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Spätkapitalismus

Rudi Dutschke

Die Widersprüche des Spätkapitalismus, die antiautoritären Studenten und ihr Verhältnis zur Dritten Welt

Vorbemerkung

Eine tiefe Auseinandersetzung mit der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit der Gegenwart kann und darf nicht von den bisherigen Resultaten der revolutionären Theorie abstrahieren. Das heißt noch immer kritische Rezeption und Ausbreitung der Marxschen Theorie und ihrer Weiterentwicklung in den verschiedenen Perioden nach ihrer Entstehung. Wir sind gegen jede Dogmatisierung des Marxismus, denn er ist eine schöpferische Wissenschaft, die sich auf der Grundlage der kritischen Methode der Dialektik mit jeder neuen Wirklichkeit auseinandersetzen muß, aus ihr die Kategorien für ein Verständnis der je konkreten Gegenwart zu gewinnen hat.

Die Schaffung neuer Bedürfnisse, die die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung durch die «freiwillige Produktion der Natur» überschreitet, zwingt die Menschen eine auf Arbeitsteilung beruhende industrielle Produktionsweise einzuführen. Mit der Arbeitsteilung ist das Privateigentum und der Klassengegensatz, der Widerspruch zwischen den Interessen der Klassen und dem gesellschaftlichen Interesse aller Individuen. Die Geschichte der menschlichen Gesellschaft als Klassengesellschaft beginnt mit der arbeitsteiligen Organisation des materiellen Lebens. Die Trennung der «Produktionsbedingungen» von den unmittelbaren Produzenten konstituiert den Grundwiderspruch von Kapital und Lohnarbeit, der in den je spezifischen historischen Phasen besondere Formen gewinnt. Das Kapitalverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft, die die aus der Arbeitsteilung entstehende Entfremdung des Menschen von den von ihm produzierten Produkten auf die Spitze treibt, bildet das Klassenverhältnis von Bourgeoisie und Proletariat heraus.

Der alle kapitalistische Produktion auszeichnende Widerspruch besteht darin, daß auf der einen Seite die Produktionsweise gesellschaftlichen Charakter trägt, das heißt alle Produzenten in einen tendenziell weltweiten arbeitsteiligen Zusainmenhang einbezieht, der allein die Entwicklung und Entfaltung der Produktivkrafte und des gesellschaftlichen Reichtums ermöglicht, auf der anderen Seite die private Aneignungsweise dominiert, die Arbeit als Privatarbeit dem Produzenten erscheint, er sich in ihr nicht wiedererkennt und von der Fülle gesellschaftlichen Reichtums ausgeschlossen ist.

Der Kampf zwischen Produzenten und Kapitalistenklasse bestimmt die ganze Formationspenode der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Der Wandel der Klassenformen erklärt sich aus der geschichtlichen Entwicklung der Arbeit. In bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft herrscht nicht mehr eine bestimmte Arbeit, sondern die abstrakt-allgemeine Arbeit vor. Die menschliche Arbeitsfähigkeit wird zur Ware Arbeitskraft, zum doppelt freien Lohnarbeiter, frei von Produktionsmitteln und frei für den Verkauf seiner besonderen Fähigkeit, gesellschaftlichen Reichtum zu produzieren. In der warenproduzierenden Gesellschaft transformiert sich die menschliche Arbeit, die ursprünglich eine individuelle, dem Menschen spezifisch auszeichnende Fähigkeit bezüglich seiner unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung war, zu einer gesellschaftlichen, warenproduzierenden Arbeit. Das Produkt der individuell-gesellschaftlichen Arbeit wird zur Ware, und die lebendige, den Reichtum schaffende menschliche Arbeit, ist nur noch als auszubeutende Arbeitszeit wichtig: «Die Zeit ist alles, der Mensch ist nichts» (Marx). Die gesellschaftlichen Kontakte zwischen den einzelnen Produzenten hören auf, sie werden die unpersönlichen Träger ihrer Arbeitsprodukte. Die menschlichen Beziehungen, die der gesellschaftlichen Arbeit zugrunde liegen, die diese Waren durch arbeitsteilige Arbeit produzieren, verwandeln sich in Ding- und Warenbeziehungen. Mit einem Bild aus der «Nebelregion der religiösen Welt» bezeichnet Marx diesen Schein, der ein fundamentum inne hat, als den Fetischcharakter der Warenwelt.

Denn wie in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand, so scheinen in der religiösen Welt die Produkte des Geistes mit einem eigenen Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten zu sein.

Die Entwicklung der warenproduzierenden Gesellschaft ist identisch mit immer unpersönlicheren menschlichen Verhältnissen. Die konkreten Individuen werden im Prozeß der Produktion und Konzentration des Kapitals zu ökonomischen Charaktermasken, zu Personifikationen ökonomischer Verhältnisse. Die Macht des Kapitals nimmt immer mehr zu, und der Kapitalist, die Personifikation der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, wird gegenüber dem unmittelbaren Produzenten immer mächtiger, ist entfremdet, verselbständigte Macht, die als Herrschaft der «totgeschlagenen Materie» in der Hand der Kapitalistenklasse der Gesamtgesellschaft gegenübertritt: «Die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere, und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben» (Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, Berlin 1961, S.884). Die Verdinglichung des Menschen wird durch die Falschheit seines Bewußtseins vollendet. Der wichtigste Charakterzug der kapitalistischen Gesellschaft für eine Analyse, die diese Wirklichkeit unter dem Aspekt ihrer revolutionären Veränderbarkeit betrachtet, ist, daß die Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht adäquat erkennen können. Statt der wirklichen ökonomischen Verhältnisse als einer Gesamtheit menschlicher Beziehungen spiegelt sich nur deren verdinglichter Schein im Bewußtsein der Produzenten (wider). Diese Mystifikation des Bewußtseins über die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit wird durch die verschiedenen Metamorphosen des Kapitals in der Produktion und Zirkulation immer vollständiger. In der Geldform schließlich ist von der ursprünglichen Form des Kapitals nichts geblieben, die Mystifikation des Kapitalverhältnisses ist totalisiert, aber der Übergang zu einer neuen produktionsform deutet sich schon an:

«Wenn das Kreditwesen als Haupthebel der Überproduktion und Überspekulation im Handel erscheint, so nur, weil der Reproduktionsprozeß, der seiner Natur nach elastisch ist, hier bis zur äußersten Grenze forciert wird, und zwar deshalb forciert wird, weil ein großer Teil des gesellschaftlichen Kapitals von den Nichteigentümern desselben angewandt wird, die daher ganz anders ins Zeug gehen als der ängstlich die Schranken seines Privatkapitals erwägende Eigentümer, soweit er selbst fungiert. Er tritt damit nur hervor, daß die auf den gegenständlichen Charakter der kapitalistischen Produktion gegründete Verwertung des Kapitals die wirkliche, freie Entwicklung nur bis zu einem gewissen Punkt erlaubt, also in der Tat die immanente Fessel und Schranke der Produktion bildet, die beständig durch das Kreditwesen durchbrochen wird. Das Kreditwesen beschleunigt daher die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des Weltmarktes, die als materielle Grundlagen der neuen Produktionsform bis auf einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise» (ibid., S.483). Und für die Transformationsperiode: «Endlich unterliegt es keinem Zweifel, daß das Kreditsystem als ein mächtiger Hebel dienen wird während des Übergangs aus der kapitalistischen produktionsweise in die Produktionsweise der assoziierten Arbeit, jedoch nur als ein Element in Zusammenhang mit anderen großen organischen Umwälzungen (655/) der Produktionsweise selbst. Dagegen entspringen die Illusionen über die wunderwirkende Macht des Kredit- und Bankwesens, im sozialistischen Sinn, aus völliger Unkenntnis der kapitalistischen Produktionsweise und des Kreditwesens als einer ihrer Formen. Sobald die Produktionsmittel aufgehört haben, sich in Kapital zu verwandeln (worin auch die Aufhebung des Privateigentums eingeschlossen ist), hat der Kredit als solcher keinen Sinn mehr...» (ibid. S. 656.)

Die Bourgeoisie hat nun in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft für eine ganze Periode, für die Periode der «transitorischen Notwendigkeit» des Kapitalismus eine «revolutionäre Rolle» (Marx) gespielt, sie hat Kapital akkumuliert, die vorkapitalistischen Produktionsverhältnisse des Feudalismus zerstört, die Bedingungen für eine höhere Entfaltung der Produktivkräfte freigemacht. «Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung» (Karl Marx: Kommunistisches Manifest, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 4, Berlin 1964 5.463/). Die neu entstehenden Bedürfnisse konnten nur durch neue Produktionsweisen befriedigt werden. Die Manufaktur und - auf der Grundlage eines ungesättigten Marktes - auch bald die große Industrie vertieften das System der Arbeitsteilung, steigerten die Produktivität der Arbeit und die Macht und Herrschaft des Kapitals.

Die vorkapitalistischen Klassen zeichneten sich gerade dadurch aus, daß sie in der Beibehaltung ihrer traditionellen Produktionsweise ihre erste Lebensbedingung sahen. Nicht so die Bourgeoisie. Sie muß ununterbrochen die Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte umwälzen, sie ist der lebendige Widerspruch zwischen der dem Kapital immanenten Tendenz, die Produktivkräfte schrankenlos zu entfalten - vermittelt über Konkurrenz auf dem Markte - und den permanenten Schranken in der Entfaltung, die sich aus dem beschränkten Zweck der Verwertung des Kapitals ergeben. Der Kampf dieser beiden entgegengesetzten Tendenzen bestimmt das historische Schicksal des Kapitalismus.

