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Schwarzer Nationalismus in den USA

Befreiung oder Nationalismus?

Obwohl schon der Begriff des »Befreiungsnationalismus« auf die innere Widersprüchlichkeit des Phänomens verweist, wird die Ambivalenz befreiungsnationalistischer Bewegungen in den ideologisierten Debatten der deutschen Linken nur selten anerkannt. Wahlweise beherrschen ritualisierte Solidaritätsbekundungen oder antinationale Dämonisierungen den politischen Diskurs. In diesem Artikel möchte ich, am Beispiel des schwarzen Nationalismus in den USA, die Sehnsucht nach derlei vereinfachten Parolen dialektisch hinterfragen.

Der Kampf um Befreiung

So wie der Befreiungsnationalismus eine Antwort der Kolonialisierten auf die europäische Kolonialherrschaft war, ist auch der schwarze Nationalismus in den USA ein Produkt kolonialistischer Ausgrenzung. Über Jahrhunderte hat sich die rassistische Entmenschlichung der Schwarzen tief in Strukturen und Selbstbewußtsein der amerikanischen Gesellschaft eingegraben. Der Katechismus des weißen Nationalismus hat sich dabei dreier verschiedener Produktionsweisen bedient: Sklaverei (1619 -1865), Semi-Feudalismus (Süden 1865-1965) und Kapitalismus (Norden ab etwa 1830). Auf den Plantagen des Südens und in den Ghettos des Nordens materialisierte sich die rassistische Ideologie als institutionalisierte »Rassentrennung«. Im Widerstand gegen dieses Herrschaftsverhältnis entstand der schwarze Nationalismus. Dieser befreiungsnationalistische Ursprung bestätigt den antirassistischen Impuls der ideologischen Formation.

Im Unterschied zu radikalen Integrationisten wie Martin Luther King hat der schwarze Nationalismus den antirassistischen Kampf um Befreiung immer mit der politischen Perspektive einer umfassenden Autonomie von den ehemaligen Sklavenhaltern verbunden. Ausgehend vom geschichtlich begründeten Mißtrauen gegenüber weißen Menschen, ihren Handlungen und Institutionen wurde die Notwendigkeit der Erlangung von ökonomischer, kultureller und politischer Unabhängigkeit vom weißen Amerika begründet. Schon wenige Jahrzehnte nach der feierlichen Proklamation der weißen »amerikanischen Nation« formulierten daher Robert A. Young und David Walker 1829 den Gedanken, daß die afrikanischen AmerikanerInnen eine eigene »Nation innerhalb der Nation« ausmachten. Angesichts der bis in die Gegenwart ungebrochenen Rassentrennung ist dieser »Nationalismus der rassistisch Ausgeschlossenen« auch heute noch von großer aktueller Relevanz.

Die Geschichte des schwarzen Nationalismus zeigt, daß er keine einheitliche, monolithische Formation ist. Im Gegenteil: Die ideologischen Formen, die der schwarz-nationalistische Widerstand historisch angenommen hat, sind ausgesprochen vielschichtig. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Vision des afrikanischen Exodus, des gemeinsamen Auszugs aus dem Babylon des weißen Mannes, ein Sinnbild für die kollektive Befreiung vom kolonialen Joch. Der Fortbestand der Sklaverei und später der Rassentrennung führte periodisch zu einer weitverbreiteten Desillusionierung, die vielen Schwarzen die Rückkehr nach Afrika als einzigen Ausweg aus ihrer umfassenden Benachteiligung in den USA erscheinen ließ. Das auch aus dem karibischen Reggae bekannte biblische Motiv wurde in den 20er Jahren von Marcus Garvey und der »Universal Negro Improvement Association« popularisiert.

Nach den Erfolgen Garveys propagierte die Kommunistische Partei zeitweilig (1928-34) die Forderung nach Errichtung eines unabhängigen schwarzen Staates im Süden der USA. Auch die religiös-nationalistische »Nation of Islam« forderte staatliche Souveränität. Dieses Spektrum linker und rechter Gruppen veranschaulicht, daß der nationalistische Widerstand gegen die Dominanzkultur in gänzlich unterschiedlichen ideologischen Formen artikuliert werden kann.

Die Facetten ideologischer Dekolonisation

Angetrieben von der Radikalisierung der Bürgerrechtsbewegung erreichte die nationalistische Kritik weißer Vorherrschaft in den 60er Jahren einen neuen Höhepunkt. Malcolm X, der »organische Intellektuelle« der ghettoisierten »Unterklassen«, verschaffte der NOI ungeahnte Popularität. Seine radikale Dekonstruktion der Dominanzkultur legte den Grundstein für die nationalistische »Black Power«-Bewegung. In dieser Zeit entfaltete sich auch der Facettenreichtum der ideologischen Dekolonisation.

