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"Volkszählung", "Vernummerung" und Datenerfassung bei den Nazis

"Schon nach ihrem Wesen steht die Statistik der nationalsozialistischen Bewegung nahe"

Statistiker als "wissenschaftliche Soldaten"

Als die Nazis Ende Januar 33 die Macht ergriffen, ließen die Statistik-Experten des Weimarer Staates keinen Zweifel daran, daß jetzt ihre Stunde gekommen war. Die Zeit war vorbei, wo sie als stille Sozialtechniker der politischen Macht zugearbeitet hatten: Die Statistiker fühlten sich berufen, jetzt selbst Hand anzulegen, da es doch galt, mit Hilfe immer neuer Techniken die soziale und demographische Zusammensetzung der Bevölkerungen zu erfassen und nach den Intentionen der neuen Herren umzugestalten. Aufbruchsstimmung machte sich breit: ,,Die Statistik zahlt und schätzt, rechnet und vergleicht, sie zieht ihre Schlüsse und veranschaulicht auf ihre Weise den Stoff, aber sie überläßt es anderen, den Kreislauf zurück zur sozialen Masse zu schließen. (...) Mit gemischten Gefühlen sieht die Statistik häufig ihren mühsam gesuchten und verarbeiteten Stoff vor der breiten Öffentlichkeit in Gewändern auftreten, die die genaue Paßform der Forschung wenn nicht gerade umkehren, so doch gründlich verschieben. Um der Sache willen ist es klüger, wenn der Statistiker selbst sich auch um die letzte Verwertung kümmert". [K. Krieger: Der Weg der Statistik zum Volk, in: Allgemeines Statistisches Archiv 23 (1933/34), S. 619 ]

In diesem Sinn hielten sich die Statistiker für die besten aller Nazis. Sie wußten zu gut, daß die Expansion ihres Erfassungssystems der Gesellschaft unumgänglich war, wenn es gelingen sollte, die Zusammenfassung aller sozialen Kräfte "in möglichst wenigen Händen" zu vollbringen: "Es ist Tatsache", schrieb ein Statistiker 1934 unter der Überschrift ‚Die Stellung der Statistik im neuen Reich', daß unsere statistische Arbeit sich mengenmäßig außerordentlich vermehrt hat. Dies im einzelnen naher zu belegen, erscheint überflüssig, es seien daher nur wenige Stichworte wie Arbeitsbeschaffungsprogramm,... Geburtenpolitik, Erbhöfe, Rassenpolitik u.a.m. aufgeführt, alles Aufgaben, die von den Verwaltungsbehörden nur unter umfassender Verwendung statistischer Angaben haben in Angriff genommen werden können". [J. Müller. Allg. Sta. Arch. 24 (1934/35) S. 244]

Wenn wir den Statistikern glauben wollen, dann war der Nationalsozialismus überhaupt in seiner Quintessenz - statistische Wissenschaft und Sozialtechnik. Ein Autor, der sich schon 1934 mit der Frage der ,Rassenstatistik' herumschlug, schreibt, erst mit ihrer statistisch bedingten Verwissenschaftlichung verlasse die bisherige ,Rassenbiologie' den schwankenden völkischen Boden und gewinne so nationalsozialistisches Profil. [K. Keller Zur Frage der Rassenstatistik, Allg. Sta. Arch. 24 (1934/35)S. 130]

Dem Präsidenten der Deutschen Statistischen Gesellschaft, Friedrich Zahn, blieb es indes vorbehalten, festzustellen: ,,Die Statistik (stehe) schon nach ihrem Wesen der nationalsozialistischen Bewegung nahe". Wie der Führer als Ziel der nationalsozialistischen Bewegung die kühle Wirklichkeitslehre schärfster wissenschaftlicher Erkenntnisse aufstelle, so verlange seine Regierung neben körperlicher Tüchtigkeit, charakterlicher Festigkeit und Disziplin gebrauchsfertiges Wissen. ,,Die Regierung des Führers" forderte, so fährt Zahl fort, nicht bloß politische und wirtschaftliche, sondern auch wissenschaftliche Soldaten. Sie braucht einwandfreie Erkenntnisse in weitem Umfange und große Vielseitigkeit, die zum guten Teil nur auf dem Wege der Statistik zu beschaffen sind, um vom Wissen zum Können, vom Rat zur Tat bei dem in Angriff genommenen, gigantischen Aufbauwerk ... zu gelangen". [F. Zahn: Die Statistik im nationalsozialistischen Großdeutschland, Alg. Sta. Arch. 29 (1939/40), S.370] Die Statistiker verstanden sich als ,wissenschaftliche Soldaten‘ des Nazimus sui generis.

Die Volkszählungen 1933 und 1939

Tatsächlich hatten es die Nazis mehr als eilig. Die Daten der letzten Volkszählung von 1925 waren in jeder Hinsicht überholt. Friedrich Burgdörfer dem Direktor des Statistischen Reichsamtes zufolge, war es daher zu begrüßen, daß die Regierung der nationalen Erhebung im Wege der durch das Ermächtigungsgesetz ermöglichten vereinfachten Form der Gesetzgebung die bisherigen Hemmungen und Widerstände einzelner Länder überwunden und die Durchführung einer neuen Inventur des deutschen Volkes und der deutschen Volkswirtschaft durch das Reichsgesetz vom 12. April 1933 angeordnet hat". [F. Burgdörfer: Die Volks-, Berufs- und Betriebszählung 1933, Allg. Sta. Arch. 23 (1933/34), S.146]

