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Die Stimmen aus dem Südosten Mexikos

von Harry Cleaver

Die Zeit der Revolution ist nicht vorbei. Anstatt den Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus zu feiern und einen neuen sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung zu versprechen, befindet sich das kapitalistische Weltsystem in großen Schwierigkeiten – im Osten und im Westen, im Süden und im Norden.

Hört gut auf die Stimmen der Reichen und Mächtigen, und ihr könnt den nervösen Unterton spüren, wenn sie feiern in ihren Vorstandsbüros und Regierungssitzen. Beobachtet sie genau, die Macher der Politik, und ihr werdet bemerken, daß ihr Lächeln oft dünn ist und die Hände mit den Champagnergläsern manchmal unwillkürlich zucken.

Wenn ihr noch genauer hinhört, könnt ihr verstehen, warum. Im Hintergrund könnt ihr andere Stimmen hören, die von Unten, sehr viel zahlreicher. Das sind die Stimmen, die die Mächtigen nicht hören wollen, aber es wird immer schwerer, sie zu ignorieren. Einige dieser Stimmen sind ruhig und bestimmt, reden miteinander in schäbigen Wohnungen. Andere singen und tragen Gedichte vor auf den Marktplätzen oder erregen junge Herzen mit alten Geschichten tief in den Wäldern. Wieder andere diskutieren, planen ihre Zukunft, erfinden neue Welten. Viele sind wütend, werden immer ungeduldiger, egal, ob als Streikposten oder skandierend auf den Straßen. Sie alle reden über Revolution, ob sie diesen Ausdruck gebrauchen oder nicht. Die Politiker des Kapitalismus haben guten Grund, besorgt zu sein.

Globale Krise

Im ganzen Norden ist sowohl die alte Zweite als auch die Erste Welt in einer tiefen Krise. Im Osten hat die vom Westen unterstützte Sparpolitik immer weiter wachsende Arbeitslosigkeit und die Zerstörung sozialer Absicherung gebracht. Fabriken werden geschlossen, Bettler bevölkern die Straße. Der junge 'freie' Markt ist in den Händen westlicher Schwindler und des örtlichen organisierten Verbrechens. Opportunistische Politiker werfen die qualmende wirtschaftliche Unruhe in die Flammen des Rassenhasses.

Im Westen - dem die ex-kommunistischen Länder angeblich nacheifern - herrscht andauernde hohe Arbeitslosigkeit, gibt es wütende Angriffe auf Löhne und Sozialleistungen, wobei diese Experimente mit ökonomischem und sozialem Umbau nicht zu einem neuen Wachstumszyklus geführt haben. Auch hier rosten Fabriken, wächst die Obdachlosigkeit, kanalisieren die Politiker die Unzufriedenheit

in Rassismus und die Angst vor Fremden, vor allem Immigranten. Kurz, die kapitalistischen Gesellschaften des Nordens taumeln und können kein attraktives Modell für den Süden mehr darstellen.

Die Situation im Süden ist aber noch dramatischer. Ein Jahrzehnt der Schuldenkrise, Sparpolitik, Hunger, wachsender Arbeitslosigkeit und sich ausbreitender Krankheiten hat nur wenige isolierte Nester an Profit und Wachstum hervorgebracht. Hier und da haben multinationale Firmen die anderswo geschlossenen Fabriken neu eröffnet, um von den niedrigen Löhnen zu profitieren, die durch die Repression der Polizeistaaten garantiert werden (z.B. in Mexiko oder China). Aber für den größten Teil ist das Entwicklungsprojekt der Nachkriegszeit zur verblassenden Erinnerung geworden, und das Geschwätz vom 'nachhaltigen Wachstum' klingt wie Fantasy. Das lächelnde 'menschliche Antlitz' der kapitalistischen Entwicklung - die Flut, die alle Schiffe hebt - ist abgelöst durch das schmutzige Durcheinander von 'internationalem Wettbewerb', Unterentwicklung, Rassismus, ethnischen Säuberungen und Massenmord.

Das Schlimme derzeit ist die historische Sackgasse. Seit mehr als 20 Jahren ist das bloße Überleben des Kapitalismus bedroht; seine Abscheulichkeit wächst aus seiner Verzweiflung. In mehr als 20 Jahren haben sich die Stimmen im Hintergrund vervielfacht und sind lauter geworden. In den 60ern und frühen 70er Jahren rissen Proteste, Streiks, Guerillakrieg und kulturelle Revolution den westlichen Kapitalismus (Nord und Süd) in die Krise, indem sich neue und alte Bedürfnisse verbanden und die Fähigkeit des Systems, mit ihnen umzugehen, überforderten. Hartnäckiger und umfassender passiver Widerstand produzierte Rigidität und technologischen Stillstand im Osten, was in den 70er und 80er Jahren zur Krise führte. Die Perestroika, die letzte verzweifelte Anstrengung des alten Regimes gegen diese Krise, wurde vom breiten Volksaufstand (Volksbewegungen) in Osteuropa weggefegt.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten verlangen die Menschen Veränderung und ein besseres Leben. Darauf haben die kapitalistischen Politiker reagiert mit oberflächlichen politischen Reformen, monetaristischer Sparpolitik; sie haben Opfer gefordert und immer mehr Arbeit aufgezwungen. Erdrückt von dieser Reaktion wurden die Menschen immer wütender, aber auch selbstbewußter. Wenn die Unternehmer nicht in der Lage oder nicht willens sind, akzeptable Jobs zu akzeptablem Lohn anzubieten, wenn die Regierung unfähig oder nicht willens ist, das Wohlergehen ihrer BürgerInnen zu sichern, dann wenden die Leute sich ab; sie beginnen aufeinander und auf die Stimme ihrer eigenen Bedürfnisse zu hören, um ihren eigenen Weg in die Zukunft zu suchen. So entsteht eine Revolution.

Wer sind diese Leute mit den unerfüllten Wünschen, die zunehmend nach eigenen Lösungen suchen, nach eigenen Wegen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse? Sie sind unterschiedlich, und man kann sie überall in der Gesellschaft finden. Die einfachen Widersprüche des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zwischen Fabrikarbeit und Industriekapital haben sich aufgespalten und sind komplexer geworden. Die Kolonisierung der ganzen Gesellschaft durch Unternehmer und Staat, hat sowohl Zwang und Entfremdung des Kapitalismus, als auch den Antagonismus dagegen verallgemeinert - rund um den Globus.