Schon die nationalistischen Ideologien des Garveyismus oder der NOI wurden von vielen Schwarzen als spirituelle Zurückweisung der rassistischen Entmenschlichung der Schwarzen »gelesen«. Im Streben nach Unabhängigkeit vom weißen Amerika verdichtete sich jetzt die Kritik an den institutionellen Strukturen und Trägern des rassistischen Herrschaftsverhältnisses. Die verschiedenen Strömungen des schwarzen Nationalismus, die sich dabei herauskristallisierten, sind der weißen Dominanzkultur auf verschiedene Weise begegnet. Neben religiös-nationalistischen Gruppen wie der NOI, die ihren Widerstand in die Form einer passiven, eschatologischen Heilserwartung kleideten, etablierten sich jetzt auch kulturnationalistische und revolutionär-nationalistische Zusammenhänge. In der kulturnationalistischen Bewegung (»Black Art«) wurden die diskriminierenden Normen und Werte der hegemonialen Dominanzkultur unter Rückgriff auf afrikanische bzw. afro-amerikanische Traditionen dekonstruiert. Ziel war die geistige Dekolonisation und intellektuelle Unabhängigkeit der AfrikanerInnen. Linke,

revolutionär-nationalistische Gruppen wie die »Black Panther Party for Self-Defense« oder die »League of Revolutionary Black Workers« betonten demgegenüber vor allem die Folgen systemischer Unterdrückung und die Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen im Interesse der unterdrückten Schwarzen. »Republic of New Africa« und später »New Afrikan Independence Movement« verbanden, ähnlich wie zuvor die KP, die Forderung nach einem

unabhängigen schwarzen Staat mit sozialistischen Gesellschaftsvisionen.

Gemein ist diesen unterschiedlichen Strömungen das Streben nach einer umfassenden Autonomie von den ehemaligen Sklavenhaltern und ihrer kolonialistischen Dominanzkultur. Dieser Zusammenhang verdeutlicht, daß die antinationale Ideologieproduktion den Blick auf das emanzipatorische, antirassistische Potential des schwarzen Nationalismus verstellt. Sie kann deshalb nur vom Standpunkt priviligierter weißer deutscher Bedeutungsträger mit »Sinn« versehen werden.

Dialektische Animationen

Die Traditionen, Symbole und Rituale der Herrschenden haben sich lange und gründlich in den zivilgesellschaftlichen »Festungen und Kasematten« des Alltagsbewußtseins (Gramsci) eingegraben. In ihrem Streben nach intellektueller Unabhängigkeit reproduzieren (nicht nur nationalistische) Befreiungsbewegungen deshalb regelmäßig Elemente herrschender Ideologien. Weil sie unter eben den gesellschaftlichen Bedingungen heranreifen, an deren Überwindung sie arbeiten, bleiben sie – mal mehr, mal weniger – auch von den ideologischen gesellschaftlichen Verhältnissen abhängig. Gerade die linken Diskussionen über Geschlechterverhältnisse haben offenbart, daß intellektuelle Autonomie niemals ein Zustand, sondern immer nur eine Zielbestimmung ist.

Befreiungsnationalistischen Bewegungen ist diese innere Widersprüchlichkeit schon begrifflich eingeschrieben. Auch der Nationalismus der rassistisch Ausgeschlossenen ist eine nationalistische Ideologie. Die Dialektik des schwarzen Nationalismus besteht deshalb darin, daß er über den antirassistischen Impuls hinausgehen und sich als Teil des universellen Phänomens Nationalismus äußern kann. Dadurch werden auch die Reduktionismen nationalistischer Ideologien reproduziert. Unreflektierte Solidaritätsbekundungen mit den verschiedenen Formen des Widerstands sind deshalb ebensowenig angebracht wie vorschnelle Zurückweisungen. Gegenstand des folgenden Abschnittes sind daher die Ambivalenzen der aktuellen Strömungen des schwarzen Nationalismus.