Die Zahlung fiel ,,zeitlich mit der grundlegenden politischen Zäsur zusammen, die durch das Werk der nationalen Erhebung gegeben ist". 500.000 Zähler wurden aufgeboten, wobei es sich teilweise um Zwangsverpflichtete handelte, die natürlich entsprechend durch ,Oberzähler' überwacht wurden. Als Erfassungsgrundlage diente wie 1925 die Haushaltungsliste, die freilich um diejenigen Personen erweitert war, die sich am Tag der Zählung nicht in ihrer Wohnung aufhielten. Hinzu kamen die ersten bescheidenen Ansätze familienstatistischer Erfassung. Sie basierten auf Zusatzfragen an alle verheirateten Frauen, wodurch das Jahr der Eheschließung und die Gesamtzahl der in der jetzigen Ehe geborenen Kinder ermittelt wurde. Das Ziel war klar. Es ging nicht mehr nur um die statistische ,,Bereinigung der biologischen Lebensbilanz unseres Volkes", auch nicht mehr nur um Vorausberechnungen über die künftige Bevölkerungsentwicklung, sondern um die Errechnung eines ,,Geburtensolls", das den ,biologisch wertvollen' Frauen in den kommenden Jahren auferlegt werden sollte: ,,Die Bedeutung dieser ( familienstatistischen, d.V.) Aufstellung für die Beurteilung der ehelichen Fruchtbarkeit ist um so höher zu veranschlagen, als sie zugleich den Ausgangspunkt bilden soll für eine Fortschreibung der Gebärleistungen der Ehefrauen nach den Geburtsjahrgängen sowohl als auch nach Heiratsjahrgängen". Burgdörfer begründete die erstmals erweiterte Form der Volkszählung: ,,Die alten Methoden der Bevölkerungsstatistik' die sich darauf beschränkten festzustellen, was war" und was ,,ist", genügen heute nicht mehr, man muß zur biologischen Betrachtungsweise übergehen und fortlaufend festzustellen versuchen, was ,,wird", festzustellen, wie sich die einzelnen Heiratsjahrgänge und Geburtsjahrgänge in der Fortpflanzungsfrage verhalten. Das ist nur dadurch möglich, wenn man die jährlichen Gebärleistungen in den einzelnen Ehejahrgängen regelmäßig aufsummiert und fortschreibt. Die Grundlage und den Ausgangspunkt für diese Fortschreibung aber soll die neue Volkszahlung liefern". [Burgdörfer ebda., S. 155f ] So haben die NS-Statistiker ihre ersten ,bereinigten' Geburtenraten bekommen. Sie waren in bezug auf ihre Ambitionen niederschmetternd. Allein hinsichtlich der Erhaltung des aktuellen Bevölkerungsstands waren sie um über 30 Prozent gesunken. Ein weiteres entscheidendes Ergebnis der Volkszählung war, daß über eine Million Arbeitslose nicht mehr bei den Arbeitsämtern gemeldet gewesen waren. Zunächst hinter verschlossenen Türen und dann mehr und mehr mit den Mitteln der Masenpropaganda haben die Nazis - und jetzt die Bevölkerungsstatisiker tatsächlich vorneweg- Frontstellung bezogen. Innerhalb weniger Monate waren ,Arbeitsschlacht' und ,Geburtenkrieg' voll in Gang gekommen.

Alles in allem haben die Statistiker mit den demographischen Daten von 1933 nur wenig anfangen können. Sobald der rüstungspolitisch bedingte Pseudo-Aufschwung der Wirtschaft voll eingesetzt hatte, waren

die Daten weitgehend überholt. Die NS Statistiker sahen das ziemlich nüchtern. So sollte eine zweite nazistische Volkszählung ursprünglich schon 1938 stattfinden, sie wurde aber wegen der von Hitler gewünschten Einbeziehung des im März 1938 gerade annektierten Österreichs auf das Jahr 1939 verschoben.

In den Jahren 1933 bis 1938/39 hatte die nazistische Bevölkerungspolitik zu greifen begonnen. Nach zähen Auseinandersetzungen mit der hinsichtlich positiver demographischer Maßnahmen ,überaus renitenten Fronde der Großindustriellen und Ministerialbürokratie' waren freilich nur bescheidene Schritte zur ,Aktivierung der Gebärfreudigkeit' durch materielle Anreize in Gang gekommen. Dabei hatten nicht so sehr die ,Ehestandsdarlehen', sondern mehr erste Ansätze zur Dauerzahlung von Kindergeld, Ausbildungsbeihilfen und Modifikationen in der Steuergesetzgebung eine Rolle gespielt. Unter dem vollen Applaus der Wirtschaft und der Ministerialbürokratie hatte sich hingegen die ,ausmerzende Bevölkerungspolitik' eingespielt. Bis zum Frühjahr 1939 waren etwa 300.000 Menschen durch Beschluß von ,Erbgesundheitsgerichten' zwangssterilisiert, eine halbe Million war über das schon vor 1933 erreichte Ausmaß hinaus hinter Schloß und Riegel zur Zwangsarbeit verfrachtet worden. Aber das alles hatte wenig genützt. In den neuen Ballungszentren entzogen sich die lohnabhängigen Massen erneut ein Stück weit dem inzwischen verfeinerten Netz der sozialen Kontrolle. Es war zu einer Massenwanderung von Ost nach West in die neuen Hochlohngebiete gekommen. Trotz der Einrichtungen von Sonderfahndungszentralen innerhalb des reorganisierten Reichssicherheitshauptamts entstand bei den Jugendlichen eine massenhafte Aussteigerbewegung. Die zentrale Arbeiterklasse setzte mit neuen informellen Mitteln der Arbeitsverweigerung deutliche Signale. Überdies zeigten sich Übergangstendenzen zum marginalisierten Subproletariat, das sich mehr und mehr die - minimalen - Familienzulagen aneignete, ohne den damit verbundenen ,bevölkerungspolitischen Pflichten' nachzukommen.