Das Bedürfnis nach immer neuen Märkten «jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen» (ibid., S.4651). So schafft sie sich den Weltmarkt, der die verschiedenen Nationen voneinander abhängig macht, «reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Sie zwingt alle Nationen, die produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen [...] mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde» (ibid., S.466/) und: «Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden» (ibid., S.466/). Marx unterstellt hier mehr oder weniger die Herausbildung der konkreten Totalität des kapitalistischen Weltmarktes, die weltweite Kapitalisierung. Davon konnte aber zur Marxschen Zeit keine Rede sein. Die Kapitalisierung der Gesellschaft, der Welt, ist doch selbst ein historischer Prozeß. Das heißt, wenn wir die geschichtliche Ganzheit der gesellschaftlichen Wirklichkeit erkennen wollen, müssen wir das Verhältnis der kapitalistischen Gesellschaft zu der nichtkapitalistischen Gesellschaft und den Prozeß der Verkapitalisierung untersuchen. Diesen für die Weiterentwicklung der Marxschen Theorie wesentlichen Gesichtspunkt problematisierte Rosa Luxemburg, besonders in ihrem Buch Die Akkumulation des Kapitals. Marx hatte gerade in Indien und China eine sehr schnelle Industrialisierung und damit Kapitalisierung durch den englischen Kapitalismus erwartet. Das englische Kapital zerstörte zwar wichtige Elemente der alten Produktionsweise, ohne aber die neue, die kapitalistische wirklich einzuführen. Es bildete sich vielmehr schon damals eine internationale repressive Arbeitsteilung heraus, von der auch Marx schon Kenntnis nahm: «Was die arbeitenden Klassen anbetrifft [...] sehr strittige Frage, ob ihre Lage sich verbessert habe [...] Aber vielleicht haben die Ökonomen, wenn sie von Verbesserung sprachen, von den Millionen Arbeitern sprechen wollen, die in Ostindien umkommen mußten, damit den 1 1/2 Millionen in der gleichen Industrie in England beschäftigten Arbeitern drei Jahre Prosperität auf 10 verschafft wurden» (Karl Marx: Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, Berlin 1964, S.123/24/). Hier wird schon jener Ausbeutungsmechanismus gezeigt, der sich im «klassischen Imperialismus» von der Jahrhundertwende an auf erweiterter Stufenleiter fortsetzte. Es wurde klar, daß die kapitalistische Produktionsweise keine jederzeit verfügbare Exportware darstellt. Die Theorie des Imperialismus drückte diesen historischen Tatbestand aus. Was war geschehen? Die Konzentration der Produktion und die fortschreitende Akkumulation des Kapitals, die sich in der Dialektik von Konkurrenz und Monopol durchsetzte, führte zur Herausbildung von Monopolverbänden, die die koloniale Expansion

wesentlich forcierten. Um den Fall der Profitrate aufzuhalten so nach R.Hilferding -, haben sich Industrie- und Bankkapital im Finanzkapital verschmolzen, um einen von den Banken geleiteten planmäßigen Kapitalexport in die nichtkapitalistischen oder weniger kapitalisierten Länder durchzuführen. Die materialistische Grundlage des vermehrten Warenexports und besonders des Kapitalexports sind die Extraprofite in den Kolonien und im «auswärtigen Handel», ist die Überproduktion in den Industrieländern, in der die Waren und das Kapital vergebens nach günstigen Anlage- und Absatzmöglichkeiten suchten. Die militärische Zwangsgewalt des Staates stellte sich in den Dienst der ökonomischen Notwendigkeiten. Die Schutzzoll-Phase des Imperialismus, die der Freihandelsphase folgte, zeichnete sich dadurch aus, daß die Erweiterung der Größe des Wirtschaftsgebietes zur unbedingten Notwendigkeit eines jeden entwickelten Landes wurde. Die kleineren Wirtschaftsgebiete wurden den größeren tributpflichtig. Der staatliche Wirtschaftskrieg wurde in Permanenz erklärt, was unvermeidlich zur militärischen Auseinandersetzung führen mußte. Die Herausbildung einer riesigen Rüstungsindustrie ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Hinzu kommt, daß in der kapitalistischen Produktionsweise die Lebenshaltung eines Volkes immer hinter den technischen Möglichkeiten der Produktionssteigerung zurückbleibt. Die Entfaltung der Zivilindustrie findet ihre Schranken in der unzureichenden Konsumtion der Massen. Das Kapital wächst sehr viel schneller als die Möglichkeiten seiner Verwertung. Der riesig angeschwollene Akkumulationsfonds des Kapitals muß so nach Betätigungsfeldern suchen, die von der Konsumkraft

des Volkes im wesentlichen unabhängig sind: die Kriegsindustrie. Der Erste Weltkrieg war der Versuch des deutschen Imperialismus, die schon abgeschlossene Aufteilung der Welt in bestimmte Herrschafts- und Einflußsphären mit militärischen Mitteln in Frage zu stellen. Die Forderung der Linksradikalen von Lenin bis Luxemburg war unter diesen Bedingungen die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Es gelang aber nur den russischen Massen, sich vom Imperialismus zu befreien, eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Angriff zu nehmen.

Mit dem Krieg von 1914/18 wurde die Epoche der «transitorischen Notwendigkeit» des Kapitalismus beendet und die Epoche des Niedergangs und der Möglichkeit der Revolution eingeleitet.

Die Marxsche Revolutionstheorie schien sich historisch zu verifizieren:

«1. In der Entwicklung der Produktivkräfte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte (Maschinerie und Geld) - und was damit zusammenhängt, daß eine Klasse hervorgerufen wird, welche alle Lasten der Gesellschaft zu tragen hat, ohne ihre Vorteile zu genießen, welche aus der Gesellschaft herausgedrängt, in den entschiedenen Gegensatz zu allen anderen Klassen forciert wird – eine Klasse, die die Majorität aller Gesellschaftsmitglieder bildet und von der das Bewußtsein über die Notwendigkeit einer gründlichen Revolution, das kommunistische Bewußtsein, ausgeht, das sich natürlich auch unter den anderen Klassen vermöge der Anschauung der Stellung dieser Klasse bilden kann.

2. Daß die Bedingungen, innerhalb deren bestimmte Produktionskräfte angewandt werden können, die Bedingungen der Herrschaft einer bestimmten Klasse der Gesellschaft sind, deren soziale, aus ihrem Besitz hervorgehende Macht in der jedesmaligen Staatsform ihren praktisch-idealistischen Ausdruck hat, und deshalb jeder revolutionäre Kampf gegen eine Klasse, die bisher geherrscht hat, sich richtet.

3. Daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeit, um eine neue Verteilung der Arbeit an andre Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt, und die Herrschaft aller Klassen mit den Klassen selbst aufhebt, weil sie durch die Klasse bewirkt hat, die in der Gesellschaft für keine Klasse mehr gilt, nicht als Klasse anerkannt wird, schon der Ausdruck der Auflösung aller Klassen, Nationalitäten etc. innerhalb der jetzigen Gesellschaft ist. Und

4. daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins, wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden» (Karl Marx Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3, Berlin 1962, S. 60).

Der Erste Weltkrieg hatte die ganze kapitalistische Welt, die zu der Zeit noch keinen wirklich weltweiten Interdependenzzusammenhang begründete, in einen einzigen Betrieb zur Produktion von Waffen, Munition und Verpflegung für die sich bekämpfenden Armeen der kapitalistischen Staaten verwandelt. Die Herausbildung massenhafter Destruktionsmittel durch die kapitalistische Produktionsweise selbst, für Marx das Kriterium der objektiven «Reife der Revolution», war aber nur sehr bedingt mit der Herausbildung eines Bewußtseins der ausgebeuteten Klasse von der Notwendigkeit und Möglichkeit einer «totalen» Revolution gegen die die menschliche Entwicklung hemmenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse verbunden. Um diesen scheinbaren Widerspruch zu verstehen, ist es notwendig, die Implikationen des Marxschen Klassenbegriffs noch einmal zu befragen. Die Wirklichkeit, die in der Gesellschaft vor allem im Mittelpunkt der ökonomischen und materiellen Untersuchungen des Produktionsprozesses von Marx steht, sind die Menschen, nicht als vereinzelte Individuen, sondern als Klassen. In der Ökonomie ist nicht von Sachen die Rede, sondern von menschlichen Verhältnissen. Da diese Verhältnisse aber an Sachen gebunden sind, diese Sachen von den Produzenten in entfremdeter Gestalt - ausgeschlossen von dem Besitz und der Kontrolle über die Produktionsmittel - produziert werden, erscheinen die menschlichen Verhältnisse im Bewußtsein der Produzenten und Kapitalisten als Herrschaft der Dinge über die Menschen. Hinter diesen «versachlichten Produktionsbeziehungen» liegen die menschlichen Verhältnisse in der Form von Klassenverhältnissen. Was macht nun aber nach Marx die Klasse zur Klasse?

Im 18. Brumaire des Louis Bonaparte heißt die Antwort: «Sofern Millionen und Abermillionen Familien unter solchen wirtschaftlichen Verhältnissen leben müssen, die ihre Lebensweise, Interessen und Bildung von denen anderer Klassen trennen und sie ihnen gegenüber zu Feinden machen, bilden sie eine Klasse. Sofern nur eine lokale Beziehung besteht zwischen den Bauern, die Parzelleneigentümer sind und bei ihnen die Gemeinsamkeit ihrer Interessen keine Einheit, natürliche Verbindung und politische Organisation schafft, bilden sie keine Klasse» (MEW, Bd. 8, Berlin 1960, S.198), und im Elend der Philosophie: «Die ökonomischen Verhältnisse haben die Masse der Bevölkerung zu Arbeitern umgewandelt. Die Herrschaft des Kapitals hat für die Masse eine gemeinsame Situation und gemeinsame Interessen geschaffen. Auf diese Weise ist diese Masse schon eine Klasse gegenüber dem Kapital, aber noch nicht für sich selbst. Im Kampf [...] findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sie sich als Klasse für sich selbst. Die Interessen, welche sie verteidigt, werden Klasseninteressen. Aber der Kampf von Klasse gegen Klasse ist ein politischer Kampf» (MEW Bd. 4, Berlin 1964, S. 181). Zur Vollständigkeit der Klassenwirklichkeit gehört nicht nur, daß die Klassenindividuen gemeinsame ökonomische Interessen haben. In diesem Falle ist die Klasse nur ökonomisch, nur objektiv durch die Stellung im Produktionsprozeß bestimmt. Die historisch relevante Klassenwirklichkeit ist erst dann erreicht, wenn die Menschen zum Bewußtsein ihrer Klasse kommen, zum Klassenbewußtsein. Der Marxismus als revolutionäre Theorie gegen alle Verhältnisse, unter denen der Mensch verlassen, einsam und ausgebeutet ist, steht und fällt mit einem richtigen Verständnis des Klassenbewußtseins. Der Klassenkampf macht diese objektive, ökonomische und wissenschaftliche Wirklichkeit der Klasse subjektiv, politisch und praktisch-kritisch. Der Begriff der Klasse darf so nicht statisch, als von Ewigkeit zu Ewigkeit gegeben, sondern nur dynamisch, als sich allein im Kampfe herausbildende geschichtliche Wirklichkeit verstanden werden. Die Herausbildung der lohnabhängigen Massen zur revolutionären

Klasse ist das Ziel und die Tendenz des revolutionären Prozesses, nicht Ausgangspunkt.

