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Antisemitismus unter MigrantInnen

Eine Rede gegen falsche Gemeinsamkeiten

Café Morgenland (Frankfurt/Main) ist seit mehreren Jahren - auch bundesweit - berüchtigt: aus linksradikalen Zusammenhängen kommend haben sie sich nach 1989 auf eine Selbstorgansierung von Migrantinnen und Migranten konzentriert.

Das Ziel dieser Selbstorganisierung sollte in erster Linie die Abwehr rassistischer Angriffe sein. KöXüZ (Berlin) haben eine ähnliche Entwicklung hinter sich und stehen in der Nachfolge der Berliner Antifasist Genclik, die 1993 im Zuge der Ermittlungen zum Tod des Nazis Kaindl ein Jahr vorher vom Staatsschutz zerschlagen wurde. Die folgende Rede, in der die beiden Gruppen eine scharfe Kritik des Antisemitismus unter "Nichtdeutschen" formulieren, die zugleich ein Abschied ist von der Vorstellung, "die Migranten" seien ein einheitliches Subjekt, ist ein Resultat einer längeren Diskussion, an deren Anfang die Denunziation von Ignatz Bubis als "Anwalt der Täter" durch Hamburger Migranten und an deren Ende der Hinauswurf von KöXüZ aus ihren Räumen in der A6, einem ehemals besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg, stand. Die A6 hatte sich zu einem Treffpunkt Antideutscher unterschiedlicher Staatsangehörigkeit entwickelt: unter anderem wurde hier die Demonstration in Grevesmühlen vorbereitet, was den autonomen Ex-Besetzern nicht in den Kram paßte. In diesem Zusammenhang stellten sich andere nichtdeutsche Gruppen hinter die deutschen Hausbewohner. Für die Berliner Szene entstand so die Möglichkeit, den Hinauswurf als eine Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Fraktionen der nichtdeutschen Gruppen darzustellen. Beide Gruppen initiierten ein bundesweites Treffen antideutscher Migrantinnen und Migranten. Die Rede von Café Morgenland und KöXüZ, die wir im folgenden redaktionell bearbeitet und leicht gekürzt - dokumentieren, wurde auf einer Veranstaltung der beiden Gruppen am 23. Mai 1997 in Berlin gehalten. (Die Red.)

Zu diesem Text

Uns ist bewußt, daß dieser Beitrag bzw. bestimmte Teile davon von der deutschen Linken als Entlastungszeugnis, in welcher Variante auch immer, benutzt werden wird, um den in Deutschland entwickelten und unserer Auffassung nach nicht-eliminierten eliminatorischen Antisemitismus zu relativieren.

Wir haben lange überlegt, ob wir in Deutschland eine Diskussion über Antisemitismus unter Migrantinnen und Migranten leisten können. Der vorliegende Text ist, von einigen aktuellen Ergänzungen abgesehen, über ein Jahr alt. Mit Rücksicht auf neuere, im alten Text nicht genannte, Ereignisse haben wir uns zur Veröffentlichung entschlossen. Wenn wir schon den Anspruch erheben, "rücksichtslos" zu sein, dann ist es nur folgerichtig, dementsprechend zu handeln. Wir geben zu, daß unsere Zurückhaltung u.a. darauf

zurückzuführen ist, daß wir das Ausmaß der Germanisierungstendenzen innerhalb der MigrantInnen, insbesondere der Linken, unterschätzt haben.

Antirassismus und Antisemitismus - geht das zusammen?

Wie wäre es anders zu erwarten? Man kann ohne eine Spur Scham oder Selbstekel gleichzeitig antirassistisch und antisemitisch sein. Hier in Deutschland, wo der Rassismus grassiert und wo sich eine besondere Tradition in der "Lösung" dieser "Frage" bis heute verfolgen läßt, stößt man auf die Koexistenz zweier verwandter, jedoch entgegengesetzter Phänomene.