Die Ergebnisse waren methodisch gesehen hervorragend, jedoch paßten sie keineswegs in propagierte bevölkerungspolitische Landschaft. Sie durften nur teilweise veröffentlicht werden, denn aus ihnen ging klar hervor, daß die Geburtenraten der Zeit vor der Weltwirtschaftskrise gerade erreicht, aber keineswegs übertroffen worden waren. im harten Kontrast zu den noch heute bestehenden und oft mit den gefälschten Geburtenziffern von damals interpretierten Ideologien hatten sich die deutschen Frauen nur sehr begrenzt zu einer Steigerung ihrer ,Fortpflanzungsleistung' herbeigelassen.

Schließlich gab auch der Ablauf der Volkszählung keinesfalls Anlaß zur Euphorie. Trotz der Mobilisierung von über 700.000 Zählern, meistens aus dem mittleren NSDAP-Apparat, waren die abgegebenen Haushaltungsbögen weitgehend unvollständig und gerade die ,neuralgischen' Punkte der Zahlung ließen am meisten zu wünschen übrig. In Arbeitervierteln waren von vornherein Polizeibeamte als Zähler eingesetzt worden. [Vgl. P. Burgschmidt: Erfahrungen mit der Volks-, Beruß- und Betriebszählung 1939, Allg. Sta. Arch. 28 (1938/39), S.174] In allen Berichten ist ein beträchtliches Ausmaß von informellen Widerstandsformen lebendig und die Nachkontrollen in den Gemeinde- und den regionalen Kontrollämtern gestalteten sich als derart aufwendig, daß die ganze ,Inventur' schließlich von der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges überrollt wurde. Es hatte gerade ausgereicht, um mit Hilfe zusätzlicher zentraler und dezentraler Erfassungssysteme die für die ,Ausmerze vorgesehenen ,fremdrassigen‘ Minderheiten mit genügender Genauigkeit zu katalogisieren.

Arbeitsmarkt und Datenerfassung

Nun lieferten die Volkszählungen natürlich keineswegs unmittelbar zentrale Datenraster, sie dienten vielmehr dazu, den Aufbau zentraler Informationssysteme zur Kontrolle besonders neuralgischer Punkte der Bevölkerungsentwicklung zu beschleunigen. An erster Stelle stand dabei der Aufbau einer ,Arbeitsbuchkartei' bei den ,Gauarbeitsämtern'. Obwohl das ,Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit' und andere Arbeitsplatzverordnungen das Kündigen bzw. vorfristige Verlassen von Jobs unter Strafe gestellt hatten (,Arbeitsvertragsbuch'), kam es zu einer allmählich massenhaft werdenden ,,Abstimmung mit den Füßen" bei den Arbeitern. Von einem so laut gepriesenen ,,gelenkten Arbeitseinsatz" konnte schon seit 1934/35 keine Rede mehr sein.

Um langfristige Instrumente zur Gegensteuerung zu entwickeln, antwortete das Regime im Frühjahr 1935 mit der Einführung der ,Arbeitsbuchpflicht': es durften in Zukunft nur noch Arbeiter eingestellt werden, die ein ,Arbeitsbuch' führten.

Das ,Arbeitsbuch', äußerlich ein dünnes DlN-A6-Heft, begann auf der ersten Seite mit der ,Arbeitsbuchnummer', die sich aus drei Teilen zusammensetzte: erstens eine Nummer für dasjenige der 345 Arbeitsämter, welches das Arbeitsbuch ausgestellt hatte; zweitens nötigenfalls ein Buchstabenzusatz, soweit es sich um eine Nebenstelle handelte, die für den Wohnsitz des Arbeiters zuständig war; und drittens die fortlaufende Nummer des Arbeitsamtes. Da bis dahin die Arbeitsämter nur Daten von solchen Arbeiterinnen und Arbeitern hatten erheben können, die sie mindestens einmal während ihres Berufslebens in Anspruch hatten nehmen müssen, fehlte ihnen jeglicher Gesamtüberblick über die Arbeitsmarktstruktur. Die Einführung von Arbeitsbüchern und Arbeitsbuchkarteien sollte also sichern, daß in Zukunft eine Einrichtung bestand, ,,die nicht nur den vorübergehend Arbeitslosen, sondern auch den in Beschäftigung stehenden Arbeitern und Angestellten mit den für die planvolle Durchführung des Arbeitseinsatzes verantwortlichen Stellen ... in ständige Verbindung bringt". ,,Für die planvolle Verteilung der Arbeitskräfte auf weite Sicht" schien grundsätzlich vorgesorgt, ohne daß die sich verschärfenden ,Verzerrungen des Arbeitsmarktes' mit lohnpolitischen Zugeständnissen abgefangen werden mußten. [Vgl. R. v. Valta: Das Arbeitsbuch in der Statistik, Allg. Sta. Arch. 27 (1937/38), S.264 f. ]

Parallel zu jedem Arbeitsbuch führten die Arbeitsämter je eine informationsidentische Karteikarte und bald begann der Kampf der Arbeitseinsatzbehörden um möglichst korrekte ,Veränderungsanzeigen'. Eine riesige ,Erziehungsarbeit" wurde zu diesem Zweck über die Goebbels-Medien entfacht und im Bedarfsfall wurde mit entsprechenden Bestrafungen nachgeholfen.