Zuhören

Wenn wir uns die Zeit nehmen zuzuhören, können wir überall Stimmen wahrnehmen. Sie kommen aus oberen und unteren Stufen der Hierarchie der kapitalistischen Gesellschaft überall in der Welt. Es sind die Stimmen von verschiedenen Menschen, besser oder schlechter situierten, relativ mächtigen und nur ausgebeuteten, von solchen, die besser leben, und solchen, die nur hoffen, zu überleben. Und wir müssen zuhören, weil diese Stimmen von der Sackgasse der heutigen Gesellschaft sprechen und über Wege diskutieren, wieder da raus zu kommen.

Die Gespräche sind so zahllos wie ihre Inhalte unterschiedlich sind. Bitte beachte: ich rede nicht von den bekannten Debatten des Kalten Krieges. Keine der alten Lösungen - irgendwo zwischen westlichem Kapitalismus und östlichem Sozialismus - hat noch Anziehungskraft, da beide in der Krise sind. Sie gelten zwar immer noch als die großen institutionalisierten Experten, die in der Vergangenheit wurzeln. Aber eine wachsende Zahl von Menschen hält die alten Losungen für abgestanden. Sie weisen die alten Weisheiten zurück und suchen gleichzeitig nach neuen. Sie überdenken nicht nur ihren Wortschatz, sondern die Welt.

Aber zuhören lernen ist nicht immer ganz leicht, auch heutzutage nicht. Um den Weg freizumachen, müssen wir uns durch den 'Lärm' des offiziellen Diskurses schlagen, Debatten darüber, wie die Krise innerhalb des alten Gefüges 'zu lösen' sei, erkennen und vermeiden. Wir müssen lernen, den offiziellen Jargon zu entschlüsseln, uns durchschlagen durch die schönen Reden, die nur das 'business as usual' verdecken, das die Wünsche dem Investment und dem Wachstum, den Profiten und der staatlichen Macht unterordnen will. Wir müssen erkennen, daß das Hinzufügen eines neuen Adjektivs in Wirklichkeit nichts am Konzept selbst ändert, z.B. ist 'nachhaltige' Entwicklung immer noch 'Entwicklung', und dieses Projekt ist gescheitert.

Die schiere Vielfalt der alternativen Dialoge ist entmutigend. Es gibt viele Stimmen von vielen Leuten in vielen Ländern. Sie haben viele kulturelle Wurzeln und sprechen viele Sprachen. Gleichzeitig sind Wünsche und Bedürfnisse nicht nur vervielfacht, sondern auch beschnitten durch Zeit, Raum und Alltag. Egal, wie groß unsere Unterschiede sein mögen, wir haben alle einen Antagonismus gemeinsam - die Zwänge, die Unternehmer und Staat uns aufzuerlegen versuchen -, und in unserer gemeinsamen Suche nach Alternativen liegen unendliche Möglichkeiten, zu teilen und voneinander zu lernen. Wenn es keine universellen Wahrheiten mehr gibt, ist Miteinandersprechen nicht nur möglich, sondern kann unendlich und fruchtbar sein.

Werden wir lernen, zuzuhören? Dieses Buch gibt eine lebendige und wichtige Gelegenheit dazu. Ihr werdet in ihm neue Stimmen hören, Stimmen 'von den Bergen des mexikanischen Südostens', die erst seit sehr kurzer Zeit zu der Welt sprechen. Aber ihr werdet merken, daß diese Stimmen schon seit langem miteinander geredet haben.

Geht nah ran und hört gut zu, denn die Stimmen in diesem Buch sind vielfältig und komplex, direkt und gefiltert, todernst und manchmal voller Witz. Es sind die Stimmen von Menschen im Kampf.

Die Zapatistas

Die hier gesammelten Stimmen und Texte stammen vorwiegend von der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee (EZLN), der Armee, die am 1. Januar 1994 die Welt aufgeschreckt hat durch die Besetzung von vier Städten in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos.

Die EZLN hat sich unter einigen der ärmsten Menschen der Welt organisiert. Ihre Zusammensetzung ist fast so mannigfaltig wie die Welt, zu der sie spricht. Ihre Soldaten kommen aus den Wäldern, von den Bergen, aus den kleinen Städten der Region; sie setzen sich sowohl aus der indigenen als auch der vielsprachigen Maya-Bevölkerung und aus ImmigrantInnen von Zentral- und Nordmexiko zusammen. Ihre Soldaten waren Subsistenzbauern und landlose LohnarbeiterInnen; sie haben ihr Exportgetreide selbst angebaut und vermarktet und sie haben auf den Plantagen und Ranches anderer gearbeitet. Sie haben ihre milpas [Parzellen] auf steinigen Abhängen kultiviert und zeitweise Arbeit in der Stadt gesucht. Sie haben sich als ungelernte ArbeiterInnen und HandwerkerInnen gequält. Ganz wenige von ihnen sind Intellektuelle, deren Ideale und Hoffnungen sie vor einem Jahrzehnt in das Gebiet gezogen haben.

Für uns außerhalb dieser Bewegung dienen diese berufslosen Intellektuellen als Vermittler, die uns helfen, die übergeordneten politischen Entwicklungen zu verstehen, aus denen die EZLN kommt und in denen sie immer noch operiert. Sie haben viele der Kommuniqués verfaßt und dienen als öffentliche Stimme sowohl für die Armee als auch für die größere Community. Sie sprechen unsere Sprache und sprechen zu uns in Worten, die uns geläufig sind. Wir können sie leicht verstehen, weil ihr Diskurs der Form nach unseren westlichen politischen Traditionen entspricht.

Allerdings sind die Worte, die sie sprechen und die Art und Weise, wie sie sie gebrauchen, Übersetzungen aus anderen Worten und Debatten, die in anderen, viel weniger geläufigen Sprachen und Lebensweisen wurzeln: den unterschiedlichen Maya-Kulturen der Region. Zu unserem Glück sind die Zapatisten sehr selbstbewußte Redner und reden sie oft über ihre Art zu reden, so daß wir die Worte verstehen, die aus ihrem Munde zu uns gelangen. Es sind die Worte derer, die vor uns zu den Leuten in Chiapas gegangen sind, es sind die Stimmen von Menschen, die gelernt haben zuzuhören.

Aus einigen Erklärungen in diesem Buch wird klar, daß die SprecherInnen, die heute zu uns reden, nicht mehr die städtischen Intellektuellen sind, die vor Jahren in die Berge gegangen sind. Jene Intellektuellen hatten eine Menge Gepäck an linken theoretischen und politischen Vorstellungen dabei, das sich als völlig untauglich für die Kommunikation mit der Bevölkerung dort erwiesen hat.