Ausgangspunkt der taktischen Überlegungen für den Klassenkampf bleibt allerdings die ökonomisch-wissenschaftliche Lage der Klasse des Proletariats. Jede wirklich revolutionäre Praxis reduziert die Differenz zwischen dem passiv-ökonomischen Sein und dem aktiv-revolutionären Handeln, dem praktisch-kritischen Klassenbewußtsein. Der naturwüchsige und blinde Zwangscharakter der wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, der ihnen den Charakter einer übergeschichtlichen «Naturgesetzlichkeit» zu geben scheint, wird durch die bewußte Tätigkeit des praktisch-kritischen Klassenbewußtseins durchbrochen. Im Klassenkampf des Proletariats wird der historische Dualismus von Theorie und Praxis tendenziell aufgehoben. Die Theorie kann dem praktischen Handeln nicht gegenübergestellt werden, denn «allein durch die Theorie wird sie zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift» (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen

Rechtsphilosophie, MEW, Bd.', Berlin 1964, 5.385). Darin liegt die praktisch wirksame Funktion des Bewußtseins in der Geschichte, wie sich später zeigen sollte, auch des falschen Bewußtseins.

In der Sprache der Erkenntnistheorie heißt das: Die gesellschaftliche Erkenntnis ist gesellschaftliche Veränderung. Die Erkenntnis der gesellschaftlichen Situation trägt handlungsartigen Charakter, weil das Handeln dialektisch-identisch dem Erkennen ist. Damit ist das Problem des Klassenbewußtseins gegeben. Dieses historische Selbstbewußtsein des Proletariats entsteht nur im bewußten Klassenkampf, bei dem auch die Theorie und ihre Weiterentwicklung zum Klassenkampf gehört. Es kann sich nur in einem langen und schmerzlichen Prozeß herausbilden, denn die herrschenden Klassen versuchen mit allen Mitteln, diesen Bewußtwerdungsprozeß der lohnabhängigen Massen zu verhindern. Gegen die Fraktion Willich-Schapper sagte Marx in den Enthüllungen über den Kommunistenprozeß in Köln: «Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkriege durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern [Hervorhebung d. Vf.), um zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen oder wir können uns schlafen legen... Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von Euch das Wort Proletariat» (MEW, Bd. 8, Berlin 1960, S.412 f). Der prozessuale Charakter der Herausbildung der revolutionären Klasse des Proletariats und seines Klassenbewußtseins bestimmt auch die Grundproblematik des revolutionären Marxismus: die Einheit von Theorie und Praxis. Diese Einheit, die die marxistische Gesellschafts- und Geschichtsphilosophie mit der revolutionären Klassenkampfpolitik - als Philosophie der Praxis - in dialektische Einheit bringt, ist ebenso wie die Klasse keine fertige Einheit, sondern selbst nur als Produkt widersprüchlicher geschichtlicher Prozesse zu begreifen.

Die Totalität der materiellen Produktion - als der bedingenden Grundlage aller Prozesse der gesellschaftlichen Auseinandersetzung in der kapitalistischen Formationsperiode - ist in letzter Konsequenz nur ein Teil der gesellschaftlichen Totalität. Die Klassen, die Subjekte der Produktion nehmen nicht nur an der Produktion und am Tausch Anteil. Sie kämpfen auch gegeneinander um die Macht und um die jeweilige gesellschaftliche Struktur, sie zu erhalten oder sie revolutionär umzuwälzen. Der Produktionsprozeß schlägt unter bestimmten Bedingungen in Klassenkampf, in

politische Auseinandersetzung um, sie durchdringen sich ununterbrochen wechselseitig. Das bewußtgewordene Proletariat wirkt durch sein politisches Handeln so auch auf die Produktion ein: «Von allen Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst» (Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, Berlin i964,S. i8i).

Was sind nun aber für Marx die Bedingungen dafür, daß die revolutionäre Klasse sich zur größten Produktivkraft entfalten kann? Der «normale» Gang der kapitalistischen Produktionsweise produziert eine «integrierte» Arbeiterklasse: «Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des

ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeugung einer relativen Überbevölkerung hält das Gesetz der Zufuhr von und Nachfrage nach Arbeit, und daher den Arbeitslohn, in einem den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals entsprechenden Gleise, der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar noch immer angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den Naturgesetzen der Produktion überlassen bleiben, das heißt seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden, durch sie garantierten und verewigten Abhängigkeit vom Kapital» (Karl Marx: , 1, Berlin 1960, S.7771). Allein in der tiefen ökonomischen Krise, als einer Krise der Gesamtgesellschaft, kann die verinnerlichte und mehr oder minder akzeptierte ökonomische Gewalt des Kapitalverhältnisses vom Produzenten problematisiert werden, entsteht die

objektive Möglichkeit für die Entstehung eines revolutionären Klassenbewußtseins auf der Grundlage des politischen Klassenkampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital.

Schon nach Marx, erst recht bei Lenin wird der politische Klassenkampf von den Arbeiterparteien geführt, wobei nach Marx sich die Kommunisten «von den übrigen Arbeiterparteien nur dadurch unterscheiden, daß einerseits sie in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andererseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten» (Kommunistisches Manifest, MEW, Bd. 4, Berlin 1964, S.4747). Die Kommunisten wollen weder die proletarische Bewegung durch besondere Prinzipien modeln, noch sind ihre Interessen von denen der Gesamtbewegung getrennt. In der historischen Praxis der Arbeiterbewegung ist dieser Gedanke einer Einheitsfront aller lohnabhängigen Massen gegen die politischen und ökonomischen Herrschaftsmechanismen der Bourgeoisie bis heute noch nicht verwirklicht worden.

Als am Ende des Ersten Weltkrieges die erste Weltkrise des kapitalistischen Systems viralent wurde, galt es für alle revolutionären Parteien innerhalb des damaligen Weltsystems des Kapitalismus – auch diese konkrete Totalität des Weltmarkts war noch nicht wirklich weltweit - diese historische Möglichkeit zu aktualisieren, den kapitalistischen Staat und die ihn bedingende Produktionsweise umzuwälzen, eine sozialistische Welt ohne profitmaximierende Monopole, ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und ohne Krieg zu erkämpfen.

Zwar kam es in Deutschland zum Beispiel - wie auch in anderen Ländern - zur Bildung von spontanen Organisationsformen des arbeitenden und bewaffneten Volkes, zu Arbeiter- und Soldatenräten, kam es im Januar 1919 in Berlin zu Massendemonstrationen von Hunderttausenden von Arbeitern, den- noch ging diese revolutionäre Welle sehr schnell vorüber, und die Arbeiter- und Soldatenräte verschwanden sehr schnell, ohne auch nur bleibende Spuren in den Massen zurückzulassen. Sie enteigneten nicht die geflohenen Herrschaftshäuser, beseitigten nicht die nach ihrem Abgang absurd gewordene Kleinstaaterei, ließen die Grundbesitzer und die diskriminierenden lokalen Privilegien der Junker unberührt, zerschlugen nicht die «Kontinuität der militärischen Führung», haben weder die für den Krieg wesenhaft mitverantwortliche Schwerindustrie sozialisiert, noch eine Armee des Volkes zur Sicherung und Fortführung der Revolution geschaffen.

Von bestimmender Bedeutung für dieses historische Versagen war die Tatsache, daß die deutsche Arbeiterbewegung als tragender Repräsentant der demokratisch-sozialistischen Revolution nicht begriffen hatte, daß unter den Voraussetzungen eines komplizierten Industrie-, Administrations-, Justiz- und Militärapparates die Macht der herrschenden Klasse nur durch schnelle und vollständige Übernahme und Demokratisierung dieser Apparate gebrochen werden konnte. So fehlte die politisch-organisatorische Kraft, die die bewußte Kontrolle über Staat und Wirtschaft hätte

übernehmen können, kam es nicht zur Entfaltung der Selbsttätigkeit der Massen gegen die sich temporär zurückziehenden Kräfte des Kapitals und Großgrundbesitzes, konnte die mögliche Umwälzung der gesellschaftlichen Grundlagen nicht in Angriff genommen werden. Ein sehr entscheidender Faktor kommt noch hinzu: die sozialdemokratische und die gewerkschaftliche Bewegung war 1918 schon nicht mehr als revolutionäre Gegenbewegung zum Kapitalismus vorhanden. Die reformistische Sozialpolitik, die in der Periode des raschen Aufschwungs des deutschen Kapitalismus richtige Momente hatte, wurde zur politischen Gefahr der gesamten Arbeiterbewegung dadurch, daß sie der Illusion Vorschub leistete, diese «Politik der Sozialreformen» könne in allen Phasen des Kapitalismus durchgehalten werden, ohne bewußtseinsmäßig und organisatorisch revolutionäre Sicherungen zur Erhaltung der eroberten «Reform-Positionen» zu schaffen. Der Traum vom «Hineinwachsen» in den Sozialismus endete mit der Realität des Sieges der Konterrevolution. Indem der Reformismus mit einer falschen Ideologie die Arbeiterbewegung wehrlos machte, die Tatsache des Klassenkampfes leugnete, eine fiktive Volksgemeinschaft bejahte, auf jede revolutionäre Bereitschaft der Massen verzichtete, verwandelte er die «größte Arbeiterorganisation der Welt» in eine manipulierbare Wahlmaschine.

Die junge deutsche Kommunistische Partei, die schon im ersten Jahr ihres Bestehens ihre drei wichtigsten Führer (Rosa Luxemburg - bedeutendste Theoretikerin, Karl Liebknecht - hervorragender Agitator, Leo Jogiches-Tyszko - bester Organisator) durch konterrevolutionären Meuchelmord verlor, konnte die ungeheuren Aufgaben noch nicht erfüllen. Schon sehr bald kam (1921 nach dem 3 Kominternkongreß) eine nicht mehr in Frage gestellte Abhängigkeit von der

Kommunistischen Internationale, die von der KPdSU beherrscht und je nach eigenen Bedürfnissen «verwertet» wurde.