Zwischen dem 1.6.1935 und dem 13.1936 waren 22 Millionen Arbeitsbücher ausgegeben worden.

Seitens des Regimes ist auf diese neue Welle der Unangepaßtheit auf mehreren Ebenen reagiert worden. Bei allen diesen Maßnahmen stand jetzt die Suche nach Instrumenten im Vordergrund, die einen rabiateren Zugriff zur ,Lösung der sozialen Frage' gestatteten.

Sonderfragebögen für Juden und Ausländer - mit ,,Datenschutz"

Erneut standen die Statistiker an der vordersten Front. Die Volkszählung von 1939 sollte zu einem denkwürdigen Ereignis werden. Die Statistiker nahmen kein Blatt vor den Mund. Seit den ,Nürnberger Rassengesetzen', die längst die Sterilisations und Ehegesetze flankierten, hatte eine schleichende Aussonderung sozialer Minderheiten im Reich begonnen, an erster Stelle der Juden. Trotz des 1937 in Kraft getretenen ,Familienstandgesetzes', das alle Familien zur Führung eines ,Familienbuches' verpflichtete und auf den amtlichen Zählkarten für die Eheschließungen den Vermerk über ,Rassenzugehörigkeit' bzw. den ,Mischlingsgrad' der Eheschließenden ermöglichte, war die massenstatistische Erfassung der Juden und sonstigen ,Fremdrassigen' noch unvollständig. Die für 1939 projektierte Volkszählung enthielt ,,auf einer Ergänzungsliste zur Haushaltungsliste neben der Frage nach der beruflichen Vorbildung diejenige nach der blutsmäßigen Zugehörigkeit zu deutschen oder artverwandten Rassen bzw. zum jüdischen Volk oder nach dem Mischungsgrad, ob Mischling 1. oder 2. Grades; für, jede in der Haushaltungsliste vorgetragene Person ist eine Erklärung über die Rasse der 4 Großeltern (ob Volljude oder nicht) abzugeben". [H. Götz: Die amtliche Statistik und die Rassenforschung. Allg. Sta. Archiv 27 (1937/38), 5. 417f ] Hinzuzufügen bleibt noch, daß auf dieser Ergänzungskarte auch Geburtsdatum und Geburtsort eingetragen werden mußten, um den Zusammenhang mit der gerade im Aufbau befindlichen ,Volkskartei' zu sichern. Gewissermaßen zu Zwecken des Datenschutzes wurden diese Ergänzungslisten im geschlossenen Umschlag abgegeben und sollten ausschließlich in einer Zentrale des Statistischen Reichsamts anonym ausgewertet werden. Wie wenig diese Art von Datenschutz den erfaßten Minderheiten genützt hat, ist bekannt. Wir können heute erstmals dokumentarisch belegen. daß die Auswertungsergebnisse der Volkszählung von 1939 ausnahmslos als Materialbasis für die 1939/40einsetzenden Massenrazzien zur Selektion mißliebiger Minderheiten, an erster Stelle der Juden, gedient hat. Aber das technologisch hochmoderne Instrumentarium der Volkszählung, ,für die eigens neue Tabellier- und Sortiermaschinen auf Hollerithbasis entwickelt worden waren, diente mit seinen insgesamt 90 Millionen Lochkarten mehr denn je auch erweiterten Erfassungstechniken auf familienstatistischem Gebiet.

Bei der Auswertung dieser einmaligen ,,Eröffnungsbilanz des großdeutschen Reiches" gerieten die NS-Statistiker geradezu ins Schwärmen, wenn sie sich mit dem ,Abschnitt D' der Volkszählung befaßten, einer erweiterten Version der Sonderfragen an verheiratete Frauen aus dem Jahr 1933.

Bezeichnenderweise sind die nun massenhaft bei den Arbeitsämtern anfallenden Daten über die Bewegungen auf den Arbeitsmärkten nur sehr beschränkt - und auch das erst ab 1938/39 - zu gezielten arbeitsmarktpolitischen Steuerungsmaßnahmen benutzt worden. Den NS-Sozialtechnikern genügte zunächst die mit einer am 25Juni1938 durchgeführten ,Arbeitsbucherhebung' zur Gewißheit gewordene Tatsache, daß sie ihr Erfassungstempo den wechselnden Krankenständen und den regionalen Wanderungsbewegungen ausreichend angepaßt hatten [Vergl. dazu R.v. Valta: Die erste Arbeitsbucherhebung vom 25. Juni 1938, S.401 ff., Allg. Sta. Arch. 27 (1937/38)]. Sinnvollerweise ist diese in den Details hier leider nicht weiter rekonstruierbare ‚Arbeitsbucherhebung‘ von ersten ‚Reichsfahndungstagen‘ der Gestapo ("Aktion Arbeitsscheu Reich") flankiert worden. Die Nazis wagten es trotz der inzwischen manifest gewordenen innenpolitischen Krise nicht, die zentrale Arbeiterklasse frontal anzugreifen, obwohl sie sich die informationstechnischen Grundlagen dafür gerade angeeignet hatten. Stattdessen sind in den regionalen Hochburgen des Krankfeierns, Langsamarbeitens und der informellen Kurzstreiks, indirekte Drohgesten inszeniert worden: der Abtransport gefangener ‚Asozialer‘ und ‚Zigeuner‘ – vorbei an den Werkstoren der großen Fabriken.