Im Labyrinth schwarz-nationalistischer Ambivalenzen

Die ungebrochene Kontinuität der informellen Apartheid der amerikanischen Gesellschaft hat in den letzten Jahren zu einem Wiederaufschwung schwarz-nationalistischer Ideologien beigetragen. Anders als in den 60er Jahren sind die links-nationalistischen Strömungen heute jedoch, auch aufgrund der präventiven Aufstandsbekämpfung des Staates (COINTELPRO), politisch weitgehend marginalisiert. In der Folge ihres Niedergangs hat sich, analog zur Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft, der Einfluß konservativer Nationalisten weiter vergrößert.

Lassen sich schon am Beispiel revolutionärer Nationalisten bestimmte Probleme nationalistischer Ideologieproduktion nachweisen, so ist die unter der Führung von Louis Farrakhan wiedererstarkte Nation of Islam geradezu ein Labyrinth schwarz-nationalistischer Ambivalenzen. Auf den Rassismus der Weißen, der zur Rechtfertigung der Sklaverei erfunden wurde und sie gesellschaftlich überhaupt erst zu Schwarzen gemacht hat, reagiert die NOI nicht mit einer Dekonstruktion dieser Zuweisungen und der kollektiven Zielsetzung, diese Ethnisierung sozialer Unterschiede zurückzuweisen, sondern mit einer eigenen biologistischen Rassenkonstruktion, die ein Spiegelbild weißer rassistischer Propaganda ist. Der religiöse Nationalismus der NOI ist also zugleich eine Antwort auf den weißen Rassismus wie dessen Abbild.

In der NOI, wie auch im »afrozentrischen« Kulturnationalismus oder in bestimmten »orthodox«-nationalistischen Strömungen, wird das rassistische Herrschaftsverhältnis reduktionistisch als der zentrale (oder gar einzige) Widerspruch der Gesellschaft vorgestellt. Abweichende Elemente der individuellen Identitätsbildung, wie Erfahrungen von Klassenherrschaft oder Geschlechterverhältnissen, werden als »Nebenwidersprüche« oder gar »natürliche« Verhältnisse angesehen. Sie können auch reduktionistisch als Folgeerscheinungen des rassistischen Herrschaftsverhältnisses dargestellt werden (z. B. Homosexualität oder Frauenemanzipation als »weiße Dekadenz«). Schwarze Feministinnen haben wiederholt kritisiert, daß diesen Interpretationen die nationalistische Tendenz zur Homogenisierung schwarzer Lebenswelten zugrunde liegt. In diesem Sinne werden die gesellschaftlichen Widerspüche in den mythologischen Identitätskonstruktionen imaginär vereinheitlicht.

Eine Dekonstruktion entlarvt diese künstliche Homogenisierung als interessengebundene Instrumentalisierung. So entspricht das gesellschaftskonforme Streben nach einer Stärkung des »schwarzen Kapitalismus« den Interessen der (erfolgreich kapitalistischen) schwarzen Mittel- und Oberschichten. Die häufige Bezugnahme auf die »Natürlichkeit« der klassischen Geschlechtsrollenverteilung und die Gleichsetzung einer »Rückeroberung schwarzer Männlichkeit« mit schwarzer Befreiung verdeutlicht die patriarchalischen Interessen, die die künstliche Einheitlichkeit definieren. Die nationalistische Ideologie schafft also einen Rahmen, in dem nicht nur die Mittel, sondern auch die Normen und Werte, aus denen der »amerikanische Traum« gemacht ist, übernommen werden. Die intellektuelle Autonomie der vorgestellten Widerstandsgemeinschaft wird dadurch ausgehebelt.

Mehr noch. In den Reden Farrakhans und der NOI-Zeitung »The Final Call« wird regelmäßig das Bild einer »jüdischen Verschwörung« erzeugt. Auch das 1991 von der NOI veröffentlichte Buch über »The Secret Relationship Between Blacks and Jews« wimmelt von antisemitischen Stereotypen. Nicht selten finden sich auf ihren Büchertischen außerdem Henry Fords »The International Jew« und die gefälschten »Protokolle der Weisen von Zion«. Die NOI konstruiert damit den gleichen »Vaterlandslosen« wie herrschende europäische und amerikanische Nationalismen. Dieser (gesellschaftlich latent legitimierte) Antisemitismus zeigt besonders deutlich, daß blinde Solidarität mit befreiungsnationalistischen Bewegungen grundsätzlich fehlgeleitet ist.

Kulturelle Impressionen: »Neuer schwarzer Film« und Hip Hop

Die regressiven Tendenzen des Befreiungsnationalismus verdichten sich zwar nur selten zu einem ideologischen Labyrinth wie dem »islamischen Fundamentalismus« der NOI, lassen sich jedoch mit Abstrichen auch für die anderen Strömungen nachweisen.

