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Trapped

Antideutsche in der völkischen Ideologiefalle

Brennende Kleingärten

Im Dezember 1991 brannte in Göttingen eine Kleingartenkolonie nach einem Brandanschlag teilweise ab. In einem Selbstbezichtigungsschreiben bekannte sich eine "Anti-Deutschland-Liga" zu der Tat - mit einem Sammelsurium von antideutschen Parolen, z.B. "Deutschland den Ausländern".

Doch was wie ein Anschlag linker Militanter aussehen sollte, wurde schnell als das entlarvt, was es war: eine Nazi-Aktion. Jedem Linken bei halbwegs klarem Verstand mußte schon beim ersten Lesen des Pamphletes klar werden, daß es, daß die ganze Aktion ein Fake sein mußte. Die Fälschung waaber nicht bloß zu schlecht gemacht, sie paßte auch einfach überhaupt nicht in die politische Landschaft, denn antideutsche Parolen, wie wir sie heute kennen, gehörten bis dato noch nicht zum linken Argumentationsrepertoire, waren allenfalls als bierselige Punk-Attitüde en vogue ("Deutschland muß sterben !"). Die antideutsche Tendenz steckte noch in den Kinderschuhen und hatte sich längst noch nicht zur heutigen Verbalradikalität durchgerungen. Die manisch-germanischen Aktivisten waren, so selten das ist, ihrer Zeit voraus gewesen.

Denn "Antideutsch" war bis dahin nichts anderes gewesen als ein rechter Kampfbegriff mit jahrzehntelanger völkischer Tradition. Von der Nazipropaganda wurde und wird er in bewußter sprachlicher Anlehnung an "antifaschistisch" auf alles angewendet, was im Widerspruch zur eigenen Politik steht. Das dahintersteckende Kalkül macht Sinn: sämtliche sozialen und politischen Widersprüche werden im Dualismus deutsch/antideutsch aufgelöst. Gleichzeitig wird antifaschistische Politik verunglimpft als gegen alle gerichtet, die deutscher Abstammung oder Sozialisation sind scheinbar unabhängig von deren politischer Überzeugung. Eng verflochten ist der "Antideutsch"-Mythos als Bestandteil völkisch-paranoiden Opferkults mit antisemitischer Hetze und Rassismus antislawischer Ausrichtung, liegt doch eine weitere Funktion der Zuschreibung "antideutsch" in der Subsumtion aller Gegner des deutschen Faschismus, vor allem also von Juden, Linken und Osteuropäern, der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" eben.

In der Falle

Dieser Tradition des Schlagworts "antideutsch" scheinen sich seine neuen Anhänger von links genausowenig bewußt zu sein, wie der Gefahr, gerade hier in die völkische Ideologie-Falle zu tappen. Denn was seit einiger Zeit unter dem Label "antideutsch" inhaltlich generiert wird, reproduziert über weite Strecken Versatzstücke einer völkisch verklärten Weltsicht. In die faschistische Ecke gestellt werden, soll mit dieser Feststellung aber niemand, vielmehr geht es darum, die eigentliche Schwäche des antideutschen Ansatzes aufzuzeigen: seinen Mangel an Radikalität.

Denn statt den deutschen Nationalismus in seinem Kern, einem bestimmten Bild von der Welt nämlich, abzulehnen und anzugreifen, wird dieses teilweise übernommen und werden erst in den politischen Konsequenzen einfach die Vorzeichen umgekehrt. Z.B. mit der irrigen Vorstellung einen nationalen Kollektivs, einer monolithischen deutschen Interessengemeinschaft: "Volksgemeinschaft" lautet hierfür die von Antideutschen übernommene völkische Vokabel. Z.B. durch den vermuteten Dualismus von deutschen Tätern und nicht-deutschen Opfern in der historischen Betrachtung. Der ist in dieser Undifferenziertheit nah dran aber doch knapp vorbei an der Wahrheit, und reproduziert ungewollt die nazistische Legitimation für den Mord an Millionen von jüdischen, antifaschistischen, homosexuellen, kranken und anderen Deutschen durch deren Stigmatisierung als "undeutsch". Z.B. mit der Behauptung der Kollektivschuldthese, einer ursprünglich bürgerlichen Erfindung aus dem sog. "Historikerstreit" der 80er Jahre(1).