‚Reichsmeldeordnung‘ und ‚Volkskartei‘

Inzwischen hatte längst das im reorganisierten Reichssicherheitshauptamt ansässige ‚Hauptamt Ordnungspolizei‘ der bei den Arbeitämtern lagernden Datenmassen angenommen. Das ‚Hauptamt Ordnungspolizei‘ ging auf zwei Wegen gleichzeitig vor. Um die von den Arbeitsämtern aus abrufbaren Personaldaten überhaupt verwerten zu können, mußte erst einmal das gesamte Einwohnermeldewesen vereinheitlicht werden (‚vereinheitlicht‘ im damaligen Jargon). Natürlich waren die Einwohnermeldebestimmungen seit 1933 in den einzelnen Ländern und Provinzen längst verschärft worden, aber sie waren eben noch nicht standartisiert, und damit nur im Verlauf umständlicher bürokratischer Prozeduren auf Reichsebene abrufbar. Das wurde am 6. Januar 1938 anders. An diesem Tag wurde eine ‚Reichsmeldeordnung‘ erlassen, und dadurch wurden Grunddaten geschaffen, die einen jeden Menschen an seinem Wohnort einheitlich polizeilich erfaßten. Die Kontrolle konzentrierte sich auf Knotenpunkte gesellschaftlicher Konflikte: "Spannt man ein Netz – und das Meldewesen gleicht einem Netz, weil es der Erfassung der Bevölkerung nach mancherlei Richtung dient -, so darf diesen Netz an keiner Stelle Lücken aufweisen. Es darf das umso weniger, weil das Meldewesen nicht nur Erfassungsmittel ist …, sondern weil es zugleich eine unentbehrliche Grundlage für die Tätigkeit zahlreicher Behörden bildet, die im Reichsmaßstab arbeiten und planen und daher auf das im ganzen Reich, in Stadt und Land anfallende Meldematerial angewiesen sind". Der Reichspost, dem Statistischem Reichsamt, der Reichstelle für Raumordnung und dem Reichssippenamt, heißt es weiter, sei mit lückenhaftem Material und unvollständigen Auskünften ebensowenig gedient wie Kriminalpolizei und Gestapo, die jetzt im Reichsmaßstab auf das Meldewesen zurückgreifen könnten.

Bis zum Frühjahr 1939 war die Reichsbevölkerung also erstmals ‚reichseinheitlich‘ verkartet. Ein eng gestaffeltes Netz von Kontrollen, die Einbeziehung der Hauseigentümer, der Zwang zur persönlichen Abgabe von Meldescheinen und nicht zuletzt die scharfe strafrechtliche Verfolgung von Scheinmeldungen usw. hatten das nazistische Überwachungssystem ziemlich lückenlos gemacht. Hinzu kam der Verbund mit ‚Arbeitsbuchkartei‘ und den Archiven der Pflichkrankenkassen, der Arbeitsmarkt-, Krankheits- und Wohnverhalten des Einzelnen erstmals für die Sozialtechniker der Regimes im Zusammenhang durchschaubar machte.

Und dennoch hatte das bisher Erreichte für Statistiker und Verwaltungsmaschinerie noch immer einen gewaltigen Haken. Trotz aller Normierungen und zwischen-behördlichen Vernetzungen taugte es noch nicht dazu, um von zentraler Stelle aus in möglichst kurzer Zeit größere soziale Gruppen zu erfassen. In dieser Hinsicht konnte das Wohnort-Melderegister nur sehr umständlich genutzt werden. Die Karten waren alphabetisch geordnet. Wenn z.B. zur Wehrerfassung alle Männer eines bestimmten Jahrgangs gesucht wurden, mußten alle Melderegisterkarten durchgesehen werden. Das war eine sehr mühselige und vor allem zeitaufwendige Arbeit. Außerdem war es leicht möglich, daß dabei Personen übersehen und somit bei der Erfassung übergangen wurden. Was für die Wehrpflichtigen galt, traf natürlich auch auf die Juden, die polnischen Minderheiten, die Zigeuner und selbstredend diejenigen zu, für die bislang - aus welchen Gründen auch immer - noch kein Arbeitsbuch ausgestellt worden war.

Über Geburtenkartei zum "vollkommenen Meldewesen"

Aus diesem Grund war seit 1936 in Berlin und Hamburg neben dem Einwohnermelderegister auch eine sogenannte Geburtsortskartei eingeführt worden, die es ermöglichte. mit Hilfe von Kennzeichnungen auf einen Schlag jahrgangsmäßig zu erfassen. Als die Wehrmacht ihrerseits 1937 entscheidende Neuerungen in ihrer Personal-und Rüstungsstatistik, das ,Maschinelle Berichtswesen', einführte, reifte im ,Hauptamt Ordnungspolizei' der Plan, ein zusätzliches Meldesystem aufzubauen, das mehr war als ein riesiges und bis zu einem gewissen Grad vernetztes Adreßbuch. Nach den Worten von SS-Obergruppenführer Daluege, dem Chef des Hauptamts, mußte das ,,vollkommene Meldewesen mehr als ein Adreßbuch sein." ,,Der Staat, der zur Friedensarbeit, aber auch zu seiner Verteidigung im Kriegsfalle, alle Kräfte und Fähigkeiten seiner Einwohner einsetzen will, muß von seinen Bürgern mehr wissen als wo sie wohnen, ob sie ledig oder verheiratet sind und zu welcher Religionsgemeinschaft sie sich bekennen." [ Vgl. Daluege. Vorwort zu A. Kääb (Bearb.): Die Volkskartei, Ein Handbuch, München-Berlin 1943].

Begleitet von einer wahren Elsaß-Flut wurden seit Frühjahr 1939 alle Personen zwischen dem 14. und 70. Lebensjahr erfaßt. Später wurden auch die Kinder vom vollendeten 5. Lebensjahr an einbezogen. So wurden die Menschen erneut entsprechend ihren Wohngebieten registriert, jedoch, wie gesagt, nach Geburtsjahrgängen. Neu war, daß ein Karteidoppel an die Standesämter der jeweiligen Geburtsorte abging (Geburtsortskartei). Die Personen waren damit unabhängig von ihrem Wohnort erfaßbar.

Neben den üblichen Grunddaten wurde in der ,Volkskarteikarte' nach erlerntem und derzeit ausgeübtem Beruf, nach dem Besitz eines Arbeitsbuchs, nach körperlichen Behinderungen (!), nach Erwerbsbeschränkungen, nach Auslandsaufenthalten. Sprachkenntnissen, nach Führerschein, nach sonstigen besonderen Fertigkeiten, nach Ausbildung in Krankheitspflege und ,Technischer Nothilfe', nach abgeleistetem ,Reichsarbeitsdienst' und natürlich nach der Wehrnummer gefragt. Ein ausgeklügeltes Netz von Drohungen und von Überwachung sorgte dafür, daß diese Angaben stimmten. Ein Teil dieser Angaben wurde sodann durch standardisierte Karteireiter über den Geburtsjahrgang hinaus zugriffsfähig gemacht: Medizinalpersonen bekamen weiße, Juden schwarze und Inhaber von Kfz-Scheinen rote Reiter. Hinzu kam bis 1943 eine Serie von Stempelvermerken, die die gleichzeitige Erfassung durch andere Datensysteme dokumentierten: ,,WD" = zum Wehrdienst erfaßt, ,,RAD" zum weiblichen Reichsarbeitsdienst erfaßt, ,,Stj" = zur Staatsjugend erfaßt, ,,kk" = hat Kennkarte, "Z" mit weiteren Untergruppen = Zugehörigkeit zu bestimmten ,Zigeunersippen' bzw. ,Zigeunermischling', ein Vermerk über die nachträgliche Ausstellung eines Arbeitsbuchs und ,,Staatsang. auf Widerruf' zeigte an, daß ein ,Eindeutschungsverfahren' begonnen hatte.

Kaum war die ,Volkskartei' eingerichtet, da begannen Debatten darüber, wie das Melderegister mit der ,Volkskartei' verschmolzen werden könne.

Auf dem Weg zur ‘Personenkennziffer‘

Die Ergebnisse der Volkszählung 1939 waren bis Anfang 1940 in die ,Volkskartei' eingespeichert. Je nach der aktuellen Opportunität im Wechselverhalten von Zuckerbrot und Peitsche suchten sich die Sozialtechniker des ,Reichssicherheitshauptamtes' ein bestimmtes Quantum von abweichenden Minderheiten aus dem neuen Bevölkerungskataster heraus, damit sie als Geiseln für irgendwelche Sozialkonflikte büßten. Von jetzt an gehörter die ,Volkskartei' und die ,vorbeugende Verbrechensbekämpfung' eng zusammen.

Natürlich kamen auch schon vor der Proklamierung des ,totalen Kriegs' im Frühjahr 1943 neue Erfassungsprobleme auf die Machthaber zu. Vor allem der ,Fremdarbeitereinsatz', die Zwangsarbeit von Arbeitern und Kriegsgefangenen - besonders aus den besetzten Ostgebieten. Seit Oktober 1939 waren sie in immer größeren Massen und in immer kürzer aufeinander folgenden Schüben zwangsrekrutiert und auf den ,zweiten' Arbeitsmarkt des ,Altreichs' verteilt worden. Zunächst in der Landwirtschaft, nach und nach aber auch in die industriellen Ballungsgebiete. Hinzu kam die Bevölkerungspolitik in den besetzten Gebieten selbst, die je nach Annexionsart - direkte ,Eingliederung' oder langfristig geplante ,Germanisierung' - unterschiedlich aussah. Vor allem galt es zu sortieren: Die Bevölkerung der eroberten Territorien

wurde nach vier Hauptkriterien in einer ,Deutschen Volksliste' erfaßt, und zwar von ,Eignungsprüfern' des ,Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums' (,eingegliederte Ostgebiete') bzw. des Rasse- und Siedlungshauptamts' der SS (Tschechoslowakei, ,Generalgouvernement', besetzte Teile der Sowjetunion, ,Westmark'). Als sich schließlich zeigte, daß es bei den Zwangsarbeiterinnen im Reichsgebiet selbst zu einer enorm ansteigenden Zahl von Geburten kam, wurden diese, ihre Neugeborenen und deren Väter nach den in den besetzten Territorien entwickelten Verfahren erfaßt, ,begutachtet' und je nach Ergebnis zwangsweise ,eingedeutscht' oder vernichtet. Die dabei anfallende massenstatistische Arbeit stand ausschließlich unter Kontrolle der SS. Ein ,Statistisches Zentralamt' beim ,Rasse-und Siedlungshauptamt' rechnete die laufenden Bevölkerungsverschiebungen und koordinierte sie regelmäßig mit den bevölkerungspolitischen Annexionsplänen für Osteuropa, insbesondere dem ,Generalplan Ost'. Auf dem Gebiet individueller Erfassungstechnik war hingegen das ,Reichssicherheitshauptamt' zuständig. das eine zentrale ,Fremdarbeiterkartei' anlegte. Nur im Fall von ,Eindeutschungsfällen' bestand dabei ein Zusammenhang mit der ,Volkskartei'. Wurde einem Ausländer die deutsche Staatsangehörigkeit von den SS-Eignungsprüfern endgültig zugesprochen, dann wurde seine ,Fremdenkarteikarte' gelöscht und die ,Volkskarteibehörde' zur Anfertigung einer ,Volkskarteikarte' veranlaßt.

Nun setzte der Übergang zum ,totalen Krieg' insofern eine zusätzliche Zäsur, als jetzt auch ,reichsdeutsche' Bevölkerungsschichten zur Rüstungsproduktion verpflichtet werden mußten, die aus Rücksichten des Regimes auf eine zentrale Machtbasis in den Mittelklassen bis dato von der ,Arbeitsbuchpflicht' verschont geblieben waren. Aufgrund ihrer panischen Furcht vor breiteren Sozialrevolten machten die Nazis erst nach dem Untergang der 6. Armee vor Stalingrad ernst mit einer wirklich umfassenden Mobilisierung der Gesellschaft für den ,Endsieg'. Der Angriff auf das maximale Leistungspotential der Gesellschaft lief erst jetzt ab, und dafür war inzwischen eine neue Superbehörde geschaffen worden, das ,Reichsministerium für Rüstungs-, und Kriegsproduktion'. Dieses vom Architekten und Hitler-Intimus Speer gleitete Ministerium verfügte bald über die Kompetenz, alle am Arbeitsmarkt aktiven Institutionen: den Komplex Arbeitsämter - ,Treuhänder der Arbeit', den ,Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz' und die für Zwangs- und Arbeitslager zuständige SS - zusammenzufassen. Zuständig für eine Synthese der Erfassungs- und Überwachungsstrukturen über alle Segmente des Arbeitsmarkts wurde eine Statistische Superbehörde, die sich das ,Planungsamt' Speers nach und nach aus der Wehrmacht herüber gezogen hatte: das ,Maschinelle Berichtswesen'.

Vom ,,Maschinellen Berichtswesen" zur ,,Volksnummerung"

Das ,Maschinelle Berichtswesen' hatte die Aufgabe, die Zentralisation und Rationalisierung des Rüstungspotentials mit einer entsprechend umfassenden Reorganisicrung der ,Arbeitskräfteerfassung und -steuerung' zu verbinden. Bis Ende 1943 war das ,Maschinelle Berichtswesen' aus einer Zentralbehörde des Rüstungsministeriums mit ihm direkt unterstellten Bezirksstellen, zu einer zentralen Statistikeinrichtung geworden, die unter Assistenz aller bisher schon erfassungstechnisch tätigen Bürokratien eigenständig Daten erhob und auswertete. Sie verfügte über die modernste Technologie, die sie sich u.a. unter Zuhilfenahme von Leasing-Verträgen mit dem IBM-Konzern verschaffte IBM war seit 1942 über seine Europa-Zentrale in Amsterdam intensiv an der Entwicklung der nazistischen Personaldatensysteme beteiligt. Beispielsweise gibt es ein Dokument, wonach IBM im Leasingverfahren für die Wehrmacht erbeutete russische Hollerith-Maschinen repariert hat.

Zunächst hatten Standardisierungs- und Normierungsmaßnahmen im Vordergrund gestanden (Reichsbetriebsnummerung, Reichsbetriebskarten, Bedarfsgruppennummerung, Reichswarennummerung usw.), die für eine rapide Durchrationalisierung und Mechanisierung des gesamten Produktionspotentials erforderlich geworden waren. Dann wandten sich die Technokraten des ,Maschinellen Berichtswesens' mit aller Energie dem aufgrund der rapiden Wandlung der Klassenstruktur erneut obsolet gewordenen Systems der Bevölkerungserfassung zu. Wie 1935, anläßlich der Einführung der ,Arbeitsbuchkartei', wählten sie dabei das Beschäftigungsverhältnis als zentralen Bezugspunkt. Im Gegensatz zu 1935 gingen sie aber nicht den individuellen Erfassungsweg, der vom ,Arbeitsbuch' zur ,Arbeitsbuchkartei' und schließlich zur ,Volkskartei' geführt hatte, sondern gingen von massenstatistischen Größen aus Schritt für Schritt zurück bis zur individuellen Größe, der ,Personaleinzelerfassung'. Am Anfang standen nämlich ,,monatliche Beschäftigtenmeldungen" im Rahmen der ,,Industrieberichterstattung", in denen 85.000 Betriebe mit drei unterschiedlichen Wertigkeiten - ,A', ,B' und ,C' - repräsentiert waren.

In den Jahren 1944/45 war die Betriebs-Personalstatistik des ,Maschinellen Berichtswesens' schließlich weitgehend darauf ausgerichtet, den zunehmenden Absentismus in den Fabriken und Werkstätten zu lokalisieren und eindämmen zu helfen. Deshalb kam der ,,Frage nach den geleisteten und ausgefallenen Lohnstunden" eine erhöhte Bedeutung zu. Das Reservoir, aus dem Arbeitskräfte der Rüstungsindustrie zugewiesen werden konnten, wurde immer kleiner, die Anforderungen der Betriebe stiegen aber ständig an. Gleichzeitig mehrten sich die Klagen der Betriebe über ein auffallendes Nachlassen der Arbeitsdisziplin und die Hinweise darauf, daß aus diesem Grunde die den Betrieben zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte häufig ,,nur auf dem Papier" vorhanden waren.