Es gehört zum kulturellen Code der sogenannten Zivilgesellschaft, daß man sich als AntirassistIn und Anti-AntisemitIn definiert. Andererseits läßt sich grob erkennen, daß heute eine Front zwischen Philosemiten und Antisemiten (beide gefährlich für Juden), zwischen Ausländerfreunden und Ausländerfeinden (beide gefährlich für Ausländer und Juden) verläuft.

Diese Unterschiede lassen sich noch verfeinern: es gibt diejenigen, die die MigrantInnen mögen, aber antisemitisch sind, und diejenigen, die philosemitisch, aber rassistisch sind etc. Und es gibt MigrantInnen, die sich eifrig bemühen, deutscher als die Deutschen zu sein, und keine Hemmungen dabei haben, andere MigrantInnen (Flüchtlinge und vor allem Roma) aus Deutschland oder wenigstens aus der eigenen Wohngegend rausschmeißen zu wollen. Wie geschehen im Frankfurter Gallus-Viertel, als unter ein rassistisches Pamphlet (gegen dort lebende Roma, Anm. d. Red.), initiiert von deutschen AnwohnerInnen, auch MigrantInnen ihre Unterschrift setzten.

Der vorhin genannte kulturelle Code läßt sich in allen politischen und sozialen gesellschaftlichen Sphären beobachten. Insbesondere in der Theorie bekennen sich die Linken und Fortschrittlichen - wie es im Linksjargon immer wieder heißt zu Antirassismus und Anti-Antisemitismus und artikulieren sich immer wieder in diesem Sinne. Zwischen Unterstellungen und Schlechtes-Gewissen-Schaffen verfügen sie hier über ausreichende Mittel, ihren Gegnern den Mund zu verbieten. Dies erfolgt vor allem mithilfe der Theorie. In der Praxis und im alltäglichen politischen Diskutieren und Handeln jedoch sieht die Realität ganz anders aus. Wir möchten die Mehrheit der linksorientierten MigrantInnen zu diesen Kreisen zählen.

MigrantInnen greifen zu einer antirassistischen Argumentation, um gegen den Rassismus der Deutschen, unter dem sie zu leiden haben, vorzugehen. Rassismus existiert jedoch auch unter denen, die selbst davon betroffen sind. Je nach Herkunft und Hautfarbe werden genau die Grenzen weitergezogen, die von Deutschen bereits vorgegeben wurden.

Die rassistische Einstellung von MigrantInnen läßt sich deutlich vom global vorherrschenden Nationalismus und Klassenbewußtsein unterscheiden. Um in den Augen der Deutschen ein bißchen mehr Achtung zu bekommen, kämpft jeder und jede um die eigene Stellung innerhalb der MigrantInnen-Hierarchie, die von den Deutschen konstruiert und immer wieder gefördert wird.

In den verschiedenen MigrantInnen-Vereinen findet seit Jahren eine intensive Pflege der "eigenen Kultur" (was auch immer das sein mag) statt, die immer mehr den Vorstellungen und Klischees des deutschen Bedarfs entspricht: Griechen tanzen Sirtaki und essen Souvlaki, Spanier tanzen Flamenco und essen Paella usw.

Auch wenn all das in den Ländern und Orten, aus denen die Menschen kommen, längst nicht mehr der Realität entspricht oder einfach überholt ist, wird hier in Deutschland auf vielfältige Art und Weise daran festgehalten, wird es von deutschen Behörden und Institutionen gefördert und vom ausländerfreundlichen Publikum mit Begeisterung angenommen. Infolgedessen gehört auch bei den linksradikalen Gruppen die genannte Klischeepflege zum Standardrepertoire, natürlich verpackt als "internationale Solidarität", "gemeinsamer Kampf" etc.

