ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 419 / 22.10.1998

Eine mächtige Waffe im Klassenkampf

Kritik am "Schwarzbuch des Kommunismus"

Ist es das Buch zur Kampagne, oder dient die Kampagne nur dem Verkauf? Die allermeisten seiner Käuferinnen und Käufer werden das fast 1.000 Seiten starke Werk ungelesen ins Regal stellen. Sie wissen auch so Bescheid: Kommunismus - das ist "Unterdrückung, Verbrechen und Terror". So steht es auf dem Umschlag. Wer mehr wissen will, wird das Vorwort ("Die Verbrechen des Kommunismus") lesen und vielleicht noch das Fazit ("Warum?"). Beide Texte stammen von dem ehemaligen Maoisten Stéphane Courtois, der das Buch als brandaktuelles politisches Projekt versteht.

Das "Schwarzbuch des Kommunismus" (zum Erscheinen des französischen Originals - Le livre noir du communisme - vgl. ak 410, 15.1.1998) liegt seit dem Frühsommer auch in deutscher Übersetzung vor. Die Startauflage betrug 100.000 Exemplare, mittlerweile wird die vierte Auflage verkauft. Gleich nach Erscheinen schaffte das monumentale Werk den Sprung auf Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste; seit Wochen behauptet es sich auf Platz 2. Unterstützt wurde der Verkaufserfolg durch mehrere Veranstaltungen, auf denen Stéphane Courtois, der "Macher" des Buches, seine Thesen gegen Kritiker verteidigte. Die Berliner Veranstaltung konnte erst nach einem Polizeieinsatz ihren Lauf nehmen: "Linke Geschichtsverdränger", so der Spiegel-Redakteur Reinhard Mohr, hatten aus der "ernsthaften Debatte" ein "lärmendes Spektakel" gemacht.

Ist eine ernsthafte Debatte mit Courtois überhaupt möglich? Und ist sie sinnvoll? Vieles spricht dagegen, zunächst Courtois' Obsession, mit dem Buch seine eigene Vergangenheit als "maoistischer" Berufskader zu exorzieren, vor allem aber die Thesen im Vorwort, die auch seine Mitautoren Werth und Margolin auf Distanz gehen ließen: Der von Courtois angestellte Vergleich mit dem Nationalsozialismus sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen.

Vom "Klassenmord" zum "Klassen-Genozid"

Allein aus diesem Vergleich aber erklärt sich das ungeheure Echo, das die Veröffentlichung des Schwarzbuchs hervorrief. "Die Fakten", behauptet Courtois, "zeigen aber unwiderleglich, daß die kommunistischen Regime rund hundert Millionen Menschen umgebracht haben, während es im Nationalsozialismus rund 25 Millionen waren." Falsch sind beide Zahlen: Die Zahl der Toten des zweiten Weltkriegs, den allein der Nationalsozialismus zu verantworten hat, wird im allgemeinen mit 50 bis 55 Millionen angegeben. Zu den "100 Millionen Opfern des Kommunismus" zählen Courtois und Partner auch bis zu 50 Millionen Hungertote, vor allem in China und der Sowjetunion (dazu weiter unten).

Außerdem stellt die makabre Rechnung zwölf Jahre deutsch-österreichischen Nationalsozialismus acht Jahrzehnten "Kommunismus" in vier Kontinenten gegenüber; als kommunistische Regime gelten dabei nicht nur so unterschiedliche Länder und Regionen wie die Sowjetunion, Osteuropa, China, Vietnam, Laos, Kambodscha, Kuba, Nicaragua und Afghanistan, sondern auch ein nicht näher definierter "Afrokommunismus" in Äthiopien, Angola und Mosambik. Hinzu gezählt werden Taten der Komintern, des internationalen "Terrorismus" und des Sendero Luminoso in Peru. Die deutsche Fassung des Schwarzbuchs ist noch um ein Kapitel über die DDR ergänzt, verfaßt von den beiden Pfarrern Joachim Gauck und Ehrhart Neubert.

