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Wer sind die willigen Vollstrecker?

Ein Interview mit Daniel Goldhagen zum Krieg um Kosovo

Daniel Jonah Goldhagen wurde in der Bundesrepublik durch sein Buch "Hitlers willige Vollstrecker" bekannt. Der amerikanische Historiker löste damit in Deutschland eine monatelange Debatte nicht nur über die während der Nazizeit begangenen Verbrechen aus, sondern nicht zuletzt eine Diskussion über das Selbstverständnis der Bundersrepublik. Mit Goldhagen, der am Center for European Studies an der Harvard Universität lehrt, sprach Ute Thon.

FR: Sie arbeiten gerade an einem Buch über Völkermorde im 20. Jahrhundert, eine vergleichende Studie zum Thema Genozid. Taugt der Kosovokonflikt als Fallstudie?

Daniel Goldhagen: Was in Jugoslawien stattfindet, ist nach konventioneller Definition kein Genozid, da es dabei nicht um

die totale Vernichtung eines Volkes geht. Doch es hat die Zeichen eines quasigenoziden Anschlags auf die Kosovo-Albaner. Die Serben haben selektiv gemordet, und nach bisherigen Informationen sind diese Morde nicht vereinzelt. Sie versuchen die ethnischen Albaner einer bestimmten Region zu eliminieren. Wir haben kein richtiges Wort dafür. Der Begriff "ethnische Säuberung" ist ein

Euphemismus.

FR: Sehen Sie demnach eine Parallele zwischen dem Holocaust und den serbischen Strategien gegen die Kosovo-Albaner?

Daniel Goldhagen: Der offensichtliche Unterschied ist, daß es beim Holocaust um die totale Vernichtung des jüdischen Volkes ging, im Kosovo dagegen geht es nicht um die totale Vernichtung der ethnischen Albaner. Doch man findet dennoch Parallelen. Es geht in beiden Fällen um die Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe, im Falle des Holocausts durch systematische Tötung, im Kosovo in erster Linie durch Vertreibung, doch auch durch selektive Morde und, ganz wichtig, durch die Androhung von Massenmord. Die Serben gehen in Dörfer und verkünden, entweder verschwindet ihr, oder wir töten euch alle. Ein wichtiger Aspekt, wenn man den Holocaust heraufbeschwört, ist die Frage, wie außenstehende Länder reagieren, was sie tun sollten und können. Im Fall der Juden wurde viel weniger getan, als hätte getan werden können.[...]

FR: Wo liegen Ihrer Meinung nach die tieferen Gründe für den Konflikt?

Daniel Goldhagen: Der Hauptgrund liegt sicher im Verlangender serbischen Führung, Serbien intakt zu halten, serbisches Gebiet zu vergrößern, serbische Macht und Kontrolle zu vergrößern. Und das ganz klar mit der Unterstützung vieler Serben, auch wenn wir nicht genau wissen, wie viele es wirklich sind. Wir wissen, daß in Serbien ein unglaublich aggressiver, starker Nationalismus existiert. Das wurde nicht erst jetzt im Kosovo-Konflikt deutlich, sondern schon während des Kriegs in Bosnien und ist ein dominantes Motiv serbischer Politik der letzten zehn Jahre.

FR: Jugoslaviens Präsident Milosovic wird in der Presse oft mit Hitler verglichen. Halten Sie den Vergleich für angemessen?

Daniel Goldhagen: Milosevic und Hitler sind sehr unterschiedliche Personen, aber sie sind beide des Massenmords und noch einer ganzen Reihe anderer Verbrechen schuldig. Beide begingen diese Verbrechen im Namen einer Ideologie, die das Leben anderer entwertet und davon ausgeht, daß Menschen das Recht haben, andere zu töten, wenn sie ihnen im Weg stehen. Natürlich gibt es enorme Unterschiede in ihren Ideologien und in dem, was Hitler tat und was Milosevic jetzt anstrebt. Doch beide sind Massenmörder, und beide motivierten eine Menge Leute, ihre idologisch-gesteuereten Pläne zu unterstützen.