In der Konfrontation dieser Vorstellungen (die sie heute als 'undemokratisch und autoritär' bezeichnen) mit den Traditionen der kollektiven Entscheidungsfindung in indegenen Gemeinden veränderten sich die Intellektuellen verändert (die Gemeinden zweifellos ebenso). Aus den vorliegenden Dokumenten bekommen wir nur Ahnungen von diesem Übergang, aber es scheint, als sei er bemerkenswert gewesen - eine Transformation, in der die autoritären Verhältnisse in der Zapatistischen Armee den demokratischen Vorgängen der Gemeinden untergeordnet wurden. Durch diese Entwicklung haben die Eindringlinge wohl gelernt, die Dinge mit neuen Augen zu sehen und Politik auf neue Art zu machen.

Auf diesem Weg haben sie sich offensichtlich eine einfache, volkstümliche Redeweise angeeignet. Ihre Erklärungen und Interviews sind erfrischender zu lesen als die üblichen jargonbehafteten Schmähschriften der alten linken Guerillagruppen. Möglicherweise hat gerade diese Qualität die Beweggründe, Hoffnungen und Sehnsüchte der EZLN und der Chiapanecos der größeren Mexikanischen Gemeinde und darüber hinaus so verständlich gemacht. Die Anstrengungen des mexikanischen Staates, die EZLN als eine Gruppe außenstehender Agitatoren, 'professionelle Gewalttäter' zu zeichnen, zerbrachen schnell, weil es offensichtlich war: Ihre Stimmen waren neu und ihre Sprache war nicht die der Ideologie, sondern der unerfüllten Wünsche, dringenden Bedürfnisse und engagierten Entschlossenheit.

Ihre Worte, so haben es uns die Sprecher ausdrücklich gesagt, kommen vom Kollektiv, nicht einfach nur von Einzelnen. Das ist, wie sie sagen, einer der Gründe, warum sie Gesichtsmasken tragen – so können wir ihre Stimme trennen vom Gesicht, der individuellen Persönlichkeit. Der Wunsch, jeglichen caudillismo (daß einer vereinzelt oder sie selbst zum 'Führer' der Revolution werden) zu vermeiden ist sehr deutlich. Diese Absicht ist natürlich wesentlich symbolischer Natur, da die Persönlichkeiten der SprecherInnen, wie im bekanntesten Fall des Subcommandante Marcos, unvermeidlich durchscheinen.

So geformt durch einen politischen Prozeß des Dialogs und des Kampfes artikulieren die Stimmen in diesem Text zwei grundlegende Botschaften. Erstens erklären sie, warum sie die gegenwärtigen Institutionen und Entwicklungsprojekte der mexikanischen Unternehmer und der Regierung ablehnen. Zweitens erklären sie ihre eigene politische Synthese und ihren eigenen politischen Vorschlag zur Zukunft Mexikos.

Die Ablehnung der Entwicklung

Im Norden wird der Begriff 'Entwicklung' selten benutzt, gewöhnlich für Pläne zur Umstrukturierung der Beziehungen zwischen armen Gemeinschaften und der Ökonomie um sie herum (z.B. Gemeindeentwicklung, Stadtentwicklung). Aber im Süden ist 'Entwicklung' die anerkannte Rahmenbedingung seit der Niederlage des direkten Kolonialismus. Ein wesentlicher Bestandteil der Auseinandersetzungen während des Kalten Krieg waren die rivalisierenden 'Entwicklungs'-Strategien, d.h. wie 'unterentwickelte' Regionen oder Länder sich so 'entwickeln' könnten, daß sie Teil der 'entwickelten Welt' würden.

Seit dem Beginn der EZLN-Offensive benutzten staatliche Stellen und unabhängige Schreiber immer wieder den Ausdruck 'die zwei Nationen', um die Situation in Chiapas zu kommentieren. Die zwei Nationen sind natürlich das eine Mexiko, dessen Wachstum durch das nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) angespornt wird, und el otro Mexico, das altmodisch und rückständig ist. Wie immer wird als Lösung 'Entwicklung' vorgeschlagen. Innerhalb eines Monats nach der EZLN-Offensive und nach der politischen Niederlage des militärischen Gegenangriffs, gründete die mexikanische Regierung eine Nationale Kommission für integrale Entwicklung und soziale Gerechtigkeit für die indigenen Völker und versprach dem Gebiet mehr Entwicklungshilfe zur Ausweitung der Investitionen, die während des vorangegangenen Entwicklungsprojektes Solidaridad getätigt worden waren. Am 27. Januar wurde darüberhinaus angekündigt, daß diese regionalen Entwicklungsbestrebungen (und andere in ähnlich 'rückständigen' Staaten) mit Weltbankkrediten in Höhe von 400 Millionen Dollar unterstützt würden - Kredite, die die bereits schwindelerregende internationale Verschuldung Mexikos, die im Zentrum des mexikanischen Klassenkampfs seit den frühen 80er Jahren steht, noch vergrößern werden.

Die Erwiderungen der EZLN auf diese Vorschläge drücken die Erfahrungen der mexikanischen Campesinos und der indigenen Bevölkerungen aus - sie denunzieren diese Entwicklungspläne als einen weiteren Schritt zur kulturellen Assimilierung und ökonomischen Vernichtung. Sie stellen heraus, daß es niemals 'zwei Nationen' gegeben hat; die Chiapanecos haben sich seit 500 Jahren innerhalb der kapitalistischen Entwicklung abgeplagt, sie sind nur immer unten gehalten worden.

In ihrer Kriegserklärung schreibt die EZLN: 'Wir benutzen Schwarz und Rot in unserer Uniform als Symbol für unser arbeitendes Volk im Streik'. In anderen Worten, die zapatistische Ablehnung der Entwicklung drückt die Verweigerung der kapitalistisch aufgezwungenen Arbeit aus. (Es überrascht nicht, daß der staatliche Unterhändler Manuel Camacho Solis schon frühzeitig nicht nur zur Beendigung der Kampfhandlungen, sondern auch zur 'Rückkehr an die Arbeit' aufrief.)

Die indigene Bevölkerung weiß auch, daß weitere 'Entwicklung' die Fortsetzung ihrer Vertreibung vom Land bedeutet, die sowohl während der wirtschaftlichen Boomjahre (z.B. Öl- und Wasserenergieboom der 70er Jahre) als auch zu Rezessionszeiten (z.B. Schuldenkrise/Sparpolitik der 80er Jahre) stattgefunden hat. Zu Lohnempfängern herabgesetzt, haben sie manchmal von dem durch Staatsausgaben finanzierten Wirtschaftsaufschwung profitiert. Aber als beim nächsten Abschwung alles wieder futsch war, haben sie auch entdeckt, wie vergänglich solche Gewinne sind.