Von besonderer Bedeutung für die hiesige Debatte sind dabei die populär-kulturellen Ausdrucksformen des schwarzen Nationalismus. Der internationale Einfluß von HipHop und »neuem schwarzem Film« unterstreicht, daß gerade die musikalischen und filmerischen Repräsentationen und Echos des afro-amerikanischen Widerstands den Kampf um kulturelle Hegemonie beeinflussen.

Am Beispiel der frühen Filme Spike Lees lassen sich die Ambivalenzen nationalistischer Kulturproduktion veranschaulichen. Einerseits wird in »She’s Gotta Have It«, »Do the Right Thing« oder »X« mit den dominanzkulturellen Repräsentationen von Afro-AmerikanerInnen gebrochen. Die Darstellungen unabhängiger schwarzer Lebenswelten marginalisieren das »weiße Auge«, indem sie den (segregierten) Alltag im schwarzen Amerika vom Rand ins Zentrum der Aufmerksamkeit und Bedeutungskonstitution rücken. Dieser erfrischende Perspektivenwechsel ist die wichtigste Neuerung im cineastischen »counter-discourse«.

Andererseits reproduzieren Lees Filme zentrale Elemente der vorherrschenden Dominanzkultur. So sind sie zu Recht für ihre Abbildung traditioneller Geschlechterverhältnisse kritisiert worden. Auch der affirmative Charakter von Lees Vorstellungen über »schwarzen Kapitalismus« ist kaum progressiv zu nennen. Selbst antisemitische Stereotypen finden sich: In »Mo’ Better Blues« porträtiert Lee zwei Juden als zwielichtige Geschäftemacher, die jede Emotion aufs Profitmachen reduzieren. Die Ambivalenz seiner befreiungsnationalistischen Diskurse ist also offenkundig.

Diese innere Widersprüchlichkeit zeigt sich auch in anderen Bereichen schwarzer Kulturproduktion, insbesondere in der Musik. Auch wenn die primäre Bedeutung der schwarzen Musik immer darin bestanden hat, Vergnügen und Unterhaltung zu bereiten, konnten die Afro-AmerikanerInnen in musikalischen Formen am ehesten ihre Sehnsüchte und Leiden, ihre Hoffnungen aufs Jenseits und ihren Widerstand im Diesseits zum Ausdruck bringen. Die Musik ist deshalb frühzeitig zu einem Refugium der Unterdrückten geworden.

Ähnlich wie in Lees Filmen wird durch das Streben nach »Authentizität« und »street credibility« auch im Hip Hop eine Repräsentation der segregierten schwarzen Lebenswelten erzeugt. Viele RapperInnen wenden sich in ihren Texten ausdrücklich gegen die dominanzkulturelle Bedeutungskonstitution der ehemaligen Sklavenhalter. Sie rücken statt dessen das Leben in ihrem Stadtteil (»the hood«) ins diskursive Zentrum. Im politischen Rap werden darüber hinaus auch die kämpferischen Traditionen des schwarzen Nationalismus einbezogen. Dieser Perspektivenwechsel kann als Reaktion auf die andauernden Ausgrenzungspraktiken des weißen Amerika und als indirekte Kritik an den innerstädtischen Folgekosten der postfordistischen »Deindustrialisierung« gedeutet werden. Daß dabei auch viele RapperInnen Elemente der dominanzkulturellen Hegemonie reproduzieren, zeigen u. a. die anhaltenden Diskussionen über Antisemitismus, Sexismus, Gangsta-Rap und »5 % Nation«.

Alltägliche Widersprüchlichkeiten

Die historische Entwicklung und ideologischen Formen des schwarzen Nationalismus zeigen, daß der Befreiungsnationalismus ein dialektisches Phänomen ist, das durch blinde Solidarität oder antinationale Affekte nicht erklärt werden kann. Das bedeutet, daß auch die ideologischen Formen des antirassistischen Protestes notwendig widersprüchlich sind: Es gibt keinen richtigen Widerstand im Falschen. Dies zeigt nicht nur, daß Widerstand im Alltag oft wenig mit den Prinzipien politischer Korrektheit zu tun hat, sondern auch, auf welche Widersprüchlichkeiten wir uns künftig einstellen sollten.

Albert Scharenberg

 

 

Zum Weiterlesen:

Albert Scharenberg: Schwarzer Nationalismus in den USA. Das Malcolm X-Revival. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 1998.

aus: Arranca Nr.17