Doch nicht nur die Vergleichsgrundlage ist so gewählt, daß der Nationalsozialismus als das vierfach kleinere Übel erscheinen muß. Verharmlost werden auch die Motive der Nazis für den Mord an den europäischen Juden. Um den nationalsozialistischen "Rassen-Genozid" mit einem kommunistischen "Klassen-Genozid" auf eine Stufe zu stellen, wählt Courtois ein Argument, das jeglichen Widerspruch ersticken soll: "Der Tod eines ukrainischen Kulaken-Kindes, das das stalinistische Regime gezielt der Hungersnot auslieferte, wiegt genauso schwer wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel." (1)

Der Historiker Wolfgang Wippermann, der diesen perfiden Vergleich zurückgewiesen hat, mußte sich deswegen wüst beschimpfen lassen. Aber Wippermann hat recht, wenn er über das "ukrainische Kulaken-Kind" schreibt: "Ob es wirklich ,gezielt` der ,Hungersnot überliefert` wurde, ist nach der Meinung verschiedener Historiker fraglich. Ganz sicher ist dagegen, daß es nicht wegen seiner ukrainischen Herkunft starb. Doch genau dies geschah mit dem ,jüdischen Kind im Warschauer Ghetto`. Es wurde allein deshalb ermordet, weil es sich um ein ,jüdisches Kind` handelte. Alle Juden, seien sie alt oder jung, männlich oder weiblich, arm oder reich, wurden von den Nationalsozialisten als Angehörige einer ,minderwertigen Rasse` angesehen und ohne Ausnahme umgebracht. Dies traf nicht auf alle ,Kulaken` (die es keineswegs nur in der Ukraine gab) und natürlich nicht auf alle Ukrainer zu." (2)

Courtois' Erfindung eines "Rassen-Genozid", für Wippermann ein "ganz billiger Taschenspielertrick", knüpft an Ernst Noltes revisionistische Thesen aus dem Historikerstreit an. Nolte hatte seinerzeit - in suggestiver Frageform - den nationalsozialistischen "Rassenmord" als Folge des kommunistischen "Klassenmordes" bezeichnet: "Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ,asiatische Tat` vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle Opfer einer ,asiatischen Tat` betrachteten? War nicht der ,Archipel GULag` ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ,Klassenmord` der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ,Rassenmords` der Nationalsozialisten?" (3)

Ganz so weit will Courtois bislang nicht gehen. Eine "direkte kausale Beziehung" zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus verneint er; gleichzeitig zitiert er den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß als Zeugen dafür, daß die Nazis den Betrieb der sowjetischen Lager aufmerksam studiert hätten - um die dort angewandten Methoden nachzuahmen, soll der Leser schlußfolgern. Ebenso wie Nolte sieht Courtois im nationalsozialistischen Judenmord nur insoweit ein singuläres Verbrechen, als in den Vernichtungslagern bis dahin unbekannte Mittel angewandt wurden; die Einzigartigkeit von Auschwitz bedeutet für Courtois: "die Aufbietung modernster technischer Ressourcen, das Ingangsetzen eines regelrechten industriellen Prozesses, die Vernichtungsmaschinerie der Vergasung und Leichenverbrennung."

Die Macht der Utopien und der Juden

Während Courtois in seinem Vorwort das Verhängnis gesellschaftlicher Utopien bei Platon (427-347 v.u.Z.) und Thomas Morus (1477-1535) beginnen läßt, zieht er am Schluß des Buches eine Linie des Terrors von Robespierre über Lenin und Trotzki zu Stalin. Auf die selbstgestellte Frage "Warum?", so die Überschrift des abschließenden Kapitels (4), gibt Courtois folgende Antworten: Da ist zunächst die "alte russische Tradition der Brutalität und Grausamkeit"; die "revolutionäre Leidenschaft", von der die kommunistischen Führer "besessen" sind; "das eigentliche Motiv des Terrors" ist für Courtois "die leninistische Ideologie und der völlig utopische Wille, eine Doktrin anzuwenden, die keinerlei Bezug zur Realität hat"; die entscheidende Schreckensgestalt war Lenin, "der diese Gewaltsamkeit durchsetzte, wie er auch seiner Partei die Machtergreifung aufzwang"; Lenins Antrieb aber war der "Haß auf das Zarenregime", das seinen älteren Bruder, den gescheiterten Zaren-Attentäter Alexander Iljitsch Uljanow, gehenkt hatte.