FR: In Ihrem Buch Hitlers willige Vollstrecker erklären Sie, daß der Holocaust nur möglich war, weil die Mehrzahl der Deutschen den

Genozid am jüdischen Volk befürwortete. Glauben Sie, das trifft auch auf die Einstellung der Serben gegenüber den Kosovo-Albanern zu?

Daniel Goldhagen: Viele Serben wissen zumindest, was ihre Regierung und ihre Militärkräfte im Kosovo tun. Immerhin lebten ursprünglich auch 200 000 Serben in der Region, die die serbischen Truppen anfeuerten und ihnen halfen, ihre Nachbarn anzugreifen. Berichte über die Gewalttaten gegen die Albaner erreichten durch westliches Fernsehen, durchs Internet und andere Medien auch den Rest Serbiens. Die serbische Bevölkerung kann also nicht Unwissenheit vortäuschen, schon gar nicht nach dem, was in Bosnien passierte. Wir sollten darum folgende Fragen stellen: Wer genau führt die Eliminierungspolitik aus, und welche Unterstützung haben sie im Land? Denn genauso wie Hitler nicht allein oder nur mit ein paar Helfern die Juden vernichten konnte, steht auch Milosevic nicht allein. Diejenigen Serben, die seine Politik unterstützen, unterstützen eines der großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts und machen sich zu moralischen Komplizen.

[...]

FR: Sie würden also den Einsatz von Bodentruppen unterstützen?

Daniel Goldhagen: Ja, man sollte Bodentruppen schicken. Das hätte man schon vor langer Zeit tun sollten. Clinton sagte vor kurzem: "Wir werden nicht eher ruhen, bis alle Kosovo-Albaner sicher in ihre Heimat zurückgekehren können." Damit wollte er wohl unsere große Entschlossenheit in der Sache ausdrücken. Doch wenn wir wirklich das Leid der Albaner lindern wollten, hätten wir verhindern sollen, daß sie vertrieben werden. Und wir hätten sicherstellen sollen, daß ihre Häuser nicht zerstört werden. Wohin sollen sie nun zurückkehren?

[...]

FR: Wie kann man Ihrer Meinung nach die Gesinnung der serbischen Bevölkerung ändern?

Daniel Goldhagen: Im Moment befinden wir uns gar nicht in der Stituation, die Serben zu verändern. Das ist nicht die Aufgabe der Nato. Es kann nicht schaden, wenn sie es versuchen, doch das vornehmliche Ziel der Nato-Aktionen ist, die Verbrechen im Kosovo zu stoppen. Wenn die Vertreibungen aufhören, wenn das Morden und Vergewaltigen aufhört und die Albaner wieder in ihre Dörfer zurückkehren dürfen, dann kann man sich auf die Beeinflussung der serbischen Geisteshaltung konzentrieren.

FR: Wie könnte eine langfristige Lösung für den Frieden in der Region aussehen?

Daniel Goldhagen: Das ist schwer zu sagen. Wir wissen ja nicht einmal, welche militärischen Schritte noch unternommen werden und welches Resultat dieser Krieg haben wird. Es sei denn, die NATO würde sich wirklich verpflichtet fühlen, einen militiärischen Sieg zu erringen. Eine einfache Lösung gibt es nicht. Die ganze Balkanregion ist zerrissen durch extremen Haß, durch Gebietsansprüche und durch Familien, denen Leid zugefügt wurde und die nun Rache üben wollen. Es ist ein geopolitischer Schlamassel. In ein paar Jahren vielleicht, wenn wir wissen, wie sich die Dinge entwickeln, können wir ein vernünftiges Gespräch darüber führen. Doch im Moment hängt alles davon ab, was die Entscheidungsträger in Washington und in Europas Hauptstädten tun werden.

aus: Frankfurter Rundschau 21.04.1999