Diese Aufzählung ideologischer Affinitätspunkte ließe sich mühelos weiter fortführen. Schwerer fällt eine Erklärung des Phänomens.

Hier stellt sich zunächst ein Rezeptionsproblem, denn bei vielen antideutschen Texten scheint nicht ganz klar zu sein, ob diese so richtig ernst gemeint sind oder nur durch gezielte zynische Überspitzung die Debatte anfeuern wollen. Sicherlich ist zuweilen beides der Fall und manchmal läßt sich der Eindruck gewinnen, daß die Vordenker in den Redaktionsstuben und Diskussionszirkeln gar nicht realisieren, daß sie mit ihren Provokationen an der Basis durchaus beim Wort genommen werden. Solchen Texten mag man diese Multifunktionalität zugestehen wollen, soll sie doch jeder so verstehen können, wie es ihm am besten in den Kram paßt. Aber genau hier liegt das Problem. Denn während sie als Provokationen wichtige Debatten innerhalb der radikalen Linken angestoßen haben, taugen die antideutschen Theoreme nicht als Maximen der politischen Praxis.

Dabei sind ihre Anliegen zunächst völlig richtig. Klar gehört Deutschland abgeschafft und auch die (mittlerweile erreichten) Nahziele antideutscher Intervention hatten ihre Berechtigung:

Zusammenhänge zwischen linkem Antizionismus und Antisemitismus wurden aufgezeigt, ökonomistische Reduktionen a la "Hinter dem Faschismus steht das Kapital" aufgebrochen. Aber leider sogleich durch nicht minder reduktive Alternativen ersetzt. So richtig es ist, daß Rassismus nicht nur von Staat, Kapital und einer kleinen faschistischen Minderheit ausgeht, sondern von einer Bevölkerungsmehrheit getragen wird, so falsch ist die Beschreibung als gesamtgesellschaftlicher Konsens. Und die ausschließlich ideologiekritische trivial-konstruktivistische Näherungsweise läßt strukturelle Faktoren unter den Tisch fallen.

Beispiel Billiglohnarbeit. Etwa ein Drittel der hier lebenden Bauarbeiter sind Zuwanderer, viele aus der Türkei und Kurdistan. Wie ihre deutschen Kollegen sind auch sie auf ein den hiesigen Lebenshaltungskosten angemessenes Lohnniveau angewiesen, manche von ihnen beteiligen sich an den gewerkschaftlichen Protesten gegen die Aushebelung des bisherigen Lohngefüges. Von den ausländischen Arbeitern, die von Unternehmerseite dazu mißbraucht werden und denen daraus jedoch kein Vorwurf zu machen ist, kommen viele aus Großbritanien oder Irland, die Mehrheit von ihnen ist weiß. So liegen die Grenzen in der Auseinandsersetzung um das Entsendegesetz und die traditionelle Gewerkschaftsforderung "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" nur teilweise parallel zu denen rassistischer Spaltung. Und obwohl sich die Wut der Bauleute tatsächlich oft rassistisch entlädt, ist die antideutsche Gleichsetzung der Parteinahme für die Forderung nach allgemeingültigen Mindestlöhnen mit der Nazi-Parole "Arbeit zuerst für Deutsche" Unsinn.

Beispiel Gollwitz. Zweifellos waren die Aktionen der Dorfbevölkerung und der sie unterstützenden Politiker antisemitisch. Und als das sind sie zu denunzieren und anzugreifen. Nur für eine gründliche innerlinke Analyse reicht das kaum: Auch "deutschstämmige" Spätaussiedler wären sicher nicht mit offenen Armen aufgenommen worden ! Beide Beispiele zeigen, daß Rassismus, obwohl ein eigenständiger Widerspruch, sich in seiner Wirkung mit anderen sozialen Konflikten und Ideologemen wechselseitig beeinflussen und überlagern kann. Z.B. einem Wohlstandschauvinismus, der sich zunächst wegen derer sozialen Lage (=Armut) gegen Ausländer richtet.