Diese selektive Wahrnehmung unserer Existenz hier und heute befördert ein reaktionäres, kulturalistisches und kulinarisches Konstrukt. Anstatt dies zu bekämpfen, wird von MigrantInnen eifrig daran mitgewirkt. Man will es sich schließlich mit den Deutschen nicht verscherzen.

Besonders fatal wird es dann, wenn MigrantInnen im Buhlen um die Gunst der Deutschen anfangen, mit dem Finger ihrer eigenen Ressentiments und Vorurteile auf andere MigrantInnen-Gruppen zu zeigen. So werden z.B. SchwarzafrikanerInnen, Roma und Sinti, InderInnen, AfghanerInnen, Pakistani und MarokkanerInnen auf die untersten Stufen der IntermigrantInnenhierarchie von schon privilegierteren MigrantInnen verwiesen und dort gehalten.

Links und antisemitisch

Gegen Rassismus und Antisemitismus sind die meisten MigrantInnen, viele verstehen sich auch als AntifaschistInnen. Wird nun aber ein höchst verschwommener Anti-Antisemitismus bemüht, um die eigene politische Argumentation in gewissen Momenten zu verschärfen, werden auch antisemitische Phrasen laut.

Dabei meinen sie - und dafür schätzen sie sich sogar als sehr mutig ein -, daß man im Land der Täter Tabus brechen und die ganze Wahrheit über "die reichen Juden" oder "die jüdische Lobby" endlich mal aussprechen muß. Einerseits werden die Deutschen gerne in die moralische Mangel genommen, daß sie doch damals 6 Millionen Jüdinnen und Juden vernichtet hätten (was auch immer berechtigt sein wird), andererseits wird der Zusammenhang der Vernichtung mit der Entstehung des Staates Israel geleugnet: damit die Theorie vom Blockwart des US-Imperialismus im Nahen Osten nicht angekratzt wird.

Interessanterweise ist gerade der linke Internationalismus, anders als bürgerlicher Universalismus, dafür prädestiniert, die Besonderheit der Verfolgung der jüdischen Minderheiten, egal wo sie gelebt haben oder heute noch leben, zu ignorieren. Egal, welcher Art "linken Selbstverständnisses" man auch anhängt: mit den Begriffen Faschismus, Klassenkampf, Arbeit und Proletariat als Wunderschlüssel zur Geschichte läßt sich alles rationalisieren.

Daß Antizionismus als Deckmantel für Antisemitismus dient, ist bekannt. Daß AntizionistInnen nicht selten die Juden in der ganzen Welt meinen und angreifen, ebenfalls.

Die Vernetzung unter den jüdischen Gemeinden und die vielfältigen Kontakte, die mit den in der Diaspora herrschenden Lebensbedingungen zusammenhängen, wurden schon immer und werden noch heute von AntisemitInnen in verschiedenen Formen als

Weltverschwörung halluziniert - und dies besonders seit der Entstehung des Staates Israel. Es sind nicht nur die Deutschen, die es gerne immer wieder erwähnen, sondern auch MigrantInnen wissen da aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Bei all den Belehrungen, die sich die Deutschen von MigrantInnen berechtigterweise anhören müssen, tritt dabei ein bemerkenswertes Phänomen auf: Es wird kaum ein Wort über die Vernichtung der Sinti und Roma und anderer Unwerter verloren. Dies wird bestenfalls ignoriert. Es geht den meisten nur um die imposante Zahl von 6 Millionen toten Jüdinnen und Juden. Das macht mehr Eindruck - weil es eine größere Zahl darstellt - als die halbe Million ermordeter Sinti und Roma. Mit anderen Worten: es geht nicht um das, was passiert ist, wie es passiert ist, wer die Opfer waren und warum etc.