Die politisch und theoretisch entscheidende Diskussion über die mitteleuropäische Revolution wurde vor und auf dem 3. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale geführt. Sie ist für uns heute von höchster Aktualität, geht es in ihr doch - wenn auch unter anderen historischen Bedingungen - um die Frage des Verhältnisses von Ökonomie und Ideologie in der Periode der aktuellen Krise des kapitalistischen Systems, um die Frage der organisatorischen, theoretischen und taktischen Beziehung von Avantgarde und Massen. Nach Lukäcs: «Bleibt die Beziehung von Partei und Masse im Laufe des ganzen revolutionären Prozesses dieselbe, oder ist diese Beziehung ebenfalls ein Prozeß, der die dialektischen Verwandlungen und Umschläge des Gesamtprozesses aktiv und passiv mitzuerleben gezwungen ist?» (Internationale, Mai 1921)

Diese Frage verweist uns auf die andere Frage nach dem Verhältnis von Ideologie und Ökonomie. Der sozial-ökonomische Zerfallsprozeß der kapitalistischen Produktionsweise setzte starke Massenaktionen gegen das kapitalistische System frei. Im «klassischen» Verhältnis von Ökonomie und Ideologie ist die spontane Massenaktion die subjektive Seite des objektiven ökonomischen Prozesses. Daraus bestimmt sich auch die Rolle und Funktion der Partei im revolutionären Prozeß: sie kann den Prozeß beschleunigen, moment der Bewegung sein, aber nie getrennt von der Bewegung der Massen, die sich in letzter Konsequenz unabhängig von der Partei durchsetzt – so oder so. Die Partei darf in dieser Konzeption keine selbständige Initiative, getrennt von den Massenaktionen durchführen, würde in der «klassischen» Konzeption nur als Blanquismus beziehungsweise Putschismus verstanden werden können. Diese Konzeption geht von dem «naturgesetzlichen» Charakter der ökonomischen und damit auch der politischen und ideologischen Prozesse aus. In der aktivistischen, praxisorientierten Marxschen Theorie kann dieses Verhältnis nur für die transitorische Notwendigkeit des Kapitalismus zutreffen, für jene Periode also, wo der Kapitalismus historisch-progressiven Charakter hatte. Die Marxschen «Naturgesetze» des gesellschaftlichen Lebens beruhen gerade auf der «Bewußtlosigkeit der Beteiligten», sie führen die Gesellschaft in die Krise des Systems hinein, aber verbürgen in keiner Weise eine sozialistisch-revolutionäre Wendung der Krise. Die Marxschen Aussagen über den historischen Charakter der Aussagen der Gesellschaftswissenschaften einschließlich der Ökonomie zeichnen sich gerade dadurch aus, daß sie «revolutionäre Wissenschaft», Selbsterkentnisse eines je besonderen gesellschaftlichen Zustandes sind, also in keiner Weise vulgärmarxistisch als zeitlos gültige Gesetze der menschlichen Gesellschaft aufzufassen sind. Die Frage ist, ob unter den Bedingungen des «Sprunges aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit» (Engels), der ja nur als Prozeß der Transformation des Kapitalismus zu verstehen ist, noch die «naturgesetzlichen» Prozesse sich durchsetzen. Lukacs präzisiert diese Frage: «Wann, wo, unter welchen Bedingungen und inwiefern setzt dieser ein? Die Beantwortung dieser Frage, die, wie fast alle Fragen von einschneidender theoretischer Wichtigkeit, leider so gut wie niemals aufgeworfen wurde, ist für die Bestimmung der Taktik der kommunistischen Parteien von höchster praktischer Wichtigkeit. Denn falls der Beginn dieses Prozesses in die Periode der letzten Krise des Kapitalismus gesetzt wird,

müssen aus dieser theoretischen Stellungnahme die weitgehendsten taktischen Schlußfolgerungen gezogen werden» (ibid., S.211). Hier gewinnt die subjektive, aktivistische und voluntaristische Revolutionstheorie ihren materialistischen Begründungszusammenhang: allein die bewußte Tat des revolutionären Proletariats kann die objektive Krise des kapitalistischen Systems in die revolutionäre Transformation des Systems umsetzen. Als Alternative für ein Versagen des Proletariats nennt die Marxsche Theorie und die historische Praxis den Untergang der kämpfenden Klassen oder – um mit Rosa Luxemburg zu sprechen - die "Barbarei".

Das Versagen der Arbeiterbewegung in der tiefen Krise nach dem Ersten Weltkrieg zeigte sehr deutlich, daß nicht so sehr die unmittelbare Stärke der Bourgeoisie, sondern die unerwartete Schwäche und Ziellosigkeit des Proletariats selbst zum größten Hindernis der Revolution wurden. Ganz und gar nicht zeigte sich eine «revolutionäre Ideologie» des Proletariats als Folge der «Naturgesetze» des Kapitals, die eine tiefe ökonomische Krise hervorgerufen hatten. Das Fehlen des «revolutionären Willens» im Proletariat erklärten wir vorher aus der reformistischen Theorie und Praxis der Sozialdemokratie. Lenins Interpretation geht von folgender Frage aus: «Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Imperialismus und jenem ungeheuerlich widerwärtigen Siege, den der Opportunismus (in Gestalt des Chauvinismus) über die Arbeiterbewegung in Europa errungen hat? Das ist die Grundfrage des modernen Sozialismus,» Nach einer Charakterisierung des durch «ungeheure Anhäufung von Geldkapital in wenigen Ländern» von Kapitalismus in Imperialismus umschlagenden Systems folgt die für die Erklärung des Opportunismus und für die Begründung der Kolonialrevolution entscheidende Darlegung: ... . die Ausbeutung der Kolonien durch eine Handvoll Großmächte verwandelt die zivilisierte Welt immer mehr in einen Schmarotzer auf dem Hundertmillionen-Körper der unzivilisierten Völker... Die privilegierte Schicht des Proletariats der imperialistischen Großmächte lebt zum Teil auf Kosten der Hunderte von Millionen Menschen der nichtzivilisierten Völker» (Wladimir 1. Lenin: Gegen den Strom, Hamburg 1921, S.512). Die Darstellung der ökonomischen Tatbestände ist richtig und ökonomistisch konsequent. Dennoch scheint uns die «Theorie» der Arbeiteraristokratie eindeutig vulgärmarxistisch, fühlt man sich doch unwillkürlich an Kautskys Erklärung der deutschen Reformation als «ideologischen Ausdruck tiefgreifender Veränderungen auf dem damaligen europäischen Wollmarkt» erinnert.

Lenin zog 1902 in Was tun? die erste positive Schlußfolgerung aus dem bisherigen geschichtlichen Verhalten der Arbeiterklasse: die durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse geprägten Arbeiter können nur durch «Außenlenkung», durch die Partei als Avantgarde der Klasse organisiert und revolutioniert werden. Unter den anderen Bedingungen Mitteleuropas, mit einer hochqualifizierten Arbeiterklasse, die durch den «stummen Zwang» der kapitalistischen Verhältnisse die Normen und Verhaltensweisen der bürgerlichen Gesellschaft verinnerlicht hatte, mußte auch diese Theorie der Organisation, die nur sehr schlecht den grundlegenden Sinn der marxistischen Emanzipationsidee, daß die «Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter» sein kann, für sich in Anspruch nehmen konnte, scheitern.

Die marxistische Theorie schien an ihre Grenzen zu stoßen, eine wirkliche materialistische Erklärung der ideologischen Hemmungen des Proletariats wurde bis Ende der zwanziger Jahre in der revolutionären Arbeiterbewegung nicht gefunden. Geringe Ansätze einer deskriptiven Erklärung finden sich in Pannekoeks Weltrevolution und kommunistische Taktik: «Jahrzehnte werden nötig sein, um in den alten kapitalistischen Ländern den verpestenden lähmenden Einfluß der bürgerlichen Kultur auf das Proletariat zu überwinden [...] Man sieht diese Weltrevolution nicht in ihrer vollen universellen Bedeutung, wenn man sie nur vom westeuropäischen Gesichtspunkt betrachtet [...] Die Sache Asiens ist die eigentliche Sache der Menschheit [...] mehr als die Hälfte der ganzen Bevölkerung der Erde [...] Zerfall Europas [...] so werden vielleicht rascher, als jetzt nach dem äußeren Schein zu erwarten wäre, die nationalen Befreiungsbewegungen Asiens auf dem festen materiellen Boden eines Klassenkampfes der Arbeiter und Bauern gegen die barbarische Unterdrückung durch das Weltkapital eine koramunistische Gedankenwelt und ein kommunistisches Programm annehmen» (Wien 1920, S.44). Hier ahnen wir schon etwas von der Notwendigkeit einer langandauernden Kulturrevolution gerade in den hochentwichelten kapitalistischen Ländern Mitteleuropas als der Bedingung für die Möglichkeit einer Revolutionierung der Gesamtgesellschaft.

Die Einschätzung Asiens trägt «prophetischen» Charakter, war aber in der kommunistischen Weltbewegung der zwanziger Jahre durchaus gängig. Auch bei Lenin werden wir diese emphatische Einschätzung der kolonialen Revolution finden, werden allerdings vergeblich nach einer Antwort auf die so wesentliche Frage nach der Entwicklung und Veränderung der Bewußtseinsstruktur des europäischen Proletariats suchen. In einem sehr eigenartigen Gedenkartikel Zum zehnjährigen Jubiläum der Prawda vom 5.5.1922 (Wladimir 1. Lenin: Werke, Bd. 33, 5. 335 ff) führt er aus: «Die Hauptursache für diese enorme Beschleunigung der internationalen Entwicklung liegt darin, daß neue Hunderte und aber Hunderte Millionen Menschen in diese Entwicklung einbezogen wurden. Das alte bürgerliche und imperialistische Europa, das daran gewöhnt ist, sich für den Nabel der (335) Welt zu halten, ist verfault und im ersten imperialistischen Gemetzel wie ein stinkendes Geschwür geplatzt, dieser Niedergang des alten Europas doch nur eine Episode in der Geschichte des Untergangs der Weltbourgeoisie, die sich bei der imperialistischen Ausplünderung und Unterdrückung der Mehrheit der Erdbevölkerung überfressen hat. Die Mehrheit ist jetzt erwacht und in eine solche Bewegung geraten, daß auch die stärksten und gewaltigsten Mächte nicht imstande sind, sie aufzuhalten [...] in Indien und China brodelt es. Das sind mehr als 700 Millionen Menschen. Das ist, wenn wir die an sie grenzenden und ihnen ganz ähnlichen asiatischen Länder hinzuzählen, die größere Hälfte der Erdbevölkerung. Dort rückt, unaufhaltsam und immer rascher, das Jahr 1905 heran - mit dem wesentlichen und riesengroßen Unterschied, daß 1905 die Revolution in Rußland (wenigstens anfangs) noch isoliert verlaufen konnte, das heißt ohne sofort andere Länder in die Revolution hineinzuziehen. Die in Indien und China heranreifende Revolution aber wird und ist schon jetzt in den revolutionären Kampf, in die revolutionäre Bewegung, in die internationale Revolution hineingezogen.