Ein Paradoxon des Antideutschtums liegt darin, daß die meisten seiner Anhänger selber Deutsche sind. Folgte man dem üblichen Sprachgebrauch, wären diese deutschen Antideutschen nämlich ja gegen sich selbst. Eine charmante Vorstellung und eingedenk der anderen Abgedrehtheiten, zu denen Linke so im Stande sind, eine gar nicht mal so abwegige. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Kniff dabei ist die Verbisierung des Adjektivs deutsch. Deutsch zu sein wird nicht als ein ohne eigenen Willen, nämlich etwa durch (Erst-)Spracherwerb und Sozialisation angenommener Zustand der ethnischen Zugehörigkeit aufgefaßt, sondern als eine Summe von Verhaltensweisen. Also Deutsch-sein gleich Deutsch-handeln gleich Deutsch-sein-wollen.

Konstrukt, Konstruktion, Dekonstruktion

Diese Formel hängt eng zusammen mit der Auffassung der Nation als Konstrukt, als reine ideologisch motivierte kollektive Halluzination(2). Um dem entgegenzutreten sei hier eine genauere begriffliche Unterscheidung eingeführt, der zu folge der richtige Terminus Konstruktion ist. Denn in der Tat sind Nationen im allgemeinen und die deutsche im besonderen konstruiert worden- durch politische Integration und kulturelle, vor allem sprachliche Assimilation. Diese historischen Prozesse werden auch von Antideutschen richtig beschrieben. Und zur damaligen Zeit, dem 19. Jahrhundert also, wäre auch der Begriff Konstrukt angemessen gewesen, war doch Deutschland damals tatsächlich nichts weiter als eine Imagination von Teilen des aufstrebenden Bürgertums. Heute jedoch ist der Nationalismus längst realitätsmächtig geworden, hat die ursprüngliche Imagination der Nation bis zu einem gewissen Grad Wirklichkeit werden lassen. Die deutsche Nation in diesem Sinne als Konstruktion zu bezeichnen allein bleibt ein Nullargument, das nämlich sind größere menschliche Gemeinschaften freilich immer.

Politischen Nutzen verspricht da erst der nächste Schritt, der Hinweis auf die Dekonstruierbarkeit Deutschlands. Hier führt die falsche Vorstellung vom Konstrukt Deutschland zu einer ebenso kurzsichtigen Idee seiner Dekonstuktion, die sich auf die These zuspitzen läßt, Deutschsein ließe sich per declarationem, allein durch die Willensbekundung also ablegen.

Denn für antideutsche verbindet sich mit dem politischen Bruch mit der Nation die Hoffnung, damit auch aus der eigenen Identität ausbrechen zu können. Nicht mehr deutsch sein zu wollen, ist sicher ein verständlicher und ehrenvoller Wunsch. Es sich damit so leicht machen zu wollen, aber unendlich naiv. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Betrachtung eines antideutschen Lieblingsworts: explizit. "Explizit antideutsch" heißt es immer wieder und wieder, die Antideutschen sind sozusagen explizit explizit und verkennen eine nationalcharakteristische und - kulturelle Prägung als implizites Moment kultureller Kompetenz. Dies zu überwinden bedarf es - leider - weit mehr als der richtigen politischen Überzeugung. Durch langwierige (Lern-)Prozesse von Dekonditionierung und Adaption implizit undeutsch(er) zu werden und darin die anzustrebende generelle Auflösung deutscher Identität voranzubringen und für sich selbst vorwegzunehmen, sollte ein Ziel sein für uns Deutsche wider Willen. Die oberflächliche antideutsche Identitätsrausschleicherei hingegen wird bleiben, was sie für die meisten ist: ein Aggregatzustand der Entpolitisierung, ein ideologisches Vehikel des eigenen Fatalismus, