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FABRIK UND GESELLSCHAFT

Mario Tronti

Am Ende des dritten Abschnitts im ersten Band des Kapital, wo die Darstellung der Produktion des absoluten Mehrwerts fast abgeschlossen ist, geht Marx dazu über, die beiden Seiten der kapitalistischen Produktion und damit die beiden Standpunkte zu unterscheiden, von denen aus die kapitalistische Form der Warenproduktion betrachtet werden kann: Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß. Im ersteren behandelt der Arbeiter die Produktionsmittel nicht als Kapital, sondern er konsumiert sie als Material seiner produktiven Tätigkeit; im letzteren ist es nicht mehr »der Arbeiter, der die Produktionsmittel anwendet, sondern die Produktionsmittel wenden den Arbeiter an«, das Kapital konsumiert also die Arbeitskraft. Zwar entwickelt sich bereits im Arbeitsprozeß das Kapital zum Kommando über die Arbeit, über die Arbeitskraft und daher über den Arbeiter; doch nur im Verwertungsprozeß verwandelt es sich in jenes Zwangsverhältnis, das die Arbeiterklasse zur Mehrarbeit zwingt, also zur Produktion von Mehrwert. Es gelingt dem Kapital in einer nur ihm eigenen Weise, die Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozeß herzustellen: es gelingt ihm um so besser, je mehr die kapitalistische Produktion sich entwickelt und damit die kapitalistische Form der Produktion sich aller anderen Bereiche der Gesellschaft bemächtigt, alle sozialen Beziehungen durchdringt. Das Kapital setzt die Arbeit - gezwungenermaßen - als Schöpfer von Wert, doch sieht es dann den Wert - gezwungenermaßen - als Verwertung von sich selbst. Das Kapital sieht den Arbeitsprozeß nur als Verwertungsprozeß, die Arbeitskraft nur als Kapital; es verkehrt das Verhältnis zwischen lebendiger und toter Arbeit, zwischen wertschöpfender Kraft und Wert: das gelingt ihm um so leichter, je mehr es den gesamten gesellschaftlichen Arbeitsprozeß in den Verwertungsprozeß des Kapitals einbringen kann, je mehr es die Arbeitskraft in das Kapital integrieren kann. In der bürgerlichen Mystifikation der kapitalistischen Verhältnisse verlaufen diese beiden Prozesse gemeinsam und parallel, sie erscheinen beide objektiv und notwendig. Dagegen geht es darum, sie getrennt in ihrer Einheit zu sehen, bis zu dem Punkt, in dem sie einander widersprüchlich gegenüberstehen, sich wechselseitig ausschließen: der materielle Hebel für die Auflösung des Kapitals, der am neuralgischen Punkt seines Systems sitzt.

Vor aller Augen vollzieht sich der Vorgang, durch den die vergangene Arbeit sich täglich in Kapital verwandelt: das ist der Grund dafür, daß die bürgerlichen Ökonomen voll des Lobes für die Verdienste der vergangenen Arbeit sind. In der Tat trägt diese in der Form der Arbeitsmittel dann erneut zum lebendigen Arbeitsprozeß bei: deswegen wird die Bedeutung der Arbeit der Kapitalgestalt zugeschrieben, die sie annimmt. Die kapitalistische Form der Arbeit fällt hier mit dem Produktionsmittel zusammen, in dem sich die Arbeit vergegenständlicht hat: an dem Punkt, an dem die praktischen Agenten der kapitalistischen Produktion und ihre Ideologen unfähig sind, das Produktionsmittel getrennt von der antagonistischen sozialen Maske zu sehen, die es heute trägt. So leistet die vergangene Arbeit wie irgendeine Naturgewalt dem Kapital einen kostenlosen Dienst; wenn sie investiert und von der lebendigen Arbeit in Bewegung gesetzt wird, akkumuliert und reproduziert sie sich auf erweiterter Stufenleiter als Kapital. Schwieriger ist die Erhellung des Vorganges, wie die lebendige Arbeit selbst ganz und gar in diesen Prozeß einverleibt wird, und zwar als notwendiger Bestandteil seiner Entwicklung. »Es ist die Naturgabe der lebendigen Arbeit, alten Wert zu erhalten, während sie Neuwert schafft«. Daher »erhält und verewigt die Arbeit in stets neuer Form einen stets schwellenden Kapitalwert.« Um so mehr, je mehr die Wirksamkeit, der Umfang und der Wert der Produktionsmittel zunehmen, je mehr die die Entwicklung der Produktivkraft notwendig begleitende Akkumulation fortschreitet. »Diese Naturkraft der Arbeit erscheint als Selbsterhaltungskraft des Kapitals, dem sie einverleibt ist, ganz wie ihre gesellschaftlichen Produktivkräfte als seine Eigenschaften, und wie die beständige Aneignung der Mehrarbeit durch den Kapitalisten als beständige Selbstverwertung des Kapitals. Alle Kräfte der Arbeit projektieren sich als Kräfte des Kapitals.«

 

Die kapitalistische Produktionsweise bildet sich selbst gegenüber den Mehrwert und den Wert der Arbeitskraft »als Bruchteile des Wertprodukts«. Genau das verdeckt den spezifischen Charakter des Kapitalverhältnisses, nämlich den »Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft und dem entsprechenden Ausschluß des Arbeiters vom Produkt«. Da alle entwickelten Formen des kapitalistischen Produktionsprozesses Kooperationsformen sind, bildet die Entwicklung der kapitalistischen Produktion selbst den »falsche(n) Schein eines Assoziationsverhältnisses, worin Arbeiter und Kapitalist das Produkt nach dem Verhältnis seiner verschiedenen Bildungsfaktoren teilen« und verallgemeinert ihn. Auf dieser Grundlage erscheint die Entlohnung des Arbeiters auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft als Preis der Arbeit: als notwendiger oder natürlicher Preis, der den Wert der Arbeit in Geld ausdrückt. Marx sagt richtig, daß der Wert der Arbeit ein imaginärer Ausdruck, eine irrationale Definition, die Erscheinungsform jenes wesentlichen Verhältnisses ist, den der Begriff »Wert der Arbeitskraft« bezeichnet. Doch worin liegt die Notwendigkeit dieser Erscheinungsform? Handelt es sich um eine subjektive Entscheidung, das Wesen des wirklichen Verhältnisses zu verstecken, oder ist es nicht vielmehr die reale Art und Weise, den Mechanismus dieses Verhältnisses zum Funktionieren zu bringen. Exemplarisch ist hier, wie Wert und Preis der Arbeitskraft sich in der veränderten Form des Lohns darstellen. Gerade die reale Bewegung des Lohns scheint zu zeigen, daß nicht der Wert der Arbeitskraft bezahlt wird, sondern vielmehr der Wert ihrer Funktion, der Wert der Arbeit selbst. Für die kapitalistische Produktion ist es unerläßlich, daß die Arbeitskraft als reine und einfache Arbeit sich darstellt und daß der Wert der Arbeit in der Form des Lohns gezahlt wird. Man denke an die zweite Besonderheit der Äquivalentenform: wenn die konkrete Arbeit die Erscheinungsform ihres Gegenteils, der abstrakt-menschlichen Arbeit annimmt. Nicht die konkrete Arbeit besitzt innerhalb des Wertverhältnisses die allgemeine Qualität, abstrakt-menschliche Arbeit zu sein. Im Gegenteil: abstrakt menschliche Arbeit zu sein ist ihre eigene Natur; konkrete Arbeit zu sein ist nur die Erscheinungsform oder die bestimmte Form der Verwirklichung dieses Wesens. Diese totale Verkehrung ist unvermeidlich, da die im Arbeitsprodukt ausgelegte Arbeit Schöpfer von Wert nur als abstrakt-menschliche Arbeit ist, die Entäußerung menschlicher Arbeitskraft. Trifft es vielleicht nicht zu, daß der »Wert jedes Produkt der Arbeit in eine gesellschaftliche Hieroglyphe« verwandelt? Der Wert der Arbeitskraft drückt im Lohn gleichzeitig die kapitalistische Form der Ausbeutung der Arbeit und ihre bürgerliche Mystifikation aus; er zeigt uns das Wesen des kapitalistischen Produktionsverhältnisses, auf den Kopf gestellt.