Das zehnjährige Jubiläum der legalen bolschewistischen Tageszeitung Prawda führt uns anschaulich einen Markstein in der enormen Beschleunigung der großen Weltrevolution vor Augen [...] Als die alte Iskra im Jahre 1900 gegründet wurde, war daran knapp ein Dutzend Revolutionäre beteiligt. Als der Bolschewismus entstand, waren daran (336), auf dem illegalen Parteitag in Brüssel und London 1903, ungefähr 40 Revolutionäre beteiligt [...] im November 1917 die Mehrheit, des Proletariats und der politisch bewußten Bauernschaft für die Bolschewiki - in Gestalt der Mehrheit der Delegierten des II. Gesamtrussischen Sowjetkongresses, in Gestalt der Mehrheit den aktivsten und bewußtesten Teil des werktätigen Volkes, nämlich der damaligen Zwölfmillionenarmee [...] in diesen zwanzig Jahren die Revolution in Ländern mit einer Bevölkerung bis zu einer Milliarde und mehr (ganz Asien, und auch Südafrika nicht zu vergessen, das unlängst seinen Anspruch, Mensch und nicht Sklave zu sein, geltend machte [...]) begann und zu einer unbesiegbaren Kraft wurde.

Und wenn irgendwelche, man entschuldige den Ausdruck Spenglerjünger daraus schließen sollten [...]bei dieser Rechnung sei das Proletariat Europas und Amerikas in die revolutionären Kräfte nicht einbezogen, so geben wir zur Antwort: Die eben erwähnten superklugen Führer argumentieren immer so, als ob sich aus dem Umstand, daß neun Monate nach der Empfängnis die Geburt des Kindes zu erwarten ist, die Möglichkeit ergäbe, sowohl Stunde und Minute der Geburt als auch die Lage des Kindes bei der Geburt sowie den Zustand der Gebärenden während der Geburt und den genauen Grad der Schmerzen und Gefahren, die Kind und Mutter durchzumachen (337) haben, zu bestimmen. Superkluge Leute! Sie können durchaus nicht begreifen, daß vom Standpunkt der Entwicklung der internationalen Revolution der Übergang vom Chartismus zu den vor der Bourgeoisie liebedienernden Hernderson oder von Varlin zu Renaudel oder von Wilhelm Liebknecht und Bebel zu Südekum, Scheidemann und Noske nichts anderes ist als der Übergang eines Autos von einer glatten und ebenen, Hunderte Kilometer langen Chaussee in eine kleine schmutzige, stinkende Pfütze auf derselben Chaussee, in eine kleine, wenige Meter lange Pfütze.

Die Menschen machen ihre Geschichte selbst [... ] Diese Bourgeoisie, die ihr möglichstes getan hat, um die Geburt zu erschweren, um die Gefahren und Qualen der proletarischen Macht in Rußland zu verzehnfachen, ist noch in der Lage, Millionen und aber Millionen Menschen durch weißgardistische und imperialistische Kriege usw. zu Qualen und Tod zu verdammen. Das dürfen wir nicht vergessen. Mit dieser Besonderheit der gegenwärtigen Sachlage müssen wir unsere Taktik geschickt in Einklang bringen. Quälen, foltern und morden kann die Bourgeoisie einstweilen noch ungehindert. Aber den unvermeidlichen und - unter dem welthistorischen Gesichtspunkt betrachtet - gar nicht fernen endgültigen Sieg des revolutionären Proletariats kann sie nicht aufhalten.»

Diese sehr ausführliche Wiedergabe des Textes zeigt mit seltener Klarheit die Größe und die Schranke des Leninschen Denkens, die großartige weltgeschichtliche Tendenzanalyse des Emanzipationsprozesses der heutigen Dritten Welt auf der einen Seite, die kaum kaschierte Ohnmächtigkeit und Unfähigkeit, die Problematik des mitteleuropäischen Proletariats und seiner Revolutionierung auf den Begriff zu bringen. Nur so kann er der Bourgeoisie weiterhin eine geschichtliche Initiative zugestehen. So war es auch klar, daß Lenin die Offensivstrategie der Linken innerhalb der Komintern (von G. Luka'cs bis A. Thalheimer und P. Frölich) als linke Abweichung politisch bekämpfte. Diese Konzeption ging von den Grenzen der Spontaneität der Massenaktionen aus, wie sie sich nach dem Weltkrieg praktisch gezeigt hatten. Von dieser Erkenntnis aus bestimmten sie neu die Funktion und Rolle der organisierten Avantgarde im revolutionären Prozeß: Da die Naturgesetze der kapitalistischen Produktion nicht von sich aus in der Krise die verinnerlichte Gewalt der kapitalistischen Produktionsverhältnisse im Bewußtsein der Arbeiterklasse durchbrechen, nicht automatisch der innere Menschewismus des Proletariats überwunden werden wird, muß die Partei als «geschichtliche Gestalt des proletarischen Klassenbewußtseins» (G. Luka'cs) durch Aufklärung und Aktionen die «Lethargie des Proletariats» aufbrechen. Durch Teilaktionen, die von der Partei getragen werden, sich aber an das ganze Proletariat wenden, soll das Klassenbewußtsein des Proletariats geschärft werden, wird die Aktion ein Mittel der praktisch-kritischen Tätigkeit der sich auf den Kampf um die Macht vorbereitenden Partei. Die Einwirkungen der Aufklärung und der Aktionen auf das Bewußtsein des Proletariats sollen dasselbe für den Kampf um die Macht vorbereiten. «Und Offensive bedeutet soviel: durch die im richtigen Moment, mit richtigen Parolen einsetzende selbständige Aktion der Partei die proletarischen Massen aus ihrer Lethargie zu erwecken, sie von ihrer menschewistischen Führerschaft durch die Aktion (also organisatorisch und nicht bloß geistig) loszureißen, den Knoten der ideologischen Krise des Proletariats mit dem Schwerte der Tat zu zerschneiden» (Luka'cs: , Mai 1921, S.215).

Diese Theorie, die so wenig wie die anderen die tiefen historisch-materialistischen Gründe für die Verbürgerlichung des Proletariats geben konnte, hatte jedenfalls eine entscheidende Wahrheit des Marxismus begriffen: «Das Zusammenfallen des Anderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden» (Karl Marx: Thesen über Feuerbach 3, MEW Bd. 3, Berlin 1962, 5.6). Sie begriff zum Beispiel, was unter heutigen Bedingungen so mancher orthodoxe Marxist nicht begreifen will, daß Minderheit und Mehrheit nicht statisch, sondern prozeßhaft, durch menschliche Tätigkeit veränderbar und machbar, historisch dialektisch zu verstehen sind.

Die Märzaktion in Mitteldeutschland, eine absolut dilettantisch vorbereiete Aktion der KPD gegen den Einmarsch der Hörsing-Verbände der Reichswehr in das rote Thüringen, die daraus entstehenden Auseinandersetzungen mit Paul Levi innerhalb der Partei und Komintem beendeten sehr schnell alle Offensivtheorien. Der dritte Weltkongreß ging 1921 von einer veränderten Einschätzung der Weltsituation aus: der Kapitalismus hat sich temporär konsolidiert. Hinzu kamen die Kronstädier Ereignisse, der revolutionäre Aufstand der Arbeiter- und Bauemsoldaten für die Rätedemokratie und gegen die Herrschaft des bürokratischen Apparats, die davon nicht zu trennende Einführung der Neuen Ökonomischen Politik, der damit verbundenen teilweisen Rekapitalisierung der Ökonomie, und das Fraktionsverbot auf dem X. Parteitag, das als temporäre Maßnahme begriffen, bald zu einem permanenten Repressionsinstrument zur Unterdrückung innerparteilicher Demokratie wurde.

Der Marxismus als «Erkenntnistheorie des revolutionären Willens», wie er besonders in den Feuerbachthesen entwickelt wurde, verwandelte sich in der Sowjetunion noch unter Lenin zu einem staatserhaltenden Mythos. Von Marx hatte Lenin die Überbetonung der Leitung und Direktion übernommen. Die «neuen Funktionäre» hatten Befehle auszuführen - mit Initiative: «Und nachdem die Praxis der Revolution diesen Punkt erreicht hat, verwandeln sich beide, Theorie und Mythos in ein durch veränderte Verhältnisse nicht mehr verändertes Dogma. Und in eine für jeden unmittelbaren Zweck brauchbare und gebrauchte Ideologie (Heteronomie der Zwecke). Vulgatalesen = Ketzerei. Wechselnde Auslegungen Orthodoxie» (Karl Korsch: Buch der Abschaflungen, Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam, Manuskript 1945, S.9).

Um zu einer materialistischen Erklärung der Verbürgerlichung (Integration) des Proletariats in den hochentwickelten kapitalistischen Staaten Mitteleuropas vorzudringen, müssen wir zwei Sphären im wesentlichen analysieren:

a) Die Theorie der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft nach Marx und ihre verkürzte Rezeption durch die Theoretiker und Praktiker der revolutionären Arbeiterbewegung. Wandlungen des Kapitalismus.

b) Welche Faktoren in den Klassenindividuen des Proletariats hemmen die Herausbildung eines rnilitant-aktivistischen Klassenbewußtseins?

Exkurs ad a)

Drei Haupttatsachen kennzeichnen nach Marx die kapitalistische Produktion:

«1. Konzentration der Produktionsmittel in wenigen Händen, wodurch sie aufhören, als Eigentum der unmittelbaren Arbeiter zu erscheinen, und sich dagegen in gesellschaftliche Potenzen der Produktion verwandeln. Wenn auch zuerst als Privateigentum (2951) der Kapitalisten. Diese sind Trustees der bürgerlichen Gesellschaft, aber sie sacken die Früchte dieser Trusteeschaft ein.

2. Organisation der Arbeit selbst, als gesellschaftlicher: durch Kooperation, Teilung der Arbeit und Verbindung der Arbeit mit der Naturwissenschaft.

Nach beiden Seiten hebt die kapitalistische Produktionsweise das Privateigentum und die Privatarbeit auf, wenn auch in gegensätzlichen Formen.

3. Herstellung des Weltmarkts,

Die ungeheure Produktivkraft, im Verhältnis der Bevölkerung, die innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise sich entwickelt und, wenn auch nicht im selben Verhältnis, das Wachsen der Kapitalwerte (nicht nur ihres materiellen Substrats), die viel rascher wachsen als die Bevölkerung, widerspricht der, relativ zum wachsenden Reichtum, immer schmaler werdenden Basis, für die diese ungeheure Produktivkraft wirkt, und den Verwertungsverhältnissen dieses schwellenden Kapitals. Daher die Krisen» (, Bd. 3, S.296).

Mit der Herausbildung des Kreditwesens (s. o.) kommt es auch zur Entstehung von Aktienunternehmungen, die die Tendenz haben, die Verwaltungsarbeit der industriellen und merkantilen «Dirigenten» (Marx), und zwar die Verwaltungsarbeit als Funktion immer mehr von dem Besitz des Kapitals zu trennen. «Indem aber einerseits dem bloßen Eigentümer des Kapitals, dem Geldkapitalisten der fungierende Kapitalist gegenübertritt, und mit der Entwicklung des Kredits dies Geldkapital selbst einen gesellschaftlichen Charakter annimmt, in Banken konzentriert und von diesen, nicht mehr von seinen unmittelbaren Eigentümern ausgeliehen wird, indem andererseits aber der bloße Dirigent [Hervorhebung d. Vf.], der das Kapital unter keinerlei Titel besitzt, weder teilweise noch sonstwie, alle realen Funktionen versieht, die dem fungierenden Kapitalisten als solchen zukommen, bleibt nur der Funktionär und verschwindet der Kapitalist als überflüssige Person aus dem Produktionsprozeß» (ibid., S.424).

Durch die Aktiengesellschaften erfolgt eine «ungeheure Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion». Für die Einzelkapitale der Vergangenheit war das nicht möglich gewesen. Das Kapitel nimmt in den Aktiengesellschaften die Form von «Gesellschaftskapital (Kapital direkt assoziierter Individuen) » an, «im Gegensatz zum Privatkapital, und seine Unternehmungen treten auf als Gesellschaftsunternehmungen im Gegensatz zu Privatunternehmungen. Es ist die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst» (ibid., 5.477). Wie darin der «wirklich fungierende Kapitalist» durch den «bloßen Dirigenten», dem «Verwalter fremden Kapitals» ersetzt wird, so wird aus dem ehemaligen Kapitaleigentümer ein «bloßer Eigentümer», «bloßer Geldkapitalist»: «Selbst wenn die Dividenden, die sie beziehen, den Zins und Unternehmergewinn, d.h. den Totalprofit einschließen (denn das Gehalt des Dirigenten ist, oder soll sein, bloßer Arbeitslohn einer gewissen Art geschickter Arbeit, deren Preis im Arbeitsmarkt reguliert wird, wie der jeder andren Arbeit), so wird dieser Totalprofit nur noch bezogen in der Form des Zinses, d.h. als bloße Vergütung des Kapitaleigentums, das nun ganz so von der Funktion im wirklichen Reproduktionsprozeß getrennt wird, wie diese (477) Funktion in der Person des Dirigenten vom Kapitaleigentum. Der Profit stellt sich so dar [...] als bloße Aneignung fremder Mehrarbeit, entspringend aus der Verwandlung der Produktionsmittel in Kapital, d.h. aus ihrer Entfremdung gegenüber den wirklichen Produzenten, aus ihrem Gegensatz als fremdes Eigentum gegenüber allen wirklich in der Produktion tätigen Individuen, vom Dirigenten bis herab zum letzten Tagelöhner. In den Aktiengesellschaften ist die Funktion getrennt vom Kapitaleigentum, also auch die Arbeit gänzlich getrennt vom Eigentum an den Produktionsmitteln und an der Mehrarbeit» (ibid., S. 478). Dieser Vorgang ist für Marx historisches Resultat der höchsten Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise, andererseits «notwendiger Durchgangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum der Produzenten [...] als das Eigentum ihrer als

assoziierter, als unmittelbares Gesellschaftseigentum. Es ist andererseits Durchgangspunkt zur Verwandlung aller mit dem Kapitaleigentum bisher noch verknüpften Funktionen im Reproduktionsprozeß in bloße Funktionen der assoziierten Produzenten, in gesellschaftliche Funktionen» (ibid., S.478). Marx sieht in den Aktiengesellschaften in der Tat «die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst» (ibid., S.

479) und versteht sie als «bloßen Übergangspunkt» zu einer neuen gesellschaftlichen Form der Produktion. Dieser «sich selbst aufhebende Widerspruch» schafft in bestimmten Sphären das «Monopol» «und fordert daher die Staatseinmischung heraus.

Er reproduziert eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektemachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren, ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion ohne die Kontrolle des Privateigentums» (ibid., 5.480).

Luka'cs, der sich neben Lenin in den zwanziger Jahren am meisten verdient gemacht hat um eine radikale Marx-Rezeption, greift in Geschichte und Klassenbewußtsein (Berlin 1923), auf die Darstellung der Aktiengesellschaft als «Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst» zurück, nimmt es aber nicht sehr ernst, sieht im materiellen Produktions- und Reproduktionsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft keine relevanten Veränderungen. Das Problem der Staatseinmischung in den sozialökonomischen Prozeß wird weder

bei Lenin noch bei Lukäcs zum Problem. Aber gerade in diesen beiden neuen Phänomenen, die bei Marx nur bruchstuckweise oder nur hinweisartig vorliegen, hätte sich revolutionäre Wissenschaft festzumachen gehabt, hätten die aus den Veränderungen in der materiellen Produktion sich ergebenden klassensoziologischen Veränderungen problematisieren müssen. Nur so wäre eine für die Zeit der Krise nach dem Weltkrieg historisch-materialistische Theorie der revolutionären Veränderung möglich geworden. Das unkritische Festhalten an den «bewährten Formeln» der Klassiker degradiert den revolutionären Kampf auf die Stufe der begrifflosen Praxis oder des blinden Aktivismus.

Exkurs: Wandlungen des Kapitalismus

Der Grundwiderspruch für die von Marx analysierte kapitalistische Formationsperiode (s. o.) war, daß die gesellschaftlich vermittelte Produktionsweise nicht eine gesellschaftliche Aneignung, sondern eine private, auf der Grundlage der Trennung von Kapital und Lohnarbeit implizierte. Organisation und Planung im Einzelbetrieb, Anarchie in der Gesamtgesellschaft.

Dieser Grundwiderspruch gewinnt im Prozeß der widersprüchlichen und ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitals mannigfaltige Formen. Die Tendenz der schrankenlosen Entfaltung der Produktivkräfte und der beschränkten Verwertungsbedürfnisse des Kapitals konstituieren die Grundtendenz des kapitalistischen Grundwiderspruchs in je spezifischer Form.

Der Kapitalismus paßt sich 1. an das je historische quantitative und qualitative Wachstum der Produktivkräfte an, 2. an den je erreichten Stand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung!

Die rasche Entwicklung des Kapitalismus durch beschleunigten technischen Fortschritt und durch Ausdehnung des kapitalistischen Feldes führten zu einer ungeheuren Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Produktivität. Ganze neue Industriezweige entstanden, schufen neue Bedürfnisse etc. Der industrielle Produktionsprozeß selbst unterliegt seit Taylor und Ford qualitativen Veränderungen (Arbeitszerlegung, Ökonomisierung als Wissenschaft, Normung, Standardisierung, Marktsicherung, gesamtgesellschaftliche Statistik etc.). An die Stelle der Konkurrenz der Privaten sind die Marktabsprachen der korporierten Eigentümer getreten. Dahinter liegt die Tendenz der Vergesellschaftung im Kapitalismus, drückt sich aber auch eine bewußtere Form des gesellschaftlichen Zusammenhanges der Produzenten aus. Steigende Mehrwertraten, absolute Zunahme der beschäftigten Bevölkerung lassen auch die Mehrwertmasse steigen. Wachsende Produktivität der Arbeit ist nur ein anderer Ausdruck dafür. Diese Mehrwertmasse wird für den Akkumulationsprozeß bereitgestellt. Konkrete Schranken der Akkumulation sind Produktionskapazität und Proportionalität. Das akkumulationsbereite Kapital gerät in Widerspruch mit diesen Bedingungen; versucht durch technischen Fortschritt, künstlich geschaffene Bedürfnisse, Export von Kapital, Erschließung neuer Länder etc. die Schranken zu überwinden. Der permanente Hunger nach Verwertungsmöglichkeiten ist der Motor der kapitalistischen Entwicklung. Insofern die Ausdehnung des äußeren Feldes der kapitalistischen Produktion immer schwerer wird – die Aufteilung der Welt ist beendet -, wird der technische Fortschritt immer mehr zum entscheidenden Akkumulationsmotor. Allerdings gibt es auch hier immanente Schranken. Immer weniger Produktionszweige sind noch nicht voll durchindustrialisiert. (Landwirtschaft!) Gewissermaßen werden immer mehr nur noch ganze neue Industrien zum bestimmenden Träger des Akkumulationsprozesses.