Die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden durch die Deutschen wird in diesem Zusammenhang funktionalisiert.Sie machen sich nicht mal die Mühe, sich vorzustellen, daß eine ganze Maschinerie, bestehend aus ALLEM und ALLEN, in Gang gesetzt wurde, um bis in die abgelegensten Gegenden auf dem Balkan, in der SU usw. Leute aufzuspüren, um sie durch Massenerschießungen, durch dafür speziell konstruierten Gaswagen zu töten, sie Tausende von Kilometern an ganz speziell dafür eingerichtete Orte zu deportieren, damit sie auf eine ganz bestimmte Art und Weise vernichtet werden. Sie machen sich nicht mal die Mühe zu verstehen, daß dieser Vernichtungsprozeß den Rahmen aller herkömmlichen Theorien sprengt (auch mit marxismustheoretischen Ansätzen ist die Shoah nicht erklärbar) und von keiner geschichtlichen Erfahrung eingeholt werden kann.

Die Konzentration bzw. Ausschließlichkeit der Bezugnahme auf diese runde, große Zahl erfolgt auch nicht deswegen, weil man Erkenntnisse über die Singularität dieses Verbrechens gewinnen will. Dies wird spätestens dann deutlich, wenn im gleichen Atemzug sorg- und geschichtslos Vergleiche mit der eigenen Leidensgeschichte bzw. der Leidensgeschichte anderer Verfolgter angestellt werden. Dann werden die toten Roma und Sinti zu Kronzeugen gegen jüdische Opfer, um deren "Alleinvertretungsanspruch" zu bekämpfen - wie in der Goldhagendebatte. Die Shoah wird mit der Vernichtung der Armenier durch die Türken, mit dem Massaker an den Ureinwohnern Nordamerikas gleichgesetzt.

Der Schriftsteller Jean Améry schrieb in seinem Buch "Ressentiments" bereits 1966:

"Was 1933 bis 1945 in Deutschland geschah, so wird man lernen und sagen, hätte sich unter ähnlichen Voraussetzungen überall ereignen können - und wird nicht weiter insistieren auf der Bagatelle, daß es sich eben gerade in Deutschland ereignet hat und nicht anderswo (...)

Aber die solcherart vollzogene Ermordung von Millionen wird als bedauerlich, doch keineswegs einzigartig, zu stehen kommen neben der mörderischen Austreibung der Armenier durch die Türken oder den schändlichen Gewaltakten der Kolonialfranzosen.

Alles wird untergehen in einem summarischen Jahrhundert der Barbarei (...) Als die wirklich Unbelehrbaren, Unversöhnlichen, als die geschichtsfeindlichen Reaktionäre im genauen Wortverstande werden wir dastehen, die Opfer, und als Betriebspanne wird schließlich erscheinen, daß immerhin manche von uns überlebten."

Kumpanei mit den Deutschen

Während der Okkupation Griechenlands durch die Deutschen beispielsweise wurden 95% der dort lebenden Jüdinnen und Juden deportiert und vernichtet. Die griechische Linke jeglicher Couleur ist stolz auf die damalige PartisanInnen-Armee (ELAS). Wo waren die griechischen PartisanInnen, als die Deportationen begannen und die Züge aus Saloniki, überfüllt mit Menschen, nach Auschwitz, Dachau und zu anderen Orten der Vernichtung fuhren? Zumal die Schlagkraft der PartisanInnen vieles zur Rettung der griechischen Juden hätte beitragen können. Stattdessen wurden die Deportationen in der damaligen Widerstandspresse mit absolutem Schweigen kommentiert; als ob nichts geschehen wäre!

Es ist die Frage, ob sich die nichtdeutsche Linke jemals für die Geschichte der Juden in ihrem eigenen Land interessiert hat. Wenn sie es tat, dann überhaupt erst, als sie nach Deutschland kamen. Was sie wohl über Deutschland und die Deutschen dachten, bevor sie hierher kamen?

Diese Geschichte, die nicht vorbei ist, wird bestenfalls ignoriert oder bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert - eine Auseinandersetzung mit ihr findet kaum statt. Denn dies würde erfordern, daß man sich gründlich mit der deutschen und der jüdischen Geschichte, insbesondere mit der Shoah beschäftigt. Dazu haben RevolutionärInnen aber weder Zeit noch Lust, weil es ihnen nicht so richtig in die Agitation paßt.