 

Die Arbeit wird auf dieser Grundlage die notwendige Vermittlung, damit die Arbeitskraft sich in Lohn verwandelt: die Bedingung, daß die lebendige Arbeit sich allein als variables Kapital darstellt, die Arbeitskraft allein als Teil des Kapitals. Der Wert, in dem sich der bezahlte Teil des Arbeitstages darstellt, muß deshalb als Wert oder Preis des gesamten Arbeitstages erscheinen. Gerade im Lohn verschwindet jede Spur der Teilung des Arbeitstages in notwendige und Mehrarbeit. Alle Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit; das aber ist es, was die Lohnarbeit von allen anderen historischen Formen der Arbeit unterscheidet. Je mehr sich die kapitalistische Produktion und das System ihrer Produktivkräfte entwickelt, desto mehr vermengen sich bezahlter und unbezahlter Teil der Arbeit in untrennbarer Weise. Die verschiedenen Formen der Lohnzahlung sind nichts weiter als lediglich Ausdrucksformen des gleichbleibenden Wesens dieses Prozesses auf verschiedenen Ebenen. »Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.« In der Geschichte der »vielfältigsten Formen« des Lohnes läßt sich die gesamte Entwicklung der kapitalistischen Produktion verfolgen, die immer komplexer werdende Einheit, die sich dort zwischen Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß herstellt, zwischen Arbeit und Arbeitstag, zwischen variablem und konstantem Teil des Kapitals und damit zwischen Arbeitskraft und Kapital.

Der Lohn ist nichts anderes als die bezahlte Arbeit aus anderer Sicht. Der bestimmte Charakter, den die Arbeit als Produktionsagent hat, erscheint im Lohn als Bestimmung der Verteilung. Der Lohn setzt die Lohnarbeit voraus, wie der Profit das Kapital voraussetzt. »Diese bestimmten Verteilungsformen unterstellen also bestimmte gesellschaftliche Charaktere der Produktionsbedingungen, und bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse der Produktionsagenten.« Der Lohn gebärdet sich, als sei die »grobe Trennung zwischen Produktion und Distribution« bereits überwunden. Die bestimmte Weise, wie man an der Produktion teilnimmt, bestimmt die besonderen Formen der Verteilung. »Die Distributionsverhältnisse und -weisen erscheinen daher nur als Kehrseite der Produktionsagenten.«

Die Feststellung, welche Beziehung zwischen Distribution und Produktion besteht, »ist offenbar eine Frage, die innerhalb der Produktion selbst fällt«. Vermittelndes Element zwischen Produktion und Distribution einerseits, zwischen Produktion und Konsumtion andererseits, ist der Tausch: im ersten Falle ist der Tausch selbst ein unmittelbar in die Produktion eingeschlossener Akt, im zweiten Falle ist er völlig von dieser bestimmt, wenn es zutrifft, daß der Austausch für den Konsum die Arbeitsteilung, der private Austausch die private Produktion, eine bestimmte Intensität und Ausdehnung des Austausches eine bestimmte Intensität und Organisation der Produktion voraussetzt. Auf dieser Grundlage nun wurde im allgemeinen versucht, eine unmittelbare Identität von Produktion und Konsumtion auszudrücken; insofern gibt es eine konsumtive Produktion und eine produktive Konsumtion. Oder man entdeckt schließlich eine wechselseitige Abhängigkeit: die Produktion als Mittel für den Konsum und der Konsum als Ziel der Produktion. Schließlich kann das eine als Verwirklichung des anderen und umgekehrt dargestellt werden: der Konsum konsumiert das Produkt, die Produktion produziert den Konsum. Doch schon Marx kannte literarische Sozialisten und prosaische Ökonomen, die mit dieser Hegelschen Identität des Entgegengesetzten spielten. Diese Liste braucht nur noch durch die Vulgärsoziologen ergänzt zu werden, die ebenfalls literarisch und prosaisch, aber weder Sozialisten noch Ökonomen sind. »Das Wichtigste ist hier nur hervorzuheben, daß ¼ Produktion und Konsumtion ¼ jedenfalls als Momente eines Prozesses erscheinen, worin die Produktion der wirkliche Ausgangspunkt und darum auch das übergreifende Moment ist ¼ , der Akt, worin der ganze Prozeß sich wieder verläuft.« Produktion, Distribution, Austausch und Konsum sind nicht identisch; sondern sie bilden alle »Glieder einer Totalität; Unterschiede innerhalb einer Einheit«. Es ist klar, daß im Innern dieses »organischen Ganzen« die verschiedenen Momente wechselseitig aufeinander einwirken. Auch die Produktion in ihrer einseitigen Form ist von den anderen Momenten bestimmt. Doch die »Produktion greift über, sowohl über sich in der gegensätzlichen Bestimmung der Produktion, als über die anderen Momente«. Von dort aus beginnt der Prozeß immer wieder von neuem. »Eine bestimmte Produktion bestimmt also bestimmte Konsumtion, Distribution, Austausch und bestimmte Verhältnisse dieser verschiedenen Momente zueinander.« Die Notwendigkeit, diese elementaren Begriffe bei Marx zu rekapitulieren, wird schon durch die objektive Existenz allzu vieler »Marxisten« dokumentiert, die dazu neigen, die »Abgeschmacktheit der Ökonomen zu wiederholen, die die Produktion als ewige Wahrheit entwickeln, während sie die Geschichte in den Bereich der Distribution bannen.«

 

Wenn man das Kapital unmittelbar im Produktionsprozeß betrachtet, kann man nur immer wieder auf die Unterscheidung der beiden grundlegenden Momente zurückkommen: die Produktion des absoluten Mehrwerts, wo das Produktionsverhältnis in seiner einfachsten Form erscheint und unmittelbar vom Arbeiter wie vom Kapitalisten begriffen werden kann; die Produktion des relativen Mehrwerts, die spezifisch kapitalistische Produktionsweise, wo es gleichzeitig um die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und ihre direkte Übertragung von der Arbeit an das Kapital geht. Nur an diesem Punkt - wenn alle gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit als autonome innere Kräfte des Kapitals erscheinen - entfaltet sich der Zirkulationsprozeß in seinem ganzen Reichtum. Auf dieser Ebene verbirgt die Realisierung des Mehrwerts nicht nur die besonderen Bedingungen seiner Produktion, sie selbst erscheint als seine eigentliche Schaffung. Auch dieser Schein ist dem System funktional.

 

Neben der Arbeitszeit tritt die Zirkulationszeit in Aktion. Die Produktion des Mehrwerts erhält im Zirkulationsprozeß neue Bestimmungen: »Das Kapital durchläuft den Kreis seiner Verwandlungen; endlich tritt es sozusagen aus seinem innern organischen Leben in auswärtige Lebensverhältnisse, in Verhältnisse, wo nicht Kapital und Arbeit, sondern einerseits Kapital und Kapital, andrerseits die Individuen auch wieder einfach als Käufer und Verkäufer sich gegenüberstehn«. An diesem Punkt erscheinen alle Bestandteile des Kapitals gleichzeitig als Quellen des überschüssigen Werts und damit alle zugleich als Quellen des Profits. Die Mehrwertauspressung verliert ihren spezifischen Charakter: sie verbirgt ihr besonderes Verhältnis zum Mehrwert, wobei ihr, wie wir gesehen haben, die Metamorphose des Werts der Arbeitskraft in die Lohnform hilft. Die Verwandlung des Mehrwerts in Profit ist in der Tat ebenso vom Produktionsprozeß wie vom Zirkulationsprozeß bestimmt. Der Modus dieser Verwandlung ist jedoch lediglich die Weiterentwicklung jener Verkehrung der Verhältnisse, die sich bereits im Produktionsprozeß gezeigt hat, sobald alle subjektiven Produktivkräfte der Arbeit sich als objektive Produktivkräfte des Kapitals dargestellt haben. »Einerseits wird der Wert, die vergangne Arbeit, die die lebendige beherrscht, im Kapitalisten personifiziert; andrerseits erscheint umgekehrt der Arbeiter als bloß gegenständliche Arbeitskraft, als Ware.« »Der wirkliche Produktionsprozeß, als Einheit des unmittelbaren Produktionsprozesses und des Zirkulationsprozesses, erzeugt neue Gestaltungen, worin mehr und mehr die Ader des innern Zusammenhangs verlorengeht, die Produktionsverhältnisse sich gegeneinander verselbständigen und die Wertbestandteile sich gegeneinander in selbständigen Formen verknöchern.«

Bereits bei der Analyse der einfachsten Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise, Ware und Geld, wird der gesamte Mystifikationsprozeß zusammengefaßt, der die gesellschaftlichen Verhältnisse in Eigenschaften der Dinge selbst verwandelt und das Produktionsverhältnis in eine Sache. Im Kapital, und mit der Entwicklung seiner aufeinanderfolgenden Bestimmungen, entwikelt und setzt sich diese »verzauberte und auf den Kopf gestellte« Welt immer mehr durch. Auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise impliziert das Dasein des Produkts als Ware und der Ware als Produkt des Kapitals »die Verdinglichung der gesellschaftlichen Produktionsbestimmungen und die Versubjektivierung der materiellen Grundlagen der Produktion«. Nicht zufällig schlägt die spezifisch kapitalistische Produktionsweise zuerst beim relativen Mehrwert, später bei der Metamorphose des Mehrwerts in Profit ihre Wurzeln: die besondere Form der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, die als autonome Kräfte des Kapitals gegenüber dem Arbeiter erscheinen, gerade weil sie in der Tat eine Form der Herrschaft des Kapitals über den Arbeiter sind. »Die Produktion für den Wert und den Mehrwert schließt ¼ die stets wirkende Tendenz ein, die zur Produktion einer Ware nötige Arbeitszeit, d.h. ihren Wert, unter den jedesmal bestehenden gesellschaftlichen Durchschnitt zu reduzieren. Der Drang zur Reduktion des Kostpreises auf sein Minimum wird der stärkste Hebel der Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit, die aber hier nur als beständige Steigerung der Produktivkraft des Kapitals erscheint.« Man denke nur an die Leidenschaft des Kapitals für die Ökonomie der Produktionsmittel: Ökonomie im Einsatz des konstanten Kapitals und gleichzeitig Ökonomie der Arbeit.

 

»Wie das Kapital die Tendenz hat, in der direkten Anwendung der lebendigen Arbeit sie auf notwendige Arbeit zu reduzieren und die zur Herstellung eines Produkts notwendige Arbeit stets abzukürzen durch Ausbeutung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, also die direkt angewandte lebendige Arbeit möglichst zu ökonomisieren, so hat es auch die Tendenz, die auf ihr notwendiges Maß reduzierte Arbeit unter den ökonomischsten Bedingungen anzuwenden, d.h. den Wert des angewandten konstanten Kapitals auf sein möglichstes Minimum zu reduzieren.« Eine Erhöhung der Profitrate außer durch die modernste Ausnutzung der Produktivität der in der Produktion des konstanten Kapitals angewendeten gesellschaftlichen Arbeit entspringt »der Ökonomie in Anwendung des konstanten Kapitals selbst«. Diese Ökonomie wiederum wird möglich aufgrund der größtmöglichen Konzentration der Produktionsmittel, die nur ihre massenhafte Verwendung einleiten kann. Daher ist »sie nur möglich ¼ für den kombinierten Arbeiter und (kann) sich oft erst verwirklichen bei Arbeiten auf noch größrer Stufenleiter, daß sie also noch größre Kombination von Arbeitern unmittelbar im Produktionsprozeß erheischt«. Die Produktionsmittel werden nun im Produktionsprozeß nach einem einheitlichen Kriterium von dem Gesamtarbeiter konsumiert und nicht mehr bruchstückhaft von einer Masse von Arbeitern, die untereinander nicht in Verbindung stehen. Demnach entspringt »die Ökonomie in den Produktionsbedingungen, welche die Produktion auf großer Stufenleiter charakterisiert, wesentlich daraus, daß diese Bedingungen als Bedingungen gesellschaftlicher, gesellschaftlich kombinierter Arbeit, also als gesellschaftliche Bedingungen der Arbeit fungieren ¼ Sie entspringt daher ebensogut aus dem gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, wie der Mehrwert aus der Mehrarbeit jedes einzelnen Arbeiters, für sich isoliert betrachtet.« Und doch erscheint dem Kapitalisten die Ökonomie des konstanten Kapitals, die Ökonomie in der Anwendung der Produktionsbedingungen, insofern sie spezifisches Instrument für den Wiederanstieg der Profitrate ist, als ein dem Arbeiter völlig äußerlicher Aspekt, »in einem noch viel höhern Grad als bei den andern der Arbeit innewohnenden Kräften ¼ als eine dem Kapital inhärente Kraft«, Eigenschaft der kapitalistischen Produktionsweise und damit Funktion des Kapitalisten. »Diese Vorstellungsweise ist um so weniger befremdlich, als ihr der Schein der Tatsachen entspricht, und als das Kapitalverhältnis in der Tat den innern Zusammenhang verbirgt in der vollständigen Gleichgültigkeit, Äußerlichkeit und Entfremdung, worin es den Arbeiter versetzt gegenüber den Bedingungen der Verwirklichung seiner eignen Arbeit«, bis hin zu der »Entfremdung und Gleichgültigkeit zwischen dem Arbeiter, dem Träger der lebendigen Arbeit hier, und der ökonomischen, d.h. rationellen und sparsamen Anwendung seiner Arbeitsbedingungen dort.«

So erweitert und vertieft sich durch die unmittelbar gesellschaftliche Natur der Arbeit die immer ausschließlichere Herrschaft des Kapitals über die Arbeitsbedingungen; durch diese Herrschaft wiederum, durch die immer rationalere Anwendung aller Produktionsbedingungen, entwickelt und spezifiziert sich die kapitalistische Ausbeutung der Arbeitskraft. Die Produktionsmittel sind von diesem Moment an nicht mehr nur objektives Eigentum des Kapitalisten, sondern subjektive Funktion des Kapitals. Der Arbeiter, der mit ihnen im Produktionsprozeß zusammentrifft, erkennt sie nun gerade deswegen nur noch als Gebrauchswert der Produktion, als Instrumente und Material für die Arbeit. Der Arbeiter sieht also schließlich den gesamten Produktionsprozeß vom Standpunkt des einfachen Arbeitsprozesses aus. Die Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß bleibt in den Händen des Einzelkapitals; der Arbeiter kann die Globalität des Produktionsprozesses jetzt nur noch durch die Vermittlung des Kapitals begreifen: die Arbeitskraft wird vom Kapitalisten nicht mehr nur ausgebeutet, sondern in das Kapital integriert.

 