Diesen neuen Industrien stehen in zunehmenden Maße Industrien gegenüber, die kapitalgesättigt sind, akkumulationsunfähig geworden sind. Der zumeist hohe Anteil des fixen Kapitals macht diese Produktionszweige für die Dauer des Abbauprozesses stützungsbedürftig. Der Anstoß zu etatistischen Maßnahmen kommt gerade von diesen bedrohten Produktionszweigen. Die akkumulationsunfähigen Wirtschaftszweige drücken die ökonomischen Totgewichte der kapitalistischen Gesellschaft aus, zeigen die objektiven Schranken der Akkumulation an, hemmen andererseits die «ungestörte» ökonomische Gesamtentwicklung. Die Entfaltung einer immer höheren Produktivität der Arbeit auf der Grundlage des technischen Fortschritts läßt den Akkumulationsfonds ständig wachsen. Die begrenzten Verwertungsmöglichkeiten des Kapitals und die nur immer schwerer überwindbaren Schranken der Akkumulation haben notwendigerweise die verschiedensten Formen der Kapitalvernichtung zur Folge. Das Wachstum der physischen (Stillegungen, Vorratsvernichtung, Krieg) und funktionalen (jede Kapitalausgabe für unproduktive Zwecke, Anwachsen der unproduktiven Staatsausgaben u. a. m.) Kapitalvernichtung zeigt die «Überfälligkeit» des Systems an. Die ungeheure Steigerung der Jaux frais (toten Kosten) der kapitalistischen Produktion drückt die Gesamtheit der Kapitalvernichtung aus. Die Differenz zwischen der technologisch möglichen Entfaltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte, der ungeheuren Steigerung der Produktivität der Arbeit und der faktischen Steigerung wird immer größer. Damit auch die Spannung zwischen dein möglichen Lebensstandard bei einer vollen Beseitigung der kapitalistischen Fesseln und dem faktischen Lebensstandard immer mehr vergrößernd. «Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde» (Das Kapital Bd. 3, S.528). Diese «wirkliche Krise» setzte sich dann auch zwischen 1929/34 als Weltwirtschaftskrise durch. In ihr versagte der parlamentarische Staat, jene große «Interessentenbörse» (Sering), in der die verschiedenen Klassen um Kompromisse rangen. Dieser politische Handel trug stets Resultantencharakter. Vermittelt über den Staat geschah die Verteilung des Sozialprodukts nicht mehr unmittelbar nach der ökonomischen Stärke der einzelnen Gruppen. Die Verteilung wurde «herrschaftsmäßig» politisiert, nach dem jeweiligen politisch-sozialen Gewicht erhielten die Gruppen ihre «Belohnungen». In der Krise nun sank mit dem Rückgang der Produktion die Aktionsfähigkeit aller Klassen. Die Arbeitslosigkeit, strukturelles Zeichen des Kapitalismus in der Periode der unausgenützten Kapazitäten, nahm sehr schnell zu, die politische und menschliche Entfremdung zwischen den Arbeitenden und den Arbeitslosen gleichermaßen. Die Interessensolidarität der Proletarier erlitt starke Einbußen. Die früher auch im Schicksal der einzelnen Schichten sinnlich sichtbare Einheit der Arbeiterklasse ging verloren. Aus der zunehmenden Mechanisierung des Produktionsprozesses folgt in der Logik des Kapitals eine Reduzierung der in der Produktion beschäftigten Arbeiter: Statt der Arbeit werden die Arbeiter abgeschafft. Die Dauerarbeitslosen und die Beschäftigten unterschieden sich in ihrem Bewußtsein und in ihrem Leben. Arbeit und Elend bildeten im Begriff und in der Wirklichkeit des Marxschen Proletariats eine Einheit. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Mitteleuropa nie mehr zu dieser subversiv-sprengenden Einheit. Schon in den erwähnten Märzkämpfen zeigte sich der Bruderkampf zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten, der sich in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre in der Krise sehr verschärfte. Nicht das Leben der Produktiven, sondern das der Arbeitilosen war eine Hölle. Sie benötigten zuallererst die Umwälzung des Systems. Sie aber hatten weder die Ausbildung noch die Organisationsfähigkeit, die das deutsche Proletariat vor dem Ersten Weltkrieg auszeichnete. Das fehlende Verständnis für die Theorie wurde temporär durch Weltanschauungen ersetzbar. Diese doppelte geschichtliche Daseinsweise des deutschen Proletariats drückte sich nun in den zwanziger Jahren auch in der Existenz zweier Arbeiterparteien aus. Ihr gegenseitiger Kampf, der in der Parole der Kommunisten vom Sozialfaschismus der Sozialdemokratie kulminierte, vervollständigte die Ohnmacht der deutschen Arbeiterbewegung. Der Sieg des Faschismus hatte kein Moment von Notwendigkeit mehr in sich, er wurde sehr leicht möglich, weil die Arbeiterbewegung sich als unfähig erwies, die langandauernde Krise sozialistisch-revolutionär zu wenden. Sie wurde vielmehr zum Objekt der Krise, und damit war der Weg für den Faschismus frei.

Die «Theorie» der kommunistischen und der sozialdemokratischen Partei nahm auch nicht die aus den «Wandlungen des Kapitalismus» ersichtlichen klassensoziologischen Veränderungen in die sozialistische Strategie auf, vertraute weiter auf die alten Schemata.

Die strukturell Arbeitslosen stellten zusammen mit den Rentnern völlig funktionslose Schichten dar, drückten den wachsenden Anteil der Unproduktiven an der Gesamtbevölkerung aus. Der schnell wachsende Verteilungsapparat schuf ein riesiges Angestelltenheer. Über diesen Weg lief schon seit geraumer Zeit ein relevanter Teil der funktionalen Kapitalvernichtung. Noch stärker wuchsen der Verwaltungs- und Militärapparat, der zur Schaffung künstlicher Beamtenschichten führte, die den wachsenden Steueranteil des Staates wieder vernichten. Beamtenschaft und Militär sind unproduktive und parasitäre Gruppen, die sehr schnell in der revolutionären Umwälzung als Gewaltorganisationen der herrschenden Klasse aufgelöst und zerschlagen werden müssen.

Zur Umschichtung innerhalb der Arbeiterklasse selbst kommt noch hinzu, daß infolge der Mechanisierung des Arbeitsprozesses der Anteil der gelernten Arbeiter - wie schon angedeutet - sich notwendig verringern wird. Es wächst jedoch die steigende Unentbehrlichkeit dieser relativ kleinen Schicht der Produktionsintelligenz, das heißt die Bedeutung der technischen und ökonomischen Intelligenz für den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß. Eine revolutionäre Strategie für die hochentwickelten kapitalistischen Länder kann von dieser Schicht nicht abstrahieren, müssen sich doch gerade aus ihr jene revolutionären Spezialisten herausbilden, die die zentrale Leitung der Ökonomie und die Entfaltung der Masseninitiative nicht als sich ausschließenden Gegensatz, sondern als dialektische Einheit des sozialistischen Transformationsprozesses praktisch begreifen.

In der Weltwirtschaftskrise waren wieder sehr viele Länder bis an den Rand der Revolution gedrängt worden. Es zeigte sich, daß der Kapitalismus mit den normalen Mitteln der Krisenüberwindung hier nicht mehr zu Rande kam. Erstmalig wurde der Staatsinterventionismus international als das entscheidende Mittel der Krisenüberwindung systematisch eingesetzt. Es geht um eine Sanierung auf der Basis der gegebenen Besitzverhältnisse. Die unter den herrschenden Bedingungen konkurrenzfähigen Produktionszweige können um die Mittel zur Erweiterung ihres Exploitationsfeldes kämpfen. Diese ständige Begleiterscheinung des Kapitalismus wird dadurch qualitativ neu, daß die Anwendung politischer Methoden zur Aufrechterhaltung vom Standpunkt rationeller kapitalistischer Kalkulation historisch überholter Besitz- und Produktionsverhältnisse überwiegt. Die Erklärung für diese Erscheinung liegt darin, daß gesellschaftlich und politisch entscheidende Teile des Kapitalismus ihre sozialökonomische Position auf fortschrittlichem Wege nicht mehr halten können, darum reaktionär geworden sind. Die noch akkumulationsfähigen Produktionszweige haben weder die Kraft noch die Mittel, sich gegen den staatlich-gesellschaftlichen Apparat und den von ihm abhängigen stützungsbedürftigen Produktionszweigen politisch durchzusetzen. Allerdings sind die «ökonomischen Totgewichte» (Sering) der akkumulationsunfähigen Industrien für sie ein negatives Bleigewicht. So haben sie gar keine andere Wahl als den etatistischen Weg des Staates mitzumachen. Die Gesamtheit der staatlichen Wirtschaftsregulierungen sei hier als Etatismus bezeichnet. Nicht die Verstaatlichung der Produktionsmittel ist das Ziel des Etatismus, sondern die staatliche Lenkung des Privatkapitalismus.

Die abstrakte Analyse hat die Aufgabe, die allgemeine Grundrichtung des internationalen Kapitalismus überhaupt zu erkennen. Diese Abstraktion kann uns aber nichts sagen über den genauen Zeitpunkt und über das Tempo der Verarbeitung des Etatismus, auch nichts über seine Realisierbarkeit unter je konkret-historischen Bedingungen. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit jedoch sind seine Grenzen enger. Das Kapitalverhältnis gerät in immer größeren und bedeutungsvolleren Bereichen in Widerspruch mit den Produktivkräften, die sich nur noch entfalten können um den Preis ihrer eigenen Vernichtung. Der Umschlag von den die Menschen von unnötiger Arbeit befreienden Produktivkräften in die die Menschen als Gattung bedrohenden Destruktivkräfte war und bleibt die Bedingung für die Möglichkeit des historisch relevanten Eingriffs der Massen in die Geschichte. Die Naturgesetze der kapitalistischen Produktion, die Marx analysierte, kannten noch nicht die systematische Doppelfunktion des Staates, als wirtschaftspolitischer Regulator und als unmittelbar ökonomische Tätigkeit der öffentlichen Hand. Die gesellschaftliche Organisation des Kapitals wächst in widersprüchlicher Form.

Die Notwendigkeit der gesamtgesellschaftlichen Regelung, forciert durch das ständige Wachstum des Gesamtumfangs ökonomischer Staatstätigkeit, beseitigt teilweise die Anarchie der kapitalistischen Produktion. Die schon weiter oben angedeuteten neuen Tendenzen in der Klassendynamik wurden durch die neue Funktionsbestimmung des Staates noch sehr viel deutlicher. Das revolutionäre Subjekt der kapitalistischen Formationsperiode war durch das Versagen der Arbeiterbewegung und durch die historische Praxis des Kapitals zersetzt worden. Was aber war an seine Stelle getreten?