Zu den besten Zeiten ist das steigende Einkommen ungleich verteilt, was Ungleichheiten verstärkt bis zu dem Punkt, daß Gemeinden auseinanderbrechen. Schlimmer noch, 'Entwicklung' kann bedeuten, daß sie eine Rolle spielen müssen, die die eingeborenen Amerikanern in den usa allzu gut kennen: Attraktion innerhalb der Tourismus-Industrie sein - eine Strategie für Gegenden mit 'primitiven' Völkern, die Vorteile aus der exotischen Kultur ziehen will. Ein EZLN-Sprecher formulierte, daß die Regierung die indigene Bevölkerung lediglich als 'anthropologische Objekte, touristische Kuriositäten oder als Teil eines Jurassic Park' betrachtet.

Aber Salinas und Clinton haben versprochen, daß NAFTA den US-Markt für mexikanische Exporte öffnet; Mexiko wird sich schneller entwickeln. Die EZLN begreift auch das nur zu gut. Chiapas ist bereits eine exportorientierte Wirtschaft. Das war sie auch immer: 'Chiapas verliert Blut aus vielen Adern: durch Öl- und Gasleitungen, Stromkabel, Eisenbahnwaggons, Banknoten, Lastwagen und Transporter, Schiffe und Flugzeuge, über geheime Pfade, Löcher und Waldwege.'

Die EZLN hat auch begriffen, wie NAFTA Mexiko für US-Exporte öffnet. Die größte Bedrohung geht dabei vom Mais aus, dem Hauptanbauprodukt der indigenen Bevölkerung, das eine wichtige Quelle zum Geldverdienen ist. Sie leiden bereits unter niedrigen Kaffeepreisen (einem anderen Produkt, das Geld bringt), weil die Regierung dafür alle Subventionen gestrichen hat. Wie alle Bewohner Chiapas wissen sie, daß Exportentwicklung ökologische Zerstörung bedeutet, insbesondere Abholzung des Waldes. Ihre Entwicklungsfeindlichkeit kommt also nicht aus einer übersteigerten Phantasie oder einer sterilen Ideologie, sondern aus bitterer Erfahrung.

Die Vorschläge der EZLN

Die zweite EZLN Botschaft betrifft die Schlußfolgerungen, die sie aus ihrer politischen Erfahrung gezogen haben, und ihren politischen Vorschlag für die Zukunft Mexikos. Während sich ihre detaillierte Ablehnung der Entwicklung vertraut anhört, sind ihre positiven Vorschläge neuartig und faszinierend. Ihr 'Wind von unten' bringt neue Ideen, die wir beachten sollten, ein echtes Geschenk in einer Zeit, in der die gewöhnlichen Politiker völligen Phantasiemangel demonstrieren, die linken ebenso wie die rechten.

Erstens unterschied sich EZLN politisch vom Anfang ihrer Offensive an scharf von den früheren Guerillabewegungen in Mittelamerika (z.B. den Sandinisten oder der URNG) und anderswo (z.B. die Tupamaros); die leninistischen Kampfziele wie 'Machtübernahme', 'Diktatur des Proletariats', 'internationaler Kommunismus' und 'all dies' lehnte sie ausdrücklich ab.

Hören wir auf Major Benjamin: 'Wir sind weder Maoisten noch Marxisten. Wir sind eine Gruppe von Campesinos, Arbeitern und Studenten, denen die Regierung keinen anderen Weg gelassen hat, um unsere ererbten Probleme zu lösen, als zu den Waffen zu greifen.' Hören wir Marcos: 'In der Bewegung der EZLN gibt es keine fest definierte Ideologie im Sinne von Kommunismus oder Marxismus-Leninismus.' 'Gekommen ist nicht ein [Partei-] Kern, nicht ein Guerilla-Focus; gekommen ist, was ihr euch niemals habt träumen lassen: die Wahrheit'.

Auch wenn ihre Armee eine typisch hierarchische Kommandostruktur hat, scheinen die Zapatistas eine neue politische Synthese entwickelt zu haben, die ihre Aktionen einem aus lokalen Traditionen entwickelten Rahmen kollektiver und demokratischer Entscheidungsfindung unterwirft. Strategische Fragen werden nicht der Armee überlassen, sondern müssen auf Gemeindebene entschieden werden.

Die Kommuniqués der Zapatistas werden gewöhnlich mit Geheimes Revolutionäres Indigenes Komitee - Generalkommando (ccri-cg) unterzeichnet - offensichtlich ein Rat aus indigenen FührerInnen. Aber hinter dem 'Generalkommando' steht eine unbekannte Anzahl von Geheimkomitees (offensichtlich haben vier Komitees, die die vier ethnischen Gruppen vertreten, Delegierte zu den Friedensverhandlungen geschickt) und hinter diesen stehen die Gemeinden.

Wie aus dem Ausgang der ersten Verhandlungsrunde zwischen der EZLN und der mexikanischen Regierung hervorgeht, trägt die EZLN grundlegende strategische Punkte zurück in die lokalen Gemeinden, damit gemeinsam beraten und über das weitere Vorgehen diskutiert werden kann. Laut SprecherInnen der EZLN sind diese Beratungen sehr weitreichend, sie umfassen Jeden und Jede, so daß alle die Ergebnisse als einen gültigen Ausdruck ihrer gemeinsamen Wünsche betrachten. Es sieht so aus, als ob die EZLN ihre eigenen Worte wirklich mit einschließt: 'Der Wille der Mehrheit ist der Pfad, auf dem die BefehlshaberInnen gehen sollten. Wenn ihre Schritte den Pfad des Willens des Volkes verlassen, sollte das Kommandozentrum ausgetauscht werden durch ein anderes, das gehorcht.'

Zweitens bedeutet solch ein demokratischer politischer Prozeß den Aufschwung eines neuen politischen Projektes: Autonomie - eine demokratische Autonomie für alle Ebenen der mexikanischen Gesellschaft, für Regionen, für die indigene Bevölkerung, für Bauerngruppen, für ArbeiterInnen, für StudentInnen, für Frauen, für Städte, für Regionalregierungen usw. Es gibt da keinen utopischen Plan für die Konstruktion solch einer Autonomie, der Vorschlag ist ein prinzipieller, es geht um die Richtung der Bewegung. 'Diese neue Stimme ... 'konspiriert' für eine neue Welt, so neu, daß sie nur eine Ahnung im kollektiven Herzen ist, das davon inspiriert wird.' Aber: 'Wenn der Sturm sich legt, wenn Regen und Feuer das Land wieder in Ruhe lassen, wird die Welt nicht mehr diese Welt sein, sondern etwas Besseres.'