In Gesprächen mit MigrantInnen über Minderheiten läuft alles gut, so lange das Wort Jude nicht fällt: dann verhärten sich die Gesichter und irgendeiner fängt sofort an, über die Politik Israels in den besetzten Gebieten zu sprechen. Darauf folgen nicht selten die übelsten Äußerungen. Viele fügen hinzu, daß die Juden in ihrem Land sehr "reiche" und "geschickte" Geschäftsleute seien - vielsagende Andeutungen über angeblich geheimnisvolle Zusammenhänge. Finden sie es gerechtfertigt, wenn "reiche Juden" angegriffen werden?

Daß meistens Ignatz Bubis als Beispiel eines "reichen Juden" genommen wird, haben sie schon von den deutschen Linken übernommen. Aber auch anderes: nach Auffassung vieler Linker konnten nur die "reichen Juden" dank ihrem Vermögen fliehen und somit die Vernichtung überleben, wobei sie die "armen Juden" im Stich gelassen hätten. Dabei ist anzumerken, daß nur an diesem Punkt, nur in diesem Kontext, die "armen Juden" entdeckt werden, von denen ansonsten nie die Rede ist.

Aber auch die Umkehrung des Antisemitismus (Philosemitismus genannt) richtet sich gegen Juden: So wurde in Hamburg bei einer Veranstaltung zum Lübecker Brandanschlag 1996, wo das Grußwort auf einem Transparent "Willkommen ins 4. Reich" lautete, Ignatz Bubis von anwesenden MigrantInnen als Anwalt der Mörder beschimpft, weil er nicht die Position eingenommen hatte, die sich für einen "anständigen Juden" gehört: daß es sich um einen rassistischen Brandanschlag handelte (wie es auch unsere Position ist). Auf einmal war eine gespielte Enttäuschung da: wie kann es sein, daß ein Jude, ehemaliger Verfolgter, nicht immer und überall "das Richtige" tut und sagt?

In den Augen der Philosemiten soll ein Jude, gerade wegen seiner Leidensgeschichte, all den moralischen Ansprüchen entsprechen, die kein Mensch je erfüllen kann. Die Last der Erinnerung an erlittenes Leid scheint nicht ausreichend zu sein, sie müssen auch die Last der moralischen Ansprüche mittragen, die Philosemiten ihnen auferlegen, so als hätten die Konzentrationslager auf ihre Insassen wie Erziehungsanstalten wirken müssen.

Zwischen Antirassismusbusiness, Dummheit, Masochismus und vielen anderen derartigen richtungsweisenden Selbstgefälligkeiten sich bewegend, wollen sogar manche MigrantInnen den deutschen Rassismus und den pogromierenden Mob als Aspekte eines sozialen Protestes verstanden sehen, der sich gegen die herrschenden sozialen Mißstände auflehnt. Nicht der am eigenen Leib erfahrene Rassismus und der Alltag im Land der Deutschen sind die entscheidenden Maßstäbe, sondern das Partei- oder Organisationsprogramm, die Ideologie oder sonstige -ismen, zu denen sie sich zugehörig fühlen. Manche gehen sogar noch einen Schritt weiter: was dem deutschen Mob fehle, sei die richtige Therapie, die gelegentlich organisiert wird, um aus den "irregeleiteten" deutschen Jugendlichen "zivilisierte" BürgerInnen zu machen; in der Hoffnung, dadurch die eigenen Killer zur zähmen.