Die Entwicklung des Kapitalismus bringt auch die Entwicklung der kapitalistischen Ausbeutung mit sich, diese wiederum die Entwicklung des Klassenkampfes: von der Fabrikgesetzgebung bis zum Sturz des Staates. Im Kampf um die Regelung des Arbeitstages stehen Kapitalisten und Arbeiter einander noch als Käufer und Verkäufer gegenüber. Der Kapitalist besteht auf seinem Recht, mehr Mehrwert zu kaufen, der Arbeiter auf seinem Recht, weniger zu verkaufen. »Recht wider Recht ¼ zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt.« Die Gewalt des Gesamtkapitalisten auf einer Seite und die des Gesamtarbeiters auf der anderen. Durch die Vermittlung der Gesetzgebung, durch die Intervention des Gesetzes, durch den Gebrauch des Rechts, also auf politischem Feld verwandelt sich der Kauf- und Verkaufvertrag zwischen einzelnem Kapitalisten und einzelnem Arbeiter zum ersten Mal in ein Kräfteverhältnis zwischen der Macht der Kapitalistenklasse und der Macht der Arbeiterklasse. Dies ist offenbar ein Übergang, der das ideale Feld erscheinen läßt, auf dem allein sich die allgemeine Auseinandersetzung zwischen den Klassen entwickeln kann: so war es in der Tat historisch zur Zeit seiner Entstehung. Zur Beurteilung, ob die Verallgemeinerung dieses historischen Moments möglich ist, muß vor allem seine Besonderheit herausgearbeitet werden, d.h. die bestimmte Weise, wie dieses Verhältnis in einem bestimmten Entwicklungstyp des Kapitalismus gewirkt hat. Nicht zufällig fügt Marx das Kapitel über den Arbeitstag beim Übergang vom absoluten zum relativen Mehrwert ein, vom Kapital, das sich des Arbeitsprozesses bemächtigt, wie es ihn vorfindet, zum Kapital, das diesen Arbeitsprozeß selbst revolutioniert, bis es ihn nach seiner Vorstellung und seinem Bilde geformt hat. Der Kampf um den Normalarbeitstag steht historisch im Zentrum dieses Übergangs. Gegenüber dem natürlichen Impuls des Kapitals zur unbegrenzten Verlängerung des Arbeitstages haben sich die Arbeiter allerdings zusammengerottet und mit lebendiger Kraft, als Klasse, ein staatliches Gesetz, eine gesellschaftliche Schranke erreicht, die sie selbst daran hinderte, die Sklaverei vermittels eines freien Vertrags mit dem Kapital zu akzeptieren. Der Kampf der Arbeiterklasse hat den Kapitalisten gezwungen, die Form seiner Herrschaft zu verändern. Das bedeutet, daß der Druck der Arbeitskraft das Kapital dazu zwingen kann, seine eigene innere Zusammensetzung zu ändern; er wirkt innerhalb des Kapitals als wesentliche Komponente der kapitalistischen Entwicklung; er treibt von innen heraus die kapitalistische Produktion voran, bis sie auf alle äußeren Beziehungen des sozialen Lebens übergegangen ist. Was im höchsten Stadium der Entwicklung als spontane Funktion des Arbeiters erscheint, im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen desintegriert und im Hinblick auf das Kapital integriert, erscheint in einem weiter zurückgebliebenen Stadium als die gesetzliche Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Schranke, die die Vergeudung der Arbeitskraft verhindern und gleichzeitig deren spezifisch kapitalistische Ausbeutung begründen soll. Die politische Vermittlung nimmt in jedem dieser beiden Momente einen durchaus eigenen, spezifischen Platz ein. Es ist nicht gesagt, daß der bürgerliche politische Bereich immer und ewig im Himmel der bürgerlichen Gesellschaft leben muß.

 

»Die veränderte materielle Produktionsweise und die ihr entsprechend veränderten sozialen Verhältnisse der Produzenten schaffen erst die maßlose Ausschreitung und rufen dann im Gegensatz die gesellschaftliche Kontrolle hervor, welche den Arbeitstag mit seinen Pausen gesetzlich beschränkt, reguliert und uniformiert.« Alle »diese minutiösen Bestimmungen, welche die Periode, Grenzen, Pausen der Arbeit so militärisch uniform nach dem Glockenschlag regeln, waren keineswegs Produkte parlamentarischer Hirnweberei. Sie entwickelten sich allmählich aus den Verhältnissen heraus, als Naturgesetze der modernen Produktionsweise.« Das englische Parlament hat durch Erfahrung gelernt, »daß ein Zwangsgesetz alle sog. Naturhindernisse der Produktion gegen Beschränkung und Reglung des Arbeitstags einfach wegdiktieren kann.« Das Fabrikgesetz, das in einem Industriezweig eingeführt wurde, stellte die Fabrikanten vor ein Ultimatum, damit sie jedes technische Hindernis wegräumten. »Wenn aber das Fabrikgesetz so die zur Verwandlung des Manufakturbetriebs in Fabrikbetrieb notwendigen materiellen Elemente treibhausmäßig reift, beschleunigt es zugleich durch die Notwendigkeit vergrößerter Kapitalauslage den Untergang der kleineren Meister und die Konzentration des Kapitals.« In diesem Sinne ist »die Fabrikgesetzgebung, diese erste bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige Gestalt ihres Produktionsprozesses ¼ ebensosehr ein notwendiges Produkt der großen Industrie, als Baumwollgarn, Selfactors und der elektrische Telegraph.« Mit den Resultaten der verschiedenen Untersuchungskommissionen, mit dem gewaltsamen Eingreifen des Staates versucht der Gesamtkapitalist den Einzelkapitalisten zunächst zu überzeugen, später dazu zu zwingen, sich den allgemeinen Erfordernissen der gesellschaftlichen kapitalistischen Produktion anzupassen. Die Ausbeutung der Arbeitskraft kann auch so vor sich gehen, daß sie ökonomischer angewendet wird: wie die fortlaufende Steigerung des konstanten Teils des Kapitals Hand in Hand mit der wachsenden Ökonomie in der Anwendung des konstanten Kapitals selbst geht. Nur auf dieser Grundlage wird an einem bestimmten Punkt ein Prozeß der Verallgemeinerung der kapitalistischen Produktion und ihrer Entwicklung auf ein höheres Niveau möglich. Die Klassenauseinandersetzung im politischen Bereich, die politische Vermittlung des Klassenkampfes ist in diesem Falle gleichzeitig Resultat eines bestimmten Entwicklungsstadiums und Voraussetzung dafür gewesen, daß diese Entwicklung einen gewissen Eigenmechanismus annehmen konnte, der sich von diesem Punkt sehr weit entfernt hat, bis er schließlich in seinem Innern die gleiche politische Vermittlung erreichte, nämlich den politischen Boden des Klassenkampfes. »Wenn die Verallgemeinerung der Fabrikgesetzgebung als physisches und geistiges Schutzmittel der Arbeiterklasse unvermeidlich geworden ist, verallgemeinert und beschleunigt sie andrerseits, wie bereits angedeutet, die Verwandlung zerstreuter Arbeitsprozesse auf Zwergmaßstab in kombinierte Arbeitsprozesse auf großer, gesellschaftlicher Stufenleiter, also die Konzentration des Kapitals und die Alleinherrschaft des Fabrikregimes. Sie zerstört alle altertümlichen und Übergangsformen, wohinter sich die Herrschaft des Kapitals noch teilweise versteckt, und ersetzt sie durch seine direkte, unverhüllte Herrschaft. Sie verallgemeinert damit auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft.«

 

Dies vor allem muß als Endpunkt eines langen historischen Prozesses gesehen werden, der von der Produktion des absoluten Mehrwerts ausgegangen und mit Notwendigkeit zu der Produktion des relativen Mehrwerts gelangt war; von der zwangsweisen Verlängerung des Arbeitstages zur scheinbar spontanen Steigerung der Produktivkraft der Arbeit; von der reinen und einfachen Verlängerung des Produktionsprozesses in seiner Gesamtheit zu dessen innerer Umgestaltung, im Dienste immer unmittelbarerer Abhängigkeit vom Verwertungsprozeß. Das Verhältnis, das sich früher leicht zwischen Produktionssphäre und den anderen gesellschaftlichen Bereichen herstellen ließ, wird nun zum kompliziertesten Verhältnis zwischen den inneren Veränderungen in der Produktionssphäre und den inneren Veränderungen in den anderen Sphären: es wird darüber hinaus ein immer vermittelteres, immer organischeres und mystifizierteres, offenbareres und zugleich verhüllteres Verhältnis zwischen kapitalistischer Produktion und bürgerlicher Gesellschaft. Je mehr sich das bestimmte Verhältnis der kapitalistischen Produktion des gesellschaftlichen Verhältnisses im allgemeinen bemächtigt, desto mehr scheint es darin als dessen marginale Besonderheit zu verschwinden. Je mehr die kapitalistische Produktion die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse zutiefst und in ihrer ganzen Ausdehnung durchdringt, desto mehr erscheint die Gesellschaft als Totalität gegenüber der Produktion und die Produktion als Besonderheit gegenüber der Gesellschaft. Wenn das Besondere sich verallgemeinert, sich universalisiert, scheint es im Allgemeinen, Universellen repräsentiert zu sein. Im gesellschaftlichen Verhältnis der kapitalistischen Produktion drückt sich die Verallgemeinerung der Produktion als Hypostasierung der Gesellschaft aus. Wenn die spezifisch kapitalistische Produktion einmal das innere Geflecht der gesellschaftlichen Verhältnisse durchdrungen hat, erscheint sie selbst als ein allgemeines gesellschaftliches Verhältnis. Die Erscheinungsformen reproduzieren sich mit unmittelbarer Spontaneität als fließende Formen des Denkens: das wesentliche Verhältnis muß von der Wissenschaft entdeckt werden. Wenn wir uns hier auf eine rein ideologische Ergreifung dieser Realität beschränken, wird diese Realität nur so reproduziert, wie sie sich darstellt; sie wird in ihrer Erscheinung verkehrt. Wenn man den inneren materiellen Zusammenhang der wirklichen Verhältnisse begreifen will, bedarf es einer theoretischen Bemühung um wissenschaftliche Durchdringung, die vor allem den Gegenstand - die bürgerliche Gesellschaft - von allen seinen mystifizierten ideologisierten Erscheinungsformen löst, um ihr verborgenes Wesen zu isolieren und zu erfassen; und das ist und bleibt das kapitalistische Produktionsverhältnis.

 

In seinem großartigen Buch Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland stellt Lenin beim Übergang zur Darstellung der großen mechanischen Industrie nachdrücklich fest, daß der wissenschaftliche Begriff der Fabrik dem gemeinen und geläufigen Sinn des Wortes in der Tat nicht entspricht. »Bei uns, in der amtlichen Statistik und überhaupt in der Literatur versteht man unter Fabrik jeden mehr oder minder großen Industriebetrieb mit einer mehr oder minder großen Anzahl von Lohnarbeitern. Die Theorie von Marx dagegen bezeichnet als maschinelle (fabrikmäßige) Großindustrie nur eine bestimmte, und zwar die höchste Stufe des Kapitalismus in der Industrie.« Er verweist auf den vierten Abschnitt im ersten Band des Kapital, besonders auf den Übergang von der Manufaktur zur großen Industrie, wo der wissenschaftliche Begriff der Fabrik gerade »eine Frage jener Formen und Stadien (ist), die die Entwicklung des Kapitalismus in der Industrie des jeweiligen Landes durchläuft«. Auf einer bestimmten Stufe seiner Entwicklung, wenn das Kapital den Wert der Arbeitskraft verringern will, ist es dazu gezwungen, die Produktivkraft der Arbeit zu steigern; es muß möglichst viel notwendige Arbeit in Mehrarbeit verwandeln; es ist also gezwungen, die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses von Grund auf zu ändern, die Produktionsweise von innen heraus zu revolutionieren. »Ökonomie der Arbeit durch Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit bezweckt in der kapitalistischen Produktion also durchaus nicht Verkürzung des Arbeitstags.« Sie hat allein das Ziel, die Arbeitszeit zu verkürzen, die für die Reproduktion der Arbeitskraft und damit für die Produktion eines bestimmten Quantums von Waren notwendig ist. Die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit muß sich also zunächst jene Industriezweige unterwerfen, in denen die Produkte den Wert der Arbeitskraft bestimmen. »Der Wert einer Ware ist aber nicht nur bestimmt durch das Quantum der Arbeit, welche ihr die letzte Form gibt, sondern ebensowohl durch die in ihren Produktionsmitteln enthaltne Arbeitsmasse ¼ Steigerung der Produktivkraft und entsprechende Verwohlfeilerung der Waren in den Industrien, welche die stofflichen Elemente des konstanten Kapitals, die Arbeitsmittel und das Arbeitsmaterial, zur Erzeugung der notwendigen Lebensmittel liefern, senken also ebenfalls den Wert der Arbeitskraft.« Wenn man diesen Prozeß nicht nur vom Standpunkt des Einzelkapitalisten aus begreift, sondern von dem der kapitalistischen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, dann sieht man, daß der Wert der Arbeitskraft um so mehr sinkt, je mehr die allgemeine Mehrwertrate steigt. »Die Arbeit von ausnahmsweiser Produktivkraft wirkt als potenzierte Arbeit«, d.h. sie schafft in der gleichen Arbeitszeit höhere Werte als die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeit. Daher eignet sich der Kapitalist, der die perfektionierte Produktionsweise anwendet, als Mehrwert einen größeren Teil des Arbeitstages im Verhältnis zu den anderen Kapitalisten in der gleichen Industrie an. »Er tut im einzelnen, was das Kapital bei der Produktion des relativen Mehrwerts im großen und ganzen tut.« Das Zwangsgesetz der Konkurrenz wirkt dahingehend, daß die neue Produktionsweise eingeführt und verallgemeinert wird; doch die Konkurrenz selber, die äußere Bewegung der Kapitalien, ist nur die Form, in der die »immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion« erscheinen, deren »wissenschaftliche Analyse ¼ nur möglich (ist), sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich nicht wahrnehmbare Bewegung kennt.« Es ist eine Tatsache, daß die durchschnittliche Mehrwertrate an diesem Punkt, um von diesem ganzen Prozeß positiv beeinflußt werden zu können, den Wert der Arbeitskraft ständig in seiner Größe verändern, die Bedingungen des Arbeitsprozesses revolutionieren, die gesellschaftliche kapitalistische Produktionsweise verallgemeinern und beschleunigen muß: das ist die Ausgangslage, die später aus dem Kapitalismus ein großartiges historisches System zur Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte machen sollte.

 

Die kapitalistische Entwicklung ist organisch an die Produktion des relativen Mehrwerts gebunden; dieser wiederum an alle inneren Ereignisse des kapitalistischen Produktionsprozesses, an jene unterschiedene, immer komplexere Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß, von Umwälzungen in den Arbeitsbedingungen und Ausbeutung der Arbeitskraft, zwischen technischem und sozialem Fortschritt einerseits und kapitalistischem Despotismus andererseits. Je mehr die kapitalistische Entwicklung voranschreitet, d.h. je mehr sich die Produktion des relativen Mehrwerts durchsetzt und ausdehnt, desto notwendiger schließt sich der Kreis Produktion - Distribution - Austausch - Konsumtion, desto organischer wird das Verhältnis zwischen kapitalistischer Produktion und bürgerlicher Gesellschaft, zwischen Fabrik und Gesellschaft, zwischen Gesellschaft und Staat. Auf dem höchsten Stand der kapitalistischen Entwicklung wird das gesellschaftliche Verhältnis ein Moment des Produktionsverhältnisses, die ganze Gesellschaft Ursache und Äußerung der Produktion, d.h. die gesamte Gesellschaft lebt als Funktion der Fabrik und die Fabrik dehnt ihre ausschließliche Herrschaft auf die ganze Gesellschaft aus. Auf dieser Basis neigt die Maschinerie des politischen Staates immer mehr dazu, sich mit der Figur des Gesamtkapitalisten zu identifizieren, wird immer mehr Eigenschaft der kapitalistischen Produktionsweise und damit Funktion des Kapitalisten. Der Prozeß der einheitlichen Zusammensetzung der kapitalistischen Gesellschaft, aufgrund der spezifischen Entwicklung seiner Produktion, wird nicht länger die Existenz einer auch nur formal von dem Netz der gesellschaftlichen Verhältnisse unabhängigen politischen Sphäre dulden. In gewissem Sinne trifft es zu, daß die politischen Funktionen des Staates schon heute immer stärker in die Gesellschaft hineingezogen werden, mit dem kleinen Unterschied, daß es sich hier um die Klassengesellschaft der kapitalistischen Produktion handelt: man nehme all dies ruhig als sektiererische Reaktion auf alle, die im modernen politischen Staat den neutralen Boden der Auseinandersetzung von Kapital und Arbeit sehen. Hier gibt es prophetische Worte von Marx, die niemals in das politische Denken der Marxisten eingegangen sind. »Es ist nicht genug, daß die Arbeitsbedingungen auf den einen Pol als Kapital treten und auf den andren Pol Menschen, welche nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Es genügt auch nicht, sie zu zwingen, sich freiwillig zu verkaufen. Im Fortgang der kapitalistischen Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand ¼ ; der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen Gang der Dinge kann der Arbeiter den ›Naturgesetzen der Produktion‹ überlassen bleiben, d.h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden, durch sie garantierten und verewigten Abhängigkeit vom Kapital.«

Zwar ist gerade eines der Instrumente, die in diesem Prozeß funktionieren, das mystifizierte Verhältnis, das sich auf einem bestimmten Stand der Entwicklung zwischen kapitalistischer Produktion und bürgerlicher Gesellschaft herstellt, die Folge der vollzogenen Veränderungen innerhalb des gesellschaftlichen Produktionsprozesses und Voraussetzung dafür, daß dieses Verhältnis immer wieder als Naturgesetz angesehen wird. Es ist nur ein scheinbares Paradox, daß die Fabrik zwar ein Besonderes, ja das Wesentliche dieser Gesellschaft ist, es ihr aber gelingt, ihren besonderen Charakter gegenüber der ganzen Realität beizubehalten. Wenn sich die Fabrik zum Herren der gesamten Gesellschaft aufwirft - die gesamte gesellschaftliche Produktion wird industrielle Produktion - dann verlieren sich die besonderen Merkmale der Fabrik innerhalb der allgemeinen Merkmale der Gesellschaft. Wenn die gesamte Gesellschaft auf die Fabrik reduziert wird, dann scheint die Fabrik als solche zu verschwinden. Auf dieser materiellen Basis wiederholt und endet die höchste ideologische Entfaltung der bürgerlichen Metamorphosen auf einem viel höheren realen Niveau. Der höchste Grad der Entwicklung der kapitalistischen Produktion bezeichnet die tiefste Mystifikation aller bürgerlichen gesellschaftlichen Verhältnisse. Der wachsende reale Prozeß der Proletarisierung erscheint formal als Prozeß der Tertiarisierung. Die Reduktion jeder Form von Arbeit auf industrielle Arbeit, jeder Art von Arbeit auf die Ware Arbeitskraft, erscheint als Zerstörung der Arbeitskraft als Ware, also als Entwertung ihres Werts als Produkt. Die Bezahlung jedes Preises der Arbeit in der Form des Lohns erscheint als absolute Beseitigung der Mehrarbeit des Arbeiters. Das Kapital, das den Arbeitsprozeß zerreißt und zusammensetzt nach den wachsenden Bedürfnissen des eigenen Verwertungsprozesses, erscheint nun als objektive spontane Kraft der Gesellschaft, die sich selbst organisiert und damit entwickelt. Die Rückkehr der politischen Funktionen des Staates in die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft erscheint als Widerspruch zwischen Staat und Gesellschaft; die immer engere Funktionalität von Politik und Ökonomie als mögliche Autonomie der Politik gegenüber den ökonomischen Verhältnissen. Mit einem Wort, die Konzentration des Kapitals und gleichzeitig die ausschließliche Herrschaft des Fabrikregimes, diese beiden historischen Resultate des modernen Kapitalismus, verkehren sich sowohl in der Auflösung des Kapitals als eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses als auch des Ausschlusses des spezifischen Produktionsverhältnisses aus der Fabrik. Deswegen erscheint das Kapital als objektiver Reichtum der Gesellschaft im allgemeinen und die Fabrik als besondere Produktionsweise des »gesellschaftlichen« Kapitals. All das zusammen ist das, was dem bürgerlich-stumpfen Blick des Vulgärsoziologen erscheint. Wenn der Wissenschaftler selbst zum Lohnarbeiter wird, dann verläßt die Lohnarbeit die Schranken der wissenschaftlichen Erkenntnis, oder besser: sie wird zum exklusiven Anwendungsbereich jener falschen bürgerlichen Wissenschaft, die die Technologie ist.

Man sollte nicht sagen, daß dies alles noch vor uns liegt und wir uns damit beschäftigen werden, wenn es wirklich eintritt. »Wer eine lebendige Erscheinung in ihrer Entwicklung darstellen will, der gerät unweigerlich und unumgänglich in das Dilemma: entweder vorauseilen oder zurückbleiben.«

 

Es geht hier um ein methodologisches Prinzip, das immer angewendet werden muß. Auch wenn es uns zwingt, uns für jene grausame Einseitigkeit zu entscheiden, die in den gemäßigten Gemütern so vieler »Berufsrevolutionäre« soviel Angst erzeugt. Um so mehr, wenn dieses Vorhaben gewiß nicht als eine intellektuelle Willkür erscheint, sondern als der wirkliche Prozeß einer objektiven Entwicklung, dem nicht zu folgen, sondern der zu antizipieren ist. Niemand will mit Gewalt die Existenz der Welt außerhalb der Produktion vergessen. Wenn man den Akzent auf die eine Seite legt, heißt das, die wesentlichen Merkmale dieser Seite im Vergleich zu den anderen zu erkennen und zu fordern. Um so mehr, wenn dieses Besondere, gerade als solches, verallgemeinert wird. Die wissenschaftliche Einseitigkeit des Arbeiterstandpunktes darf nicht mit einer mystischen reductio ad unum verwechselt werden. Distribution, Austausch, Konsumtion müssen vom Standpunkt der Produktion aus gesehen werden. Innerhalb der Produktion wiederum ist der Arbeitsprozeß vom Standpunkt des Verwertungsprozesses aus, und dieser vom Standpunkt des Arbeitsprozesses aus zu sehen: es geht also darum, die organische Einheit des Produktionsprozesses zu erfassen, der sodann die Einheit von Produktion, Distribution, Austausch und Konsumtion begründet. Die dynamische Globalität dieses Prozesses kann sowohl durch die Besonderheit des Gesamtkapitalisten als auch die des gesellschaftlich kombinierten Arbeiters begriffen werden: außer, daß der erstere sie mit der ganzen despotischen Funktionalität ihrer konservativen Erscheinungsformen darstellt, der zweite sie mit der ganzen befreienden Kraft ihrer revolutionären Entwicklung.

 

Das kapitalistische gesellschaftliche Produktionsverhältnis sieht die Gesellschaft als Mittel und die Produktion als Ziel: der gesellschaftliche Charakter der Produktion ist lediglich das Mittel für die private Aneignung. In diesem Sinne ist auf kapitalistischer Grundlage das soziale Verhältnis niemals von dem Produktionsverhältnis getrennt; und das Produktionsverhältnis wird immer identischer mit dem gesellschaftlichen Verhältnis der Fabrik; das gesellschaftliche Verhältnis der Fabrik nimmt immer stärker direkt politische Züge an. Die kapitalistische Entwicklung neigt dazu, jedes politische Verhältnis dem gesellschaftlichen Verhältnis unterzuordnen, jedes gesellschaftliche Verhältnis dem Produktionsverhältnis, jedes Produktionsverhältnis dem Fabrikverhältnis; denn nur dadurch kann er in der Fabrik den umgekehrten Weg gehen: der Kampf des Kapitalisten für die Zerstörung und Neuzusammensetzung der antagonistischen Figur des Gesamtarbeiters nach seinem eigenen Bilde. Das Kapital greift die Arbeit auf ihrem eigenen Terrain an; nur aus dem Innern der Arbeit heraus kann es ihm gelingen, den Gesamtarbeiter zu desintegrieren, um dann den isolierten Arbeiter zu integrieren. Nicht mehr nur die Produktionsmittel auf der einen Seite, auf der anderen der Arbeiter; sondern auf der einen Seite befindet sich die Gesamtheit der Arbeitsbedingungen, auf der anderen der Arbeiter, der arbeitet; Arbeit und Arbeitskraft sind einander entgegengesetzt, beide aber zusammen befinden sich innerhalb des Kapitals. An dieser Stelle wird es zum Ideal des modernen Kapitalismus, das einfache Verhältnis von einfachem vertraglich geregeltem Kauf und Verkauf zwischen Einzelkapitalist und isoliertem Arbeiter wiederherzustellen: wobei der eine jedoch die gesellschaftliche Macht des Monopols in der Hand hat, der andere seine individuelle Unterordnung durch die Bezahlung für den Arbeitsplatz. Der geheime Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt von selbst die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Die heutige Fabrikgesetzgebung ist die Rationalisierung der kapitalistischen Produktion. Die Verfassung innerhalb der Fabrik wird »die ausschließliche Herrschaft der Fabrik« über die ganze Gesellschaft sanktionieren. Zwar wird das auch den direkten Kampf gegen diese Herrschaft verallgemeinern. Und in der Tat ist es an dieser Stelle nicht mehr nur möglich, sondern wird es historisch notwendig, den allgemeinen Kampf gegen das gesellschaftliche System in das gesellschaftliche Verhältnis der Produktion einzubetten, die bürgerliche Gesellschaft innerhalb der kapitalistischen Produktion in die Krise zu stürzen. Es ist wesentlich, daß die Arbeiterklasse den von der kapitalistischen Entwicklung diktierten Weg mit ihrem ganzen eigenen Klassenbewußtsein zu gehen beginnt: indem sie den Staat aus der Sicht der Gesellschaft, die Gesellschaft vom Standpunkt der Fabrik, die Fabrik vom Standpunkt des Arbeiters aus betrachtet. Mit der Aufgabe, die materielle Figur des Gesamtarbeiters gegen das Kapital ständig neu zu erschaffen, die dieses aus den Angeln zu heben versucht; und außerdem mit dem Ziel, die innere Natur des Kapitals selbst in seinen potentiell antagonistischen Teilen zu zerstören, die es organisch zusammenhalten. Die richtige Antwort auf den Kapitalisten, der versucht, Arbeit und Arbeitskraft innerhalb des Gesamtarbeiters in Widerspruch zu bringen, besteht darin, Arbeitskraft und Kapital innerhalb des Kapitals selbst einander entgegenzusetzen. An diesem Punkte versucht das Kapital, den Gesamtarbeiter zu zerstören, und der Arbeiter das Kapital: nicht durch Gewalt entschiedenes Recht gegen Recht, sondern direkt Gewalt gegen Gewalt. Das ist das höchste Stadium des Klassenkampfes auf dem höchsten Stand der kapitalistischen Entwicklung.