Was dies bedeutet, wird zum Teil klar aus den Forderungen der EZLN. Sie verlangen die Entlassung korrupter Lokalverwaltungen und die Berufung demokratisch gewählter Führer. Ihr 'Agrargesetz' gebietet die Rückgabe von bebaubarem Land an die Indigenen und armen Bauern, damit sie eine materielle Basis haben, um ihr eigenes Leben und ihre Kultur zu organisieren. Darüber hinaus sollen die Wälder, die Flüsse, die Ozeane und Bodenschätze von der Ausbeutung durch kapitalistische Firmen und Regierungsmonopole befreit und den lokalen Bevölkerungen zurückgegeben werden (zum Teil zum Gebrauch, zum Teil zur ökologischen Erhaltung - ja, das betonen sie ausdrücklich). Sie verlangen das ungehinderte Recht auf Rückkehr für alle, die aus ihren Gemeinden vertrieben worden sind (z.B. aus religiösen Gründen), damit sie auf ihre Art leben können. Sie unterstützen den örtlichen Gebrauch der indigenen Sprachen und die Neuordnung der Ausbildung (z.B. die Zweisprachlichkeit) und des Gesundheitswesens (z.B. Gesundheitsvorsorge, Respekt vor indigenen Methoden). Ihre 'Autonomie' scheint kompliziert zu sein, aber sie ist eher pluralistisch, als der Pseudo-Pluralismus, den wir im Norden ausreichend kennen, oder irgendeine Form von sezessionistischer Eigenentwicklung.

Diese Forderungen wurzeln in der Eigenaktivität der indigenen Menschen und Gemeinden, die die EZLN bilden. Sie haben dem Reiz der kapitalistischen 'universellen Werte' (Arbeit, Geld, Markt) widerstanden zugunsten von klaren, aber auch entwicklungsfähigen Konzepten über das, was sie sind und wie sie leben wollen. Die direkte Demokratie ihrer Entscheidungsfindung ist ein Teil davon, aber es geht um viel mehr.

Augenfällig, weil oft wiederholt, ist, daß diese Leute ihre Wurzeln auf dem Land sehen. Sie wollen nicht einfach Land als Ressource zur Produktion von Exportgetreide, sondern weil ihre milpas, (die Arbeit ihrer Kultivierung und die Nahrungsmittel, die sie liefern), der Dreh- und Angelpunkt ihrer Kultur seit tausend Jahren sind.

Weil die VertreterInnen der EZLN keine Soziologen oder Anthropologen sind, geben sie uns keine erschöpfende Beschreibung der verschiedenen indigenen Kulturen, und noch weniger detaillierte Analysen über die komplexen Gemeinden derer, die aus religiösen, ökonomischen oder politischen Gründen in die neubesiedelten Gegenden eingewandert sind. Aber sie erzählen uns genug, um zu verstehen, daß diese Gemeinden keine stagnierenden kulturellen Überbleibsel einer traditionsreichen Vergangenheit sind. Im Gegenteil, auch dort, wo die Menschen für Veränderung kämpfen und sich um neue Identitäten bemühen, scheint ihre Verpflichtung auf Autonomie stark. Ein Beispiel dafür mag die Unterstützung der EZLN für die Kämpfe der Frauen gegen die traditionellen patriarchalischen Verhaltensweisen sein.

Die patriarchalische Struktur der mexikanischen Gesellschaft ist wohl bekannt; die der Campesino- und indigenen Gemeinschaften weniger, aber sie ist genauso real. Bei Entscheidungen in der Familie bestimmten Männer generell über das Einkommen und setzen sich manchmal mit körperlicher Gewalt durch. Frauen haben oft keine oder wenig Mitspracherechte bei der Wahl des Ehemannes, bei der Anzahl der Kinder oder, wieviel Hausarbeit sie ohne Hilfe der Männer leisten müssen.

Aber solche Bedingungen schaffen starke Frauen - wenn sie die Frauen nicht umbringen - und die haben die traditionelle Rollenverteilung in Frage gestellt. Diese Herausforderung hat Unterstützung in der EZLN gefunden. Frauen werden nicht nur ermutigt, sich der EZLN anzuschließen, sondern sie werden auch gleich behandelt, bis dazu, daß viele Frauen Offiziere sind und von Frauen und Männern die gleiche Arbeit und der gleiche Einsatz im Kampf erwartet wird.

Befragt nach der Geschlechterpolitik in der Organisation und in den Gemeinden, auf die sich die EZLN stützt, bestätigte Marcos, daß der Kampf der Frauen gegen das Patriarchat offiziell unterstützt wird. Dies beinhaltet nicht nur eine Neuverteilung von Verantwortung und Arbeit und den Schutz der Frauen vor Belästigung und Mißbrauch, sondern auch materielle Hilfe in der Gesundheitspflege und Geburtenkontrolle. Die EZLN hat Sexualaufklärungskurse über Hygiene und Krankheiten organisiert, speziell über Frauenkrankheiten (z.B. Harnwegsinfekte), die von Männern nicht verstanden oder falsch interpretiert werden. Die Organisation klärt auch über Verhütungsmittel auf und unterstützt ihren Gebrauch. Darüber hinaus erklärte Marcos: 'Die Genossin hat nicht nur das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, sondern die Organisation hat auch die Pflicht, die Mittel bereit zu stellen, daß sie dies gefahrlos tun kann.'

Als sich indigene Frauen in Dutzenden von Gemeinden organisierten, um einen Kodex der Frauenrechte zu verfassen, übernahm die Führung - das ccri-gc - den Kodex einstimmig. Das 'Frauengesetz' umfaßt das Recht der Frauen auf die Kontrolle über ihren eigenen Körper, politische Betätigung, Gesundheitsfürsorge und Freiheit vor Gewalt und Vergewaltigung. Einem Bericht zufolge spottete ein männliches Komiteemitglied: 'Das Gute ist, daß mein Weib kein Spanisch versteht.' Darauf erwiderte ein EZLN- Offizieller: 'Jetzt bist du gefickt, weil wir es nämlich in die [indigenen] Sprachen übersetzen werden.' Diese Grundrechte zeigen deutlich das Engagement der EZLN für weitgehende Geschlechterautonomie innerhalb der verschiedenen indigenen Kulturen von Chiapas.