Ebenso wie Lenin, aber im Gegensatz zum eher zweck-orientierten Politiker Hitler, ist für Courtois auch Stalin eine schwer deformierte Persönlichkeit mit besonderem Hang zur Grausamkeit: "So wenig sich Hitler um die Repression kümmerte - er überließ diese ,untergeordneten` Aufgaben ausnahmslos Vertrauensmännern wie Himmler - so sehr interessiert sich Stalin dafür, der sie initiiert und organisiert." Daß auch in Westeuropa die Massen solchen Führern zujubelten, die Bruderparteien und selbst unabhängige Intellektuelle die "kriminelle Dimension des Kommunismus" verschleierten, hat für Courtois drei Gründe:

- Da ist zum einen das "Festhalten an der Revolutionsidee" und die übertriebene Toleranz der Demokraten: Selbst "eindeutig revolutionäre Gruppen dürfen ungehindert an die Öffentlichkeit treten".

- Zum zweiten hätten es die Kommunisten verstanden, sich als Antifaschisten zu tarnen (was sie offensichtlich für Courtois nicht sind) und das "Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Roten Armee" (das Courtois deplaziert findet) "weidlich auszunutzen".

- Der dritte und letzte "Grund für die Verschleierung" kommunistischer Verbrechen hat es in besonderem Maße in sich. Er sei "subtiler und auch heikler zu erklären", windet sich Courtois, kommt dann aber zur Sache: Die Juden sind schuld. "Die internationale jüdische Gemeinde", schreibt Courtois, "hält die Erinnerung an den Völkermord wach" - während die Erinnerung an die Opfer des Kommunismus den Überlebenden und ihren Angehörigen "lange verwehrt" gewesen sei. Haben die Juden auch dabei die Hand im Spiel gehabt? Wie auch immer, es zählt das Ergebnis: "Nach 1945 erschien der Genozid an den Juden als das Paradigma moderner Barbarei, und zwar so sehr, daß er allen Raum für die Wahrnehmung von Massenterror im zwanzigsten Jahrhundert beanspruchte." Der zweite Teil des Satzes ist nachweislich falsch; die mehr als deutlichen Anspielungen auf den "jüdischen Einfluß in der Welt" zeigen, daß Courtois das antisemitische Ressentiment zu nutzen weiß.

Courtois' Anhänger, die hier "fragwürdige Formulierungen" einräumten, wurden von ihrem Meister öffentlich blamiert: In einem Interview der französischen Zeitschrift Diagonales Est-Ouest beschuldigte er eine "Fraktion der jüdischen Gemeinschaft", sie kritisiere sein Buch, weil sie die "moralischen und oft politischen Benefizien (bénéfices) ihres Monopols auf das Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (5) nicht verlieren wolle.

Seinen deutschen Bewunderern hat Courtois mit einer weiteren peinlichen Klarstellung Probleme bereitet. Im Interview mit der Woche (29.5.1998) machte er sich zum Fürsprecher der deutschen Geschichts-Entsorger - und das in einer Sprache, die an neonazistische Wahlkampfreden erinnert: "Ich frage die Deutschen: Bis wann wollen Sie sich so verhalten, als seien Sie allesamt die Verurteilten von Nürnberg? Irgendwann muss mal Schluss sein."

Nicht erst durch diese nachträglichen Erklärungen, sondern schon mit Courtois' Vorwort ist das Schwarzbuch als politisches Projekt diskreditiert. Neben den stalinistischen Henkern sitzen die Linken von heute auf der Anklagebank, auch jene, die von einer gesellschaftlichen Alternative nur träumen. Sie werden von Courtois gewarnt: Utopien führen unweigerlich zum Massenmord, die repräsentative Demokratie ist die beste aller möglichen Staatsformen. Muß man so etwas lesen? Zumindest sollte, wer über das Schwarzbuch mitreden will, auch die wesentlichen dort zusammengefaßten Einzelstudien zur Kenntnis nehmen. Der Autor dieses Artikels hat damit begonnen.

Hunger als Mittel des Massenmordes?

Als die beiden opferreichsten Verbrechen des Kommunismus nennt das Schwarzbuch die Hungersnöte in der Sowjetunion (1932/33) und in China (1959 bis 1962). In der Sowjetunion starben dabei 6 Millionen, in China 20 Millionen (nach aktuellen, "quasi-offiziellen" Angaben) bis 43 Millionen Menschen (nach Schätzungen des Schwarzbuchs); nicht Naturkatastrophen, sondern dem planmäßigen Terror der Kommunisten, die den Hunger als Waffe im Klassenkampf einsetzten, seien sie zum Opfer gefallen. Beide genannten Fälle sind unter Fachleuten umstritten; das im Schwarzbuch vorgelegte Material widerspricht der These vom Hunger als Waffe eher als sie zu stützen.