 

Der Irrtum des alten Maximalismus bestand darin, diesen Gegensatz sozusagen von außen zu begreifen; er sah die Arbeiterklasse völlig außerhalb des Kapitals und damit als dessen allgemeinen Antagonisten; daher die Unfähigkeit zu jeder wissenschaftlichen Erkenntnis und die Sterilität jedes praktischen Kampfes. Statt dessen muß man sagen, daß man vom Standpunkt des Arbeiters aus nicht direkt die Lage des Arbeiters betrachten darf, sondern direkt die Lage des Kapitals ansehen muß. Auch in seiner eigenen Analyse muß der Arbeiter dem Kapital einen privilegierten Platz einräumen, nämlich das gleiche Privileg, das das Kapital objektiv innerhalb des Systems besitzt. Damit nicht genug: die Arbeiterklasse muß sich selbst materialiter als Teil des Kapitals begreifen, wenn sie sich dann als ganze gegen das Kapital stellen will. Sie muß sich als ein Besonderes des Kapitals erkennen, wenn sie später als dessen allgemeiner Antagonist auftreten will. Der Gesamtarbeiter stellt sich nicht nur gegen die Maschine, insofern sie konstantes Kapital ist, sondern gegen die Arbeitskraft selbst, insofern sie variables Kapital ist. Sie muß dazu kommen, das gesamte Kapital zum Feind zu haben: daher auch sich selbst, insofern sie Teil des Kapitals ist. Die Arbeit muß die Arbeitskraft, insofern sie Ware ist, als ihren eigenen Feind ansehen. Auf dieser Grundlage kann die Notwendigkeit für den Kapitalismus, innerhalb des Kapitals alle subjektiven Kräfte der Arbeit zu objektivieren, von seiten des Arbeiters zur größten Erkenntnis [riconoscimento] der kapitalistischen Ausbeutung werden. Der Versuch, die Arbeiterklasse in das System zu integrieren, kann die entscheidende Antwort zur Zerschlagung des Systems hervorrufen, weil der Klassenkampf auf seinem höchstes Niveau geführt wird. Heute ist ein Punkt der Entwicklung erreicht, in dem der Kapitalismus sich in diesem Stadium der Notwendigkeit befindet; wenn er vorbeigeht, hat er wieder für lange Zeit gesiegt; doch wenn die Arbeiterklasse ihn zunächst einmal organisiert auf diesem Boden schlagen könnte, würde das Modell der Arbeiter-Revolution im modernen Kapitalismus entstehen.

 

Wir haben die Ware Arbeitskraft als eigentlich aktive Seite des Kapitals betrachtet, als natürlichen Sitz jeder kapitalistischen Dynamik. Sie ist nicht nur Protagonist in der erweiterten Reproduktion des Verwertungsprozesses, sondern auch in den ständigen revolutionären Veränderungen des Arbeitsprozesses. Selbst die technologischen Veränderungen werden diktiert und durchgesetzt durch die im Wert der Arbeitskraft eingetretenen Veränderungen. Kooperation, Manufaktur, große Industrie sind nur »besondere Methoden der relativen Mehrwertproduktion«, Formen, die von jener Ökonomie der Arbeit verschieden sind, die ihrerseits die zunehmenden Veränderungen in der organischen Zusammensetzung des Kapitals hervorruft. Das Kapital wird immer abhängiger von der Arbeitskraft; diese muß es deswegen immer umfassender besitzen, ebenso wie es die natürlichen Kräfte ihrer Produktion besitzt; es muß die Arbeiterklasse selbst zur Naturkraft der Gesellschaft reduzieren. Je mehr die kapitalistische Entwicklung voranschreitet, desto stärker ist der Gesamtkapitalist darauf angewiesen, die ganze Arbeit innerhalb des Kapitals zu sehen, muß alle Bewegungen - innere und äußere - der Arbeitskraft kontrollieren, und ist gezwungen, das Verhältnis von Kapital und Arbeit langfristig zu planen, als Stabilitätsindex für das Gesellschaftssystem. Sobald das Kapital alle Bereiche außerhalb der Produktion im engeren Sinne erobert hat, beginnt sein Prozeß der inneren Kolonisierung; so kann man erst, wenn sich endlich der Kreis der bürgerlichen Gesellschaft schließt - Produktion, Distribution, Austausch und Konsumtion - recht eigentlich von dem Beginn der kapitalistischen Entwicklung sprechen. An diesem Punkte gesellt sich der Prozeß der objektiven Kapitalisierung der subjektiven Kräfte der Arbeit notwendig zu dem Prozeß der materiellen Auflösung des Gesamtarbeiters und damit des Arbeiters selbst, insofern er Arbeiter ist: er ist selbst auf eine Eigenschaft der kapitalistischen Produktionsweise reduziert und damit eine Funktion des Kapitalisten. Es ist klar, daß die Integration der Arbeiterklasse in das System zur Lebensnotwendigkeit für den Kapitalismus wird: die Ablehnung dieser Integration durch den Arbeiter hindert das System am Funktionieren. Es wird nur eine Alternative möglich: dynamische Stabilisierung des Systems oder proletarische Revolution.