Als er über die Probleme und Rechte von Schwulen befragt wurde, sagte Marcos, daß die Position der EZLN dieselbe ist wie bei Frauen und anderen 'Minderheiten'. Wenn sie ebenfalls anfangen werden zu sagen 'Genug ist genug' und für ihre Rechte kämpfen, dann werden sie auch von der Organisation unterstützt werden. Das Ungewöhnliche und Aufregende ist, daß diese Kämpfe nicht marginalisiert oder 'Klasseninteressen' untergeordnet werden, sondern als integraler Bestandteil eines allumfassenden Projekts der politischen Autonomie akzeptiert werden. Unter den 34 Punkten, die die EZLN der Regierung in der ersten Phase der Verhandlungen vorlegte, war der längste die Petition der indigenen Frauen, die spezifische Frauenforderungen auflistete.

Der dritte und vielleicht deutlichste Hinweis, wie ernst sie ihren Begriff von Autonomie nehmen, ist, daß sie ihren Vorschlag lediglich verstehen als einen unter vielen, von denen sie hoffen, daß sie in der ganzen mexikanischen Gesellschaft entstehen werden. Sie weisen die Vorstellung zurück, sie hätten alle Antworten, sie fänden die Lösung auf alle Probleme.

Hört: 'Wir haben klargemacht, und das werden wir immer wieder erklären, daß wir keinen Prozeß anführen können, der alle Probleme Mexikos löst.' Daher ihre wiederholte und hartnäckige Forderung, daß die Politik dem Staat und den politischen Parteien entrissen werden und in der Gemeinde als Ganze neu entstehen muß.

Der Weg von Hier nach Dort

Die EZLN glaubt fest, daß der Aufbau von Autonomie in allen Lebensphären verschiedene Prozesse einschließt. Sie ist im Moment vor allem daran interessiert, einen Pfad zu diesem Ziel zu schlagen. Den Weg freizumachen bedeutet nichts weniger, als die revolutionäre Veränderung des politischen Systems Mexikos. Der Weg zur Autonomie der Tierra ist politische Libertad.

'Wir schlagen einen freien Raum vor', sagt Marcos in einem Interview, 'ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen politischen Kräften, damit jede Richtung die gleiche Chance hat, die politische Richtung dieses Landes zu beeinflussen ... Der Rest des Landes sollte nicht nur Zuschauer sein ... Das Volk muß entscheiden, welchen Vorschlag es annehmen will, und du mußt das Volk überzeugen, daß deine Meinung die richtige ist. Dies wird das Konzept von Revolution, wer die revolutionäre Klasse, was eine revolutionäre Organisation ist, radikal verändern ... Die zapatistische Revolution schlägt nicht die Machtübernahme vor ... Wir sagen 'Zerstören wir den Staat, dieses staatliche System. Öffnen wir einen Freiraum und konfrontieren wir das Volk mit Ideen, nicht mit Waffen'.' Was er beschreibt, scheint eine lokale und das ganze Land erfassende Verallgemeinerung des politischen Prozesses der direkten Demokratie zu sein, der sich in den Bergen von Chiapas entwickelt hat.

Als ersten Schritt der Transformation rief die EZLN zum Rücktritt (oder Sturz) der jetzigen undemokratischen PRI-Regierung auf und ihrer Ersetzung durch eine Übergangsregierung 'aus Leuten, die mit Ansehen außerhalb der Parteien und die moralische Autorität zur Führung des Landes besitzen.' Dieser Aufruf wurde von der EZLN im Junikommuniqué wiederholt, mit dem sie die Position der Regierung nach der ersten Verhandlungsrunde ablehnt.

Sie arbeiteten ihren anfänglichen Vorschlag aus und riefen die mexikanische Zivilgesellschaft zur Organisierung eines 'Nationalen Dialogs für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit'. Auf lokale Diskussionen 'in jedem ejido, jeder Siedlung, Schule oder Fabrik', so schlagen sie vor, könnte die Bildung von Komitees folgen, die Vorschläge für eine neuen Verfassung und die Politik einer neuen Regierung sammeln. Diese Ortskomitees wiederum könnten eine 'Nationale Revolutionäre Demokratische Versammlung' organisieren und die Übergangsregierung und eine neue Verfassung schaffen. Die EZLN schlägt sich selbst als Kern einer neuen Armee vor, 'um sicherzugehen, daß der Wille des Volkes ausgeführt wird'.

Natürlich sind solche Vorschläge von der Zentralregierung sofort abgelehnt worden. Aber gleichzeitig hat der Aufstand der EZLN und ihre kühnen Forderungen einen Wirbelwind an politischer Diskussion in Mexiko und Herausforderungen des existierenden Systems geschaffen, wie seit der Revolution von 1910 nicht mehr.

Die Regierung drückt sich

Angesichts der Radikalität der Forderungen und des militärischen Charakters ihres Aufstandes überrascht die Reaktion der mexikanischen Regierung auf die Herausforderung der EZLN. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit schwenkte der Staat um, von massiver militärischer Repression (über 15 000 Soldaten waren nach Chiapas entsandt worden; es gab Luftangriffe auf Dörfer, Massenfolter und -hinrichtungen von Gefangenen) auf einen Waffenstillstand und Verhandlungen auf höchster Ebene mit den Rebellen, vermittelt von progressiven Vertretern der katholischen Kirche. Warum?

Konventionell denkende Experten sehen den Grund für den Wechsel in der Angst vor den prüfenden Augen der Weltöffentlichkeit auf ihr Verhalten im Zusammenhang mit der Einführung von NAFTA und im Lichte ihrer Bemühungen um einen Erste-Welt-Status. Denn die Zapatisten haben in ihrer allerersten Erklärung nicht nur die NAFTA angegriffen, sondern mit ihrem Aufstand auch die Risiko-Einschätzung der multinationalen Kapitalisten über Investitionen in Mexiko bedroht. So schien es besser, die Vorgänge totzuschweigen und niedrig zu hängen, den Samthandschuh der Kooptierung zu benutzen, statt die eiserne Faust der Repression.

Aber diese Hypothese der 'Empfindlichkeit' gegenüber der internationalen öffentlichen Meinung erklärt nicht, warum die Regierung davon ausging, daß solche Öffentlichkeit negativ ausfiele oder einflußreich genug sei, um ausländische Investoren zu beeinflußen. Um ihre Verstörung zu erklären, müssen wir uns von den Reaktionen der Regierung abwenden und den Reaktionen in ganz Mexiko und weltweit zuwenden.