Exkurs ad b)

Die Psychoanalyse als die Lehre von den Konsequenzen des Triebverzichts entlarvte die Familie als Ort der Auseinandersetzung mit dem Vertreter der Herrschaft, mit dem Vater als den Repräsentanten des in der Gesellschaft herrschenden Leistungsprinzips. In der Anerkennung des Triebverzichts wurde dem Kinde, besonders dem Sohne versprochen, die Nachfolge des Vaters antreten zu dürfen, auch Repräsentant und Vertreter der Leistungsstruktur der Gesellschaft zu werden.

Das Individuum mußte schon in vorkapitalistischer Zeit sich Gewalt antun. Um den Prozeß der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals psychisch und physisch durchstehen zu können, mußte es Triebhemmungen, die ursprünglich von außen, von der Natur kamen, durch das eigene Bewußtsein setzen. Die Reformation säkularisierte die religiös verinnerlichten Normen, verlegte die Hemmungsinstanz der Triebe von der Kirche in das eigene Gewissen. Die Dialektik von Nützlichkeit und Vernunft kennzeichnet die Lage der unterdrückten Massen. Die Vernunft in der Klassengesellschaft ist die herrschafts- und profitorientierte Vernunft der herrschenden Klasse, die den Unterdrückten von der Harmonie des Einzelnen mit dem Ganzen überzeugen muß. Von diesem Allgemeinen aber waren die Unterdrückten ausgeschlossen, ihr Triebverzicht wurde gewaltsam herbeigeführt. Sie sind bis heute durch Gewalt bestimmte und gemachte gesellschaftliche Wesen, bilden noch immer die Basis für die Diktatur von Minderheiten über die Massen.

«Die religiöse Erneuerung hat den Menschen instand gesetzt, sein unmittelbares Leben entfernten Zielen unterzuordnen. Von der kindlichen Hingabe an den Augenblick haben sie die Massen zu sachlicher Erwägung, zäher Konsequenz und praktischem Verstand erzogen. Sie haben damit nicht bloß den Menschen im Widerstand gegen das Schicksal gestärkt, sondern darüber hinaus ihn befähigt, aus der Verstrickung zuweilen hinauszutreten und über Eigeninteressen und Nutzen in der Kontemplation sich zu erheben. Solche kontemplative Pausen haben jedoch nichts daran geändert, daß die Zwecke des Bestehenden immer tiefer verankert werden» (Max Horkheimer: Vernunft und Selbsterhaltung, 1942, S.32/33). Die für die Herausbildung und noch mehr für die Existenzweise der bürgerlichen Gesellschaft unerläßliche «freiwillige Knechtschaft» der Menschen ist schließlich die «realitätsgerechte» Form der Selbsterhaltung. Diese autoritäre Grundstruktur ist kapitalistisch «verwertbar», von ihr ist eine revolutionäre Auseinandersetzung gegen die bestehenden Strukturen nicht zu erwarten.

Im Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus verlieren breite bürgerliche Schichten den harmonischen Zusammenhang zwischen dem individuellen Leben und einer sinngebenden übergreifenden Ordnung. Der geschichtliche Ausdruck dieses Bruches ist die blinde Hinwendung der autoritär regierten Massen an die brutalsten Irrationalitäten. Mit der Herausbildung der riesigen Monopole, die zusammen mit den Regierungen ein «undurchdringliches Dickicht» zwischen sich und den Beherrschten aufbauten, entstand die Möglichkeit ausgedehnter Planung auf der einen Seite, weltweiter Vernichtungskriege zwischen den Monopolen auf Kosten der Massen auf der anderen Seite. Unter diesen Bedingungen ist für die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Status quo nichts erforderlich als die stramme Ausrichtung der gesellschaftlichen Hierarchie von oben nach unten. Die Selbsterhaltung der bürgerlichen Gesellschaft und die «Destruktion des Menschlichen» fallen nun mehr oder minder ungebrochen zusammen.

Die großen Entwürfe der idealistischen Philosophie über die Autonomie des Individuums konnten der industriellen Entwicklung in kapitalistischer Form nicht standhalten. Der Zerfall der Vernunft, die Totalisierung der Irrationalität in der Produktion der Destruktivkräfte und die Auflösung des Individuums und seiner autonomen Entfaltung laufen parallel. Unter der Herrschaft der Monopole hat das Individuum immer nur kurze Fristen. Es muß stets wachsam und bereit sein, immer auf dem Sprunge, «auf Sprache nur hörend wie Information, Orientierung, Anordnung, ohne Traum und ohne Geschichte» (ibid. S.40). Auch das Bewußtsein der Knechtschaft schwindet. Die Ohnmacht des Individuums auf der einen Seite und die gigantische Kapitalmacht auf der anderen Seite machen es den Menschen sehr schwer, auch nur noch den Grund ihres Elends zu erkennen. «Die Ideologie liegt in der Beschaffenheit der Menschen selbst, in ihrer geistigen Reduziertheit, ihrer Angewiesenheit auf den Verband. Jede Sache wird von ihnen nur im Hinblick auf das konventionelle Begriffssystems der Gesellschaft erlebt» (ibid., S.58). Die Verdinglichung der Menschen ist nicht so groß, daß sie ohne nagendes Bewußtsein von der Falschheit und Unmeidlichkeit der bestehenden Gesellschaft wären.

«So verstümmelt alle auch sind, in der Spanne eines Augenblicks könnten sie gewahr werden, daß die unter dem Zwang der Herrschaft durchrationalisierte Welt sie von der Selbsterhaltung entbinden könnte, die sie jetzt noch gegeneinander stellt. Der Terror, der der Vernunft nachruft, ist zugleich das letzte Mittel, sie aufzuhalten, so nah ist die Wahrheit gekommen« (ibid., S.59).

Der zynische und brutale Terror des Faschismus sollte die lohnabhängigen Massen daran hindern, endlich das historisch schon längst überflüssige Kapitalverhältnis zu zerschlagen. Nach der äußerlichen Niederlage des internationalen Faschismus, besonders des deutschen, begann nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reproduktion der Antinomien der bürgerlichen Gesellschaft mit faschistischen Erfahrungen.

Der Wolkenkratzer

Ein Querschnitt durch den Gesellschaftsbau der Gegenwart hätte ungefähr folgendes darzustellen:

a) die sich bekämpfenden Trustmagnaten der verschiedenen Gruppen;

b) kleine Maguaten, Großgrundherren, Stab der wichtigsten Mitarbeiter;

c) freie Berufe, Angestellte, politische Handlanger, Militärs und Professoren, Ingenieure, Bürochefs und Tippfräuleins;

d) Reste der selbständigen Existenzen, Handwerker, Bauern;

e) Proletariat: , Ungelernte, dauernd Erwerbslose, Arme, Alte, Kranke, Arbeitende;

f) das eigentliche Fundament des Elends, auf dem sich dieser Bau erhebt: halb und ganzkoloniale Territorien;

g) ... das unbeschreibliche, unausdenkliche Leiden der Tiere, die Tierhölle der menschlichen Gesellschaft. (Alles nach Heinrich Regius: Dämmerung. Notizen in Deutschland, Zürich ,1934, S.132/33.)

Mit der tendenziellen Beschrännung der Möglichkeiten, die Schranken der Akkumulation des Kapitals durch Kapitalisierung nichtkapitalistischer Räume - die heutigen Entwicklungsländer – zu kompensieren, mit der dadurch steigenden Höhe der Kapitalvernichtung durch Rüstung, künstliche Aufblähung und Schaffung riesiger Verwaltungs- und Büroapparate, durch strukturelle Arbeitslosigkeit, unausgenutzte Kapazitäten, herrschaftsorientierte Reklame etc., das heißt mit dem Anwachsen der gesellschaftlichen, «toten Kosten» traten schon in den dreißiger Jahren in den hochentwickelten kapitalistischen Staaten nene Erscheinungen in der Dynamik der Auseinandersetzungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat auf (s. oben).

Der Prozeß der zunehmenden funktionalen und primär herrschaftsorientierten Kapitalvernichtung im obigen Sinne, ein System von Subventionen an die stützungsbedürftigen Industriezweige, die staatliche Regulierung großer Teile der Produktion und Verteilung halfen mit, die für das System gefährliche Polarisierung zwischen den beiden Hauptklassen der Gesellschaft durch ein System von Konzessionen der Herrschenden an die Beherrschten zu ersetzen, die Integration der Arbeiterklasse in den Rahmen der herrschenden Gesellschaft im wesentlichen zu vollenden.

So war es nicht verwunderlich, daß in den vierziger Jahren sich eine tiefgreifende Verschiebung des revolutionären Zentrums in der Welt durchsetzte.

In den Tagen der faschistischen Machtergreifung in Deutschland versuchten die Befreiungsarmeen der in Sowjets organisierten chinesischen Bauern den 4. Vernichtungsfeldzug des Tschiang Kai-schek mit neuen Methoden der Kriegführung zu beantworten, genauer, mit einer neuen Methode des Krieges überhaupt, mit dem revolutionären Volkskrieg, dem langandauernden Guerillakrieg immer größer werdender Teile der politisierten und zu politisierenden Bevölkerung des Landes gegen die ausländischen Invasoren oder inländischen Oligarchien.

Diese Form des nationalen Befreiungskampfes als Teil der internationalen Emanzipationsbewegung ist nicht zu trennen von dem erreichten Stand der weltweiten Entwicklung der Produktivkräfte, von der Gesamtbewegung des Kapitals, das unfähig geworden war, sich überall einzunisten, die ganze Welt in eine Mehrwert heckende zu verwandeln.

Damit ergab sich für die Revolutionäre, für die Völker die historische Möglichkeit, den emanzipierenden Kampf um die nationale Selbstbestimmung, um die Beseitigung des massenhaften Elends, um die Überwindung der Abhängigkeit in ihren verschiedensten Formen zu beginnen, nicht mehr zu warten, vielmehr unter diesen Bedingungen die eigene Geschichte bewußt und willentlich zu machen, mitbestimmendes Subjekt des historischen Geschehens zu werden.