Noch hatten die Nazis die Hoffnung nicht aufgegeben, den neuerlich aufkeimenden und diesmal multinationalen Widerstand dadurch im Griff behalten zu können, daß sie so schnell und so präzise wie möglich (,vorbeugend') zuschlugen. bevor sich ein über erste Kerne hinausgehender Widerstand organisiert hatte. Im Dienst dieses radikalisierten Konzepts war es selbstredend unmöglich von Monat zu Monat auf die neueste Fehlzeitenstatistik zu warten. So reifte in den Köpfen der Macher des ,Maschinellen Berichtswesens' noch 1944 der Plan, die laufende betriebliche Personal- und Fehlzeitenstatistik so auszubauen, daß eine die ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefaingenen einbeziehende Super-Volkskartei entstand. Dieses Projekt war nicht zuletzt auch deshalb vordringlich geworden, weil Ende 1943 die zentrale ,Fremdenkartei' des ,Reichssicherheitshauptamts' in Berlin einem Bombenangriff zum Opfer gefallen war.

Angesichts der Kriegsverhältnisse und der Unterbringung eines erheblichen Teils der ausgebeuteten Massen in allen möglichen Lager-Kategorien war es unmöglich geworden, den jeweiligen Wohnsitz bzw. Geburtsort zum lokalen Ausgangspunkt der Erfassung zu machen. Es war in sich stimmig, daß der letzte große personalstatistische Akt des ,Maschinellen Berichtswesens~, die ,Personaleinzelerfassung', deshalb von der betrieblichen Personalstatistik ausging. Für jeden Beschäffigten wurde eine Lochkarte erstellt, die hinsichtlich der lnformationsdichte die uns schon bekannte ,VoIkskarteikarte' insofern noch übertraf, als sie beispielsweise genaue Daten über Nationalität und Form der Zwangsarbeit bzw. Lagerzugehörigkeit enthielt. Diese Lochkarte war außerdem mit der ,Reichsbetriebsnummer' der jeweiligen Fabrik versehen und in den Bezirks stellen des ,Maschinellen Berichtswesens' entsprechend nach Betrieben sortiert. Dort wurde auch ein spezieller ,Veränderungsdienst' eingerichtet, um die Kartei quasi täglich auf dem laufenden zu halten. Auf übergeordneter Ebene wurde gleichzeitig die gesamte bisherige Arbeitsbuchstatistik mit dem ,Maschinellen Berichtswesen' fusioniert. Schließlich folgte der letzte Schritt, der Zugriff auf die ,Volkskartei', um das auf Fabrikebene offensichtlich hervorragend funktionierende Erfassungssystem regional auszuweiten: die ,Personaleinzelerfassung' wurde bis hin zur Einführung einer Personenkennziffer, zur ,Volksnummerung, ausgeweitet. Diese ultima ratio der nazistischen Bevölkerungserfassung stand nur auf dem Papier.

...zur ersten ,,großdeutschen" EDV-Anlage

So blieb es bis 1945 bei einem ersten Feldversuch, der in der Bezirksstelle XIII des ,Maschinellen Berichtswesens' in Ansbach durchgeführt wurde. Die gesamte Bevölkerung wurde erfaßt, für jede Person wurde eine Lochkarte angelegt. auf der erstmaIs alle überhaupt existierenden administrativen PersönIichkeitsinformationen zusammengefaßt waren: die ,Reichs-Personalnummer' der ,Volkskartei'. die Meldekarte des Einwohnermeldeamtes, die Karte der ,Arbeitsbuchkartei' vom Arbeitsamt, die Daten des Wehrmeldeamts. des Krankheitsarchivs der Wehrmacht. die Informationen der Ersatztruppenteile. Trotz aller Probleme, die es vor allem bei der ständigen ,Bereinigung' der Personallochkarte gab, waren die Menschen jetzt wirklich umfassend ,gläsern' gemacht. Der ,,Erfassungskreis' war "optimiert", wie es in der Sprache der Planer des ,Maschinellen Berichtswesens' hieß [Vergl. dazu W. Lauersen: Organisation und Aufgaben des Maschinellen Berichtswesens des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion, Hamburg, den 5.12.1945, Bundesarchiv Koblenz, R 3/17 a ]

Planungsunterlagen des ,Maschinellen Berichtswesens' von 1944/45 können wir aber entnehmen. daß die dort tätigen Eierköpfe sich mehr und mehr der Lücke zwischen dem in sich stimmigen Gesamtkonzept und den beschränkten technologischen Möglichkeiten bewußt wurden: das wie auch immer ausgeweitete Hollerith-Lochkarten-System reichte nicht mehr aus, um die konzeptionsbedingte riesenhaft angewachsenen Informationsmassen in der erforderlichen Schnelle und Präzision zu sammeln. aufzuarbeiten und den soziaItechnischen Entscheidungsprozeduren verfügbar zu machen. Die Planer mußten auf den Durchbruch zur elektronischen Datenverarbeitung warten. Die wissenschaftlichen Grundlagen dazu waren in einschlägigen Projekten (Zuse, Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) längst geschaffen. Nach unserem derzeitigen Wissensstand können wir sagen, daß ein weiteres Kriegsjahr wahrscheinlich genügt hätte, um das ,Maschinelle Berichtswesen' mit der ersten ,großdeutschen' EDV-Anlage (,Zuse 1') auszustatten.

Projektgruppe "Autonomie"

aus: Karlsruher Stadtzeitung Nr.30 Frühling 83