So wurde in diesem Kontext eine Türkei-Reise deutscher Neonazis durch das türkische Volkshaus in Lübeck (immer wieder Lübeck) organisiert, allerdings ohne das gewünschte Ergebnis: Nach der Reise erklärten die frisch Therapierten vor der Kamera, daß sie nach wie vor Ausländer nicht ausstehen können - was anderes wäre auch unglaubhaft gewesen. Diese Neigung zum psychologisch drapierten Verständnis, das sie den deutschen Killern entgegenbringen, könnte mit ihrer antrainierten Rolle als TherapeutInnen und EntertainerInnen der deutschen Lebensmisere in Zusammenhang gebracht werden.

Was Nichtdeutsche von Deutschen lernen können?

Die Frage, die uns immer wieder einfällt, ist: Wie kommt es, daß Deutschland, trotz seiner Abscheulichkeiten, damals wie heute, bei Nichtdeutschen im Inland und Ausland immer noch im Ruf steht, eines der "zivilisiertesten" Länder der Welt zu sein? Es ist mehr als die wirtschaftliche Macht, die dieses Bild eines demokratischen und "hochkultivierten" Landes durchsetzt. Das gute Deutschland hat vor allem Geld gekostet, aber keine moralische bzw. humanistische Anstrengung.

Und dies ist eine unbezahlbare Qualität. "Deutsch für Ausländer" bedeutet inzwischen, das Verständnis dafür aufzubringen (und vor allem nachzumachen), daß das Wort "deutsch" keine Eigenschaft, sondern eine Tätigkeit darstellt. "Deutsch" ist ein Selbstläufer: Ich deutsche, du deutschst, er/sie deutscht, wir deutschen, ihr deutscht, sie deutschen. Zwar ist es anstrengend, immer wieder zu deutschen, aber es geht; und bringt die ersehnte Anerkennung.

Rassismus und Antisemitismus existieren überall auf der Welt. Gewiß gab es im Deutschland vor 1933 eine Geschichte der Verfolgung der davon betroffenen Menschen, aber keineswegs war das antisemitische und rassistische Potential in Deutschland größer als anderswo.

Die deutsche Anomalie liegt, neben der Hervorbringung des eliminatorischen Antisemitismus, in Wahrheit darin, daß, was auch immer sich das deutsche Kollektiv vornimmt, um sich zu "behaupten", es keine Rettungsmöglichkeiten für die Opfer dieses Kollektivs gibt. Wenn ein "Volk" sich auf seine "Identität" zu besinnen meint, was, wie immer, nur funktioniert, wenn es andere dies spüren läßt, dann ging und geht an anderen Orten dieser Welt dabei oft etwas schief: man streitet, tauscht aus, läßt sich korrumpieren, wird bestechlich, wechselt die Seite usw. Das deutsche Kollektiv aber schafft es reibungslos. Ohne Abstriche. Zwar gibt es "unangenehme Aufgaben", die in Kauf genommen werden müssen, aber es klappt.

Liegt es an der technischen Präzision, an der pflichtbewußten Gründlichkeit, an den eingefleischten Selektionskriterien oder am Gehorsam, gar an dem Bewußtsein des Kollektivs, eben ein Kollektiv zu sein (alle oder keiner)? Wir wissen es nicht. Jede Antwort würde scheitern angesichts der Einmaligkeit der verübten Verbrechen.

Eins bleibt jedoch sicher: durch langjährige Übung haben die Deutschen einen reichhaltigen Erfahrungsschatz im Vernichten erworben. Die Perfektion, die sie darin erreicht haben, gilt für viele Technikliebhaber und Judenhasser als bewundernswerte Tatsache.

Und genau hier ist der Punkt erreicht, wo wir meinen, daß die Forcierung einer Auseinandersetzung in puncto Antisemitismus unter den MigrantInnen bzw. Nichtdeutschen wichtig, bitter notwendig und vor allem möglich ist.

Eins haben wir jedenfalls gelernt: die Feinde dieser völkischen deutschen Gesellschaftsordnung können niemals deutsch sein in Deutschland!

Café Morgenland, Frankfurt/M.

KöXüZ, Berlin