Widerstand heraus." (vgl. ders.: Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945, a.a.O., S.169); vgl. auch Wolfgang Wippermann: Der konsequente Wahn, a.a.O., S.216.
(34) Vgl. hierzu Lothar Gruchmann: Georg Elser, in: Hermann Graml (Hrsg.): Widerstand im Dritten Reich. Probleme - Ereignisse - Gestalten, Frankfurt/Main 1984, S.183ff.
(35) Detlev Peukert: Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945, a.a.O., S.162.
(36) Ebd., S.169 u. S.181.
(37) Ebd., S.162