Im Falle der Sowjetunion, betroffen war vor allem die Ukraine, muß dem Autor Nicolas Werth (6) ein Brief Stalins als Beweis für eine bewußt mörderische Politik der KPdSU herhalten. Stalin antwortete dem Schriftsteller Michail Scholochow ("Der stille Don"), der die brutalen Methoden der KP bei der Eintreibung von Getreide im nördlichen Kaukasus mit eigenen Augen gesehen hatte. Um säumige Steuerzahler unter den Kolchosbauern zu bestrafen, beschlagnahmten die Behörden sämtliches Getreide; Bauern, die Getreide versteckt hatten, wurden gefoltert. In seiner Antwort dankte Stalin Scholochow dafür, daß er eine "leichte Erkrankung unseres Apparats" aufgedeckt habe, und versprach, die genannten "Angelegenheiten aufzuklären". Gleichzeitig beschuldigte er die Bauern der Sabotage: Sie hätten die Arbeiter und die Armee ohne Brot gelassen und einen "Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht" geführt - "einen Kampf auf Leben und Tod, lieber Genosse Scholochow!"

Über die von der Sowjetmacht in diesem Kampf anzuwendenden Mittel äußerte sich Stalin allerdings weder hier noch an anderer (dokumentierter) Stelle. Laut Gesetz konnte wegen Diebstahl oder Verschwendung sozialistischen Eigentums Lagerhaft oder sogar die Todesstrafe verhängt werden. Das war aber unpraktikabel, findet Werth, der ein Schreiben des italienischen Konsuls von Novorossisk zitiert: "Der Feind tritt nicht in seiner Masse in Erscheinung, sondern in einer zerstreuten Form, und so erschöpft man sich in endlosen kleinen Gefechten ... Die Suche nach dem Feind ist von Haus zu Haus durchzuführen, von Dorf zu Dorf. In einem durchlöcherten Eimer Wasser zu transportieren, käme auf das Gleiche hinaus!" Werths suggestive Schlußfolgerung: "Deshalb gab es für den Sieg über den ,Feind` nur eine Lösung: ihn auszuhungern." Beweise für eine planmäßige Politik des Aushungerns kann er nicht anführen, allenfalls ein schwaches Indiz: Vor allem die Gebiete seien von der Hungersnot betroffen gewesen ("bestraft worden"), in denen es die meisten Bauernrevolten gegeben habe.

Über die Hungersnot von 1932/33 hat Mark B. Tauger, ein US-amerikanischer Experte für die Geschichte der Sowjetunion, eine Reihe von Fakten zusammengetragen, die gegen Werths These sprechen, damals sei systematisch der "Hunger als Waffe" gegen die Bauern eingesetzt worden. Zum einen gebe es Anhaltspunkte, daß die Ernte des Jahres 1932 erheblich schlechter ausfiel als amtlich zugegeben; Werth macht zur Ernte überhaupt keine Angaben. Außerdem habe der Staat seine Forderungen an die Bauern reduziert; das lasse eher auf eine "Politik des Kompromisses, denn auf eine Politik der Bestrafung schließen". Schließlich seien sogar in Moskau Arbeiter und ihre Familien zu Hunderttausenden verhungert; selbst Tausende von Rotarmisten seien ohne Lebensmittel geblieben.

Taugers Urteil: Das sowjetische Regime habe nicht genug unternommen, um die Hungersnot zu lindern, und trage damit Verantwortung für das Massensterben - "dennoch sind Verantwortung und Absicht zweierlei." (7)

Kommunismus führt zum Kannibalismus

Ähnliches ließe sich über die Politik der chinesischen KP in den Jahren 1959 bis 1962 sagen. Doch für Courtois ist "die größte Hungersnot aller Zeiten" ein geplantes Verbrechen; die 20 bis 43 Millionen Toten werden dringend benötigt, um die Gesamt-Opferzahl von 85 bis 100 Millionen zu erreichen. Jean-Louis Margolin dagegen, der Autor des betreffenden Schwarzbuch-Kapitels (8), sieht die Dinge differenzierter. Er will Mao Zedong immerhin "zugestehen, daß es nicht sein Ziel war, seine Landsleute massenweise umzubringen"; auch sei es "außerordentlich schwierig, klare Verantwortlichkeiten für die Katastrophe auszumachen" - womit die These vom "Hunger als Waffe" der Kommunisten in diesem Fall de facto zurückgenommen ist.