Die Zirkulation der Kämpfe

Wenn wir uns die landläufigen Reaktionen auf den Aufstand in Chiapas anschauen, wird schnell klar, warum die mexikanische Regierung in der Behandlung der Situation einen Schwenk vollzog. Ihre Befürchtungen erwuchsen aus der sehr rasch anwachsenden Unterstützung für die EZLN und die Gemeinden, die sie repräsentiert.

Vom allerersten Tag an, als die Nachrichten vom Aufstand durch die Medien gingen und Einzelheiten über Computer-Netzwerke zirkulierten, hörten die Menschen auf die Worte der Kriegserklärung der EZLN, sympathisierten mit ihnen und fingen an, gegen die Repressionsmaßnahmen der Regierung zu mobilisieren. Als die mexikanische Armee in Chiapas einfiel, folgten ihr VertreterInnen von Menschenrechtsorganisationen, Leute von anderen indigenen Völkern und freie ausländische Journalisten, die die Regierung nicht kontrollieren konnte. In wenigen Tagen meldeten diese BeobachterInnen Greueltaten und Repressionsmaßnahmen der Armee. Andere organisierten Protestdemonstrationen überall in Nordamerika, selbst in Europa, um die mexikanische Regierung anzuprangern. Diese Aktionen stärkten die Zapatistas und zwangen die Regierung an den Verhandlungstisch.

Die enorme Ausbreitung von Unterstützung in der Bevölkerung und die Bereitschaft, in Unterstützung dieses Aufstandes aktiv zu werden, muß ihrerseits erklärt werden. Wie oben schon bemerkt, ist diese Welt voll von Widersprüchen und Konflikten; es hat viele Aufstände gegeben, die diese Art Reaktion nicht hervorrufen konnten. Was war anders in Chiapas?

Ich denke, die Antwort hat zwei Ebenen. Erstens gab es durch die jahrelange Mobilisierung gegen die NAFTA bereits ein internationales Netzwerk, das willens und in der Lage dazu war, schnell zu reagieren. Zweitens war der Aufstand in Mexiko selbst bei weitem nicht so isoliert, wie es schien.

Der Kampf gegen den Handelspakt lief die Form wachsender Koalitionen von Basisgruppen in Kanada, den Vereinigten Staaten und Mexiko. In jedem Land bildeten sich durch das Zusammenwirken von einigen hundert Anti-NAFTA-Gruppen breite Koalitionen wie das Mexikanische Aktions-Netzwerk zum Freihandel. Das Zusammenwirken erwuchs zum Teil durch gemeinsame Diskussionen, zum Teil durch den Austausch von Informationen und Analysen über die Bedeutung und Auswirkungen der Vereinbarung. Immer mehr wurde die Kommunikation per Computer zum politischen Instrument, um sich sehr schnell zwischen Gruppen und Einzelpersonen austauschen zu können.

Dieser Kommunikationsprozeß vernetzte die Koalitionen der einzelnen Länder auf eine Art und Weise, die in der westlichen Hemisphäre ohne Beispiel ist. Das Ergebnis war eine neue Organisationsform - eine Vielfalt von sowohl lokal als auch international über ein untergründiges Wurzelgeflecht verbundenen Gruppen - die Beziehungen zwischen bislang vereinzelten und unverbundenen Kämpfen jeder Art in Nordamerika herstellte.

Die offensichtlich Betroffenen (ArbeiterInnen in den USA, denen der Verlust ihres Jobs durch die Verlagerung von Fabriken nach Mexiko drohte; MexikanerInnen, die besorgt waren über den Einmarsch des US-Kapitals) schlossen sich mit anderen zusammen, die diese kapitalistische Neuordnung der Handelsbeziehungen als indirekte Bedrohung empfanden, wie Umweltaktivisten, Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen und natürlich Organisationen von indigenen Gruppen auf dem ganzen Kontinent. Die Anti-NAFTA-Bewegung konnte zwar nicht die Ratifizierung des Abkommens verhindern, doch sie hat weiterhin die Folgen des Abkommens beobachtet, um Kämpfe dagegen zu erleichtern mit dem Ziel, das Abkommen zu Fall zu bringen.

Als dann die Zapatistische Armee in San Crist¢bal und die anderen Städte in Chiapas einmarschierte, reagierten nicht nur die Gruppen schnell, die sich bereits mit den Kämpfen der indigenen Völkern beschäftigten, sondern auch der wesentlich größere Verbund der Anti-NAFTA-Kämpfe. Computerkonferenzen und Listen von Anti-NAFTA-Koalitionen waren schon eingerichtet. Viele erhielten die ersten Informationen über die Kämpfe über die regelmäßigen Postings im NAFTA-Monitor 'trade.news' oder 'trade.strategy' im Peacenet oder über Internet. Obwohl die EZLN-SprecherInnen NAFTA nicht ausdrücklich verurteilten und ihre Offensive auf den Tag des Inkrafttretens in Mexiko legten, wurde der Zusammenhang im ganzen Anti-NAFTA-Netzwerk verstanden.

Daneben gab es in Mexiko einen ganzen Bereich von selbstorganisierten Netzwerken, die nur teilweise mit der Anti-NAFTA-Bewegung zusammenfielen: die der Campesinos und indigenen Völker.

Auch sie hatten, außerhalb der ezln und weit jenseits von Chiapas, Netzwerke der Zusammenarbeit hervorgebracht, um für die Dinge zu kämpfen, die sie brauchen: Schulen, Trinkwasser, die Rückgabe ihres Landes, Freiheit von staatlicher Unterdrückung (Folter durch Polizei und Armee, Verhaftungen, Morde) usw. Aufgrund der leidenschaftlichen Autonomie der beteiligten Communities, die manchmal auf einer traditionellen ethnischen Kultur und Sprache beruhen, haben diese Netzwerke wie das oben beschriebene elektronische Netz funktioniert: horizontal und nicht-hierarchisch.

Diese Entwicklung hat sich über mehrere Jahre hinweg beschleunigt, und zwar nicht nur in Mexiko, sondern in beiden Teilen des amerikanischen Kontinents und darüber hinaus. Zum Teil inspiriert durch das Beispiel der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in Nordamerika Mitte der 60er Jahre (bzw. den Aufstieg der Indianerbewegung) zum Teil aufgrund der andauernden Angriffe auf ihr Land mit Rückendeckung des Staates in Süd- und Mittelamerika (z.B. die Einzäunung des Amazonas), haben indigene Völker die räumlichen und politischen Spaltungen überwunden, die sie isoliert und geschwächt hatten.