 

Marx sagt: »Von allen Produktionsmitteln ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst.« Der Prozeß der kapitalistischen Produktion ist von sich aus revolutionär: er hält alle seine Produktivkräfte in ständiger Bewegung und bewirkt ihre unaufhörliche Revolutionierung, einschließlich jener lebendigen und bewußten Produktivkraft der Arbeiterklasse. Die Entwicklung der Produktivkräfte ist die »geschichtliche Mission« des Kapitalismus. Und es ist wahr, daß sie zur gleichen Zeit seinen größten Widerspruch begründet: denn die unaufhörliche Entwicklung der Produktivkräfte muß notwendig die unaufhörliche Entwicklung der größten Produktivkraft betreiben, die der Arbeiterklasse als revolutionärer Klasse. Das aber muß den Gesamtarbeiter dazu treiben, die objektiv revolutionäre Bedeutung der kapitalistischen Entwicklung bewußt zur Geltung zu bringen: bis zu dem Punkt, an dem er gezwungen ist, diese anzuführen, wenn er nicht zurückgeworfen werden will. Deswegen darf die Revolution der Arbeiter nicht stattfinden, wenn das Kapital schon in der Katastrophe einer allgemeinen Krise zusammengebrochen ist, noch kann sie vorher kommen, wenn der Kapitalismus einen spezifischen Entwicklungszyklus noch nicht einmal begonnen hat. Die Revolution kann und muß sich gleichzeitig mit diesem Prozeß vollziehen; sie muß als innere Komponente der Entwicklung und gleichzeitig als ihr innerer Widerspruch erscheinen; eben wie die Arbeitskraft, die nur aus dem Innern des Kapitals heraus die gesamte kapitalistische Gesellschaft in eine Krise stürzen kann. Nur die revolutionäre Entwicklung der Arbeiterklasse kann den Grundwiderspruch zwischen dem Stand der Produktivkräfte und den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen gleichzeitig wirksam und sichtbar werden lassen; ohne diese Entwicklung bleibt der Widerspruch selbst ein potentielles und wird kein reales Faktum, eine reine und einfache Möglichkeit, wie die Möglichkeit der Krise auf der Ebene W-G-W. Der Stand der Produktivkräfte wird nicht an dem Grad des technologischen Fortschritts gemessen, sondern an dem Grad des revolutionären Bewußtseins der Arbeiterklasse. Besser: jener ist das Maß des Kapitalisten, der den Arbeiter nur als menschliches Anhängsel seiner Maschinen sieht; dieser das Maß der organisierten Arbeiterbewegung, die gerade auf dieser Grundlage den Prozeß der Zerstörung des gesellschaftlichen Verhältnisses organisiert, das die revolutionäre Erfahrung der Arbeiterklasse bremst und einengt. In diesem Sinne ist der Widerspruch zwischen dem Stand der Produktivkräfte und den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen nur der äußere Ausdruck jenes anderen Widerspruchs, der ganz im Innern des gesellschaftlichen Produktionsverhältnisses steckt, nämlich der zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung des Produkts, zwischen dem Einzelkapitalisten, der diesen gesellschaftlichen Charakter zu zerstören sucht, und dem Gesamtarbeiter, der ihn wieder herstellt, zwischen dem Versuch des Unternehmers, ihn ökonomisch zu integrieren, und der politischen Antwort des durch die Arbeiter vermittelten Antagonismus. Wir sprechen nicht zufällig von diesen Dingen. Dieser Prozeß vollzieht sich heute, vor aller Augen, in Italien. Auf diesem Boden wird die Alternative zwischen Kapitalismus und Sozialismus für lange Zeit entschieden werden. Die politische Partei des italienischen Kapitalismus scheint das begriffen zu haben, die Parteien der Arbeiterbewegung jedoch nicht.

 

Hier sollen nicht gewaltsam alle anderen Widersprüche eliminiert werden, die gleichwohl vorhanden sind, allen viel stärker ins Auge fallen und daher zum Verständnis des ganzen wichtiger zu sein scheinen. Es geht um die Aneignung dieses grundlegenden Prinzips: daß bei einem bestimmten Stand der kapitalistischen Entwicklung alle Widersprüche zwischen den verschiedenen Teilen des Kapitalismus in dem Grundwiderspruch zwischen Arbeiterklasse und dem ganzen Kapitalismus zum Ausdruck kommen müssen, und daß allein an diesem Punkt der Prozeß der sozialistischen Revolution beginnt. Alle Widersprüche des Kapitalismus vermittels der Arbeiterklasse auszudrüken heißt ohnehin, daß jene Widersprüche innerhalb des Kapitalismus unlösbar sind und daher über das System hinausweisen, das sie hervorbringt. Denn die Arbeiterklasse innerhalb des Kapitalismus ist der einzige unlösbare Widerspruch des Kapitalismus, oder besser gesagt, wird es von dem Moment an, in dem diese sich selbst als revolutionäre Klasse organisiert. Nicht Organisation der unterdrückten Klasse, zur Verteidigung der Interessen der Arbeiter, oder Organisation als Klasse der Regierung, der Lenkung der kapitalistischen Interessen. Sondern Organisation als antagonistische Klasse: politische Selbstverwaltung der Arbeiterklasse innerhalb des ökonomischen Systems des Kapitalismus. Wenn die Formel der »Doppelherrschaft« einen Sinn hat, dann diesen. Es ist heute nicht mehr das Problem, ob das politische Bewußtsein von außen an den Arbeiter herangetragen werden kann, oder ob man die Partei von außen herantragen solle. Die Lösung ist bereits gefunden; sie wird direkt von der kapitalistischen Entwicklung diktiert, von der kapitalistischen Produktion, die schließlich an die Schranken der bürgerlichen Gesellschaft stößt; sie wird von der Fabrik diktiert, die ihre ausschließliche Herrschaft nun auf die ganze Gesellschaft ausgedehnt hat: das politische Bewußtsein muß von der Partei getragen werden, aber aus dem Innern des Produktionsprozesses heraus. Niemand glaubt heute, daß ein revolutionärer Prozeß überhaupt ohne politische Organisation der Arbeiterklasse, ohne Arbeiterpartei möglich sei. Doch allzu viele denken noch, daß die Partei die Revolution führen könne, wenn sie vor den Fabriktoren bliebe, daß die politische Aktion dort beginne, wo das Produktionsverhältnis endet, und daß der allgemeine Kampf gegen das System jener in den Spitzenpositionen des bürgerlichen Staates sei, der inzwischen zum besonderen Ausdruck der gesellschaftlichen Bedürfnisse der kapitalistischen Produktion geworden ist. Hier gilt es aufzupassen: es handelt sich nicht darum, auf den leninistischen Umsturz der Staatsmaschine zu verzichten, wie es unweigerlich jedem geht, der den demokratischen Weg einschlägt. Es geht darum, den Sturz des Staates innerhalb der Gesellschaft zu begründen, die Auflösung der Gesellschaft innerhalb des Produktionsprozesses, die Abschaffung des Produktionsverhältnisses innerhalb des gesellschaftlichen Verhältnisses der Fabrik. Die Maschinerie des bürgerlichen Staates muß heute innerhalb der kapitalistischen Fabrik zerstört werden.

Ob man nun in der Analyse vom Kapital ausgeht oder vom heutigen Stand der kapitalistischen Entwicklung: man kommt zu den gleichen Schlußfolgerungen. Man kann noch nicht sagen, daß diese Schlußfolgerungen bewiesen seien: dazu muß ein anderer Weg durchlaufen werden, die Bedeutung der Marx'schen Theorie der kapitalistischen Entwicklung erneut überprüft werden, die täglich mehr zum historischen Schlüssel für alle Probleme wird; sie muß von allen ideologischen Verkrustungen befreit werden, die einen Teil der Arbeiterbewegung in der opportunistischen Erwartung des Zusammenbruchs eingeschläfert und dazu beigetragen haben, einen anderen Teil in den autonomen Mechanismus einer unendlichen Stabilisierung des Systems zu integrieren. Und diese Aufgabe ist es, die sich konsequent aus diesen Überlegungen ergibt.

 

Die Erwähnung der vorrangigen Notwendigkeit, den richtigsten Weg zu gehen - durch theoretische Analyse und praktischen Kampf - mag hier genügen. Fabrik - Gesellschaft - Staat sind der Punkt, an dem wissenschaftliche Theorie und subversive Praxis heute zusammenfallen: die Analyse des Kapitalismus und die Arbeiter-Revolution. Das würde genügen, die Richtigkeit dieses Weges zu beweisen. Der »wissenschaftliche Begriff« der Fabrik eröffnet heute den Weg zum umfassendsten Verständnis der Gegenwart und gleichzeitig zu dessen umfassendster Zerstörung. Gerade deshalb setzen wir nun den Ausgangspunkt für die neue Konstruktion, daß wir von der Fabrik ausgehen müssen, wenn wir den Arbeiterstaat ganz innerhalb des neuen Produktionsverhältnisses der sozialistischen Gesellschaft entstehen lassen wollen.

Quaderni rossi, 2/1962