Margolin nennt eine ganze Reihe von politischen Entscheidungen, die den angestrebten "Großen Sprung nach vorn" zum Fiasko werden ließen: "falsche Allokation von Kapital und Arbeitskräften" (für riesige Staudammprojekte und nicht funktionierende Kleinststahlwerke); die Verringerung der Anbaufläche für Getreide nach der Rekordernte von 1958; die Ausrottung der Sperlinge, die zur ungehinderten Vermehrung von Insekten führte; schließlich die Weigerung der Partei, wirtschaftliche Schwierigkeiten zur Kenntnis zu nehmen und beizeiten gegenzusteuern. Das "maoistische Dogma" habe die Katastrophe noch verschlimmert: "Da die Volkskommunen sich selbst versorgen mußten, wurde der Austausch von Lebensmitteln zwischen den Provinzen drastisch eingeschränkt." So seien die von "radikalen Maoisten" regierten Provinzen am stärksten von der Hungersnot betroffen worden - was der "Hunger als Waffe"-These ebenfalls widerspricht.

Zwar bezeichnet Margolin einige Entscheidungen des Staates als "in der gegebenen Situation regelrecht kriminell": die Steigerung der Getreide-Exporte in die Sowjetunion und die Ablehnung von Hilfsangeboten der USA "aus politischen Gründen". Gleichzeitig scheint er Maos Widersacher Liu Shaoqi recht zu gegen, der die Hungersnot "zu 70% durch menschliche Irrtümer verursacht" sah - Irrtümer allerdings, deren katastrophale Folgen durch die Allmacht der Partei und der Zentralregierung erst möglich wurden. Auf eine Kritik der politischen Strukturen verzichtet Margolin aus gutem Grund. Sie hätte das Eingeständnis bedeutet, daß "der Kommunismus" unter anderen Umständen vielleicht funktionieren könnte - als wirkliche "Selbstbefreiung der Massen", welche die Staatsgeschäfte nicht den Bürokraten überlassen.

Für Margolin dagegen war in dem "Augenblick, in dem die Utopie in die Politik eindrang", das Verhängnis nicht mehr aufzuhalten. Schauergeschichten über Kannibalismus runden sein Bild des chinesischen Kommunismus ab: Familien hätten Kinder ausgetauscht, um sie zu essen. Hieß es früher, die Kommunisten würden Kinder verspeisen, so zwingen sie bei Margolin andere dazu. Solche durch nichts belegten Geschichten - der prominente Dissident Wei Jinsheng hörte sie bei einem Festessen in Anhui - nehmen Margolins ansonsten bedenkenswertem Beitrag einiges an Glaubwürdigkeit.

Js.

Anmerkungen:

1) Stéphane Courtois: Die Verbrechen des Kommunismus; in Courtois u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror; München und Zürich (Piper) 1998, S. 11-43 2) Wolfgang Wippermann: "Rassen-Genozid" gleich "Klassen-Genozid"? in: Jens Mecklenburg/Wolfgang Wippermann: "Roter Holocaust"? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus; Hamburg (Konkret Literatur Verlag) 1998, S. 106-117 3) Ernst Nolte: Vergangenheit, die nicht vergehen will; FAZ, 6.6.1986; zitiert in: "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung; München und Zürich (Piper) 1991, S. 39; zum Historikerstreit vgl. ak 392, 1.7.1996 4) a.a.O., S. 793-825 5) zitiert von Wolfgang Wippermann in Freitag 33, 29.5.1998 6) Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion; a.a.O., S. 51-295 7) Mark B. Tauger: War die Hungersnot in der Ukraine intendiert? in: Mecklenburg/Wippermann: "Roter Holocaust"? a.a.O., S. 158-167 8) Jean-Louis Margolin: China: Ein langer Marsch in die Nacht; a.a.O., S. 511-608

 

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