1990 wurde die erste kontinentale Konferenz indigener Völker in Quito, Ecuador, organisiert. Delegierte von über 200 indigenen Nationen initiierten eine Bewegung zur kontinentalen Vereinigung. Auf dem folgenden Treffen 1991 in Panama wurde zur Aufrechterhaltung dieses Prozesses eine Kontinentale Koordinierungskommission der indigenen Nationen und Organisationen (conic) gebildet. Die Einheit, die erreicht werden sollte, war nicht die einer politischen Partei oder einer Gewerkschaft - gestärkt und verewigt durch eine zentrale Verwaltung - sondern die Einheit der Kommunikation und gegenseitigen Nothilfe zwischen autonomen Nationen und Völkern.

Eine zweite kontinentale Konferenz wurde im Oktober 1993 in Temoaya, Mexiko, organisiert. Zu den Teilnehmergruppen gehörte die Frente Independiente de Pueblos Indios (fipi), deren eines Mitglied, die Coordinadora de Organizaci¢nes en Lucha del Pueblo Maya para su Liberaci¢n, aus San Crist¢bal, Chiapas, gekommen war.

Angesichts der blutigen Gewalt der Gegenoffensive des mexikanischen Militärs bat die fipi über die conic darum, daß andere IndianerInnen aus dem Netzwerk als Beobachter nach Chiapas kommen sollten, um die gewalttätige Staatsmacht zu bremsen. conic reagierte umgehend und organisierte internationale Delegationen in die Kampfgebiete. Als sie in Chiapas eintrafen, wurden sie von den örtlichen VertreterInnen des Consejo Estatal de Organizaci¢nes Indigenas y Campesinas empfangen - eine Verbindung von 280 indigenen und Bauernorganisationen im ganzen Land.

Dies kann eine Ahnung davon geben, wie es möglich war, daß ein solch kleiner Aufstand in einem so isolierten Teil Mexikos eine derart starke Unterstützung in der Bevölkerung hervorrufen und einer unwilligen Regierung und politischen Elite undenkbare Konzessionen abringen konnte. Für ein umfassenderes Verständnis wäre natürlich eine Untersuchung über die Geschichte all derer Voraussetzung, die an den Mobilisierungen beteiligt waren, nicht nur der Indigenen und der Anti-NAFTA-Militanten. Egal aus welchen Bewegggründen diese Zuhörer mit ihren Reaktionen diesen Kampf weitergetragen haben - wir waren Zeuge eines faszinierenden Prozesses, in dem die Stimmen einer relativ kleinen Zahl von sehr kreativen und entschlossenen RevolutionärInnen immer weiter und weiter verstärkt worden sind, bis die ganze Welt sie hören konnte.

Ein paar frühzeitige Folgerungen

Was können wir beim Zuhören der Stimmen des Aufstandes in Chiapas lernen? Sie haben Vorschläge gemacht, über die wir nachdenken sollten, kein spezifisches Modell entwickelt, das nachgeahmt werden könnte. Die neuen organisatorischen Formen, die wir in Aktion gesehen haben, sind kein Ersatz für alte Formeln - leninistische oder sozialdemokratische. Sie bieten etwas anderes: sie inspirieren mit ihrem Beispiel funktionierende Lösungen auf die Frage, wie post-sozialistische revolutionäre Organisationen und Kämpfe aussehen können.

Die Anstrengungen der Zapatistas in Chiapas und der Anti-NAFTA-Netzwerke, die die Grundlage für ihre Zirkulation legten, zeigen, wie Organisation lokal, regional und international in einer Vielfalt von Formen funktionieren kann. Diese Vielfalt wird genau in dem Maße effektiv sein, wie die Aktiven ein Gewebe der Zusammenarbeit knüpfen, um die (oft sehr unterschiedlichen) materiellen Ziele der verschiedenen Beteiligten zu erreichen.

Wir wissen schon lange, daß es sehr gefährlich ist, wenn eine bestimmte Organisation den Prozeß der Organisierung ersetzt. Diese Lektion haben wir auf die harte Art im Kampf zuerst für und dann gegen Gewerkschaften und sozialdemokratische und revolutionäre Parteien gelernt. Was wir von den Zapatistas hören, und was wir in ihrer Interaktion mit anderen Gruppen sehen, ist eine Struktur der Kooperation zwischen den unterschiedlichsten Arten von Leuten aus der ganzen internationalen Lohn- und Einkommenspyramide. Diese Struktur ist nicht auf einmal aus dem Blauen heraus entstanden; daran ist seit einigen Jahren gebastelt worden. Dabei sind sicher viele Drähte gebrochen, haben sich viele Fäden verwirrt oder mußten neue Schlingen geknüpft werden, um die zu ersetzen, die nicht hielten.

Die SprecherInnen der EZLN haben uns Andeutungen über ihren Anteil an dieser Arbeit gemacht. Hoffentlich wird mit der Zeit mehr über diese Geschichte bekannt werden. Und wir müssen herausfinden, was und wie Andere dazu beigetragen haben.

Heute ist die mexikanische Gesellschaft wie von einem Erdbeben erschüttert. Jeder Tag bringt Berichte über Menschen, die zur Aktion übergegangen sind. Von der EZLN vollkommen unabhängige Menschen haben die Kampfesrufe aufgenommen und besetzen Regierungsgebäude, blockieren Banken, besetzen Land und verlangen Libertad. StudentInnen und ArbeiterInnen wurden dazu angeregt, nicht nur 'die Bauern zu unterstützen', sondern ihre eigenen Streiks in der gesamten gesellschaftlichen Fabrik Mexikos durchzuführen.

Ihr habt eine Sammlung der Worte in den Händen, die alle diese Bewegung in Gang gebracht haben. Lest sie aufmerksam. Hört auf die Stimmen. Und habt keine Angst davor, eure eigenen dem wachsenden Tumult hinzuzufügen. Diese Stimmen aus den Bergen des mexikanischen Südosten sagen uns zumindest dies: eine Vielfalt von Stimmen kann zu Zusammenhalt führen - und der Zusammenhalt zur Aktion, die die Welt verändern kann.

Austin, Texas, 22.6.94

aus: Zapatistas! Documents of the New Mexican Revolution - erschienen 1994 bei:

Autonomedia - $ 12.00

ISBN: 1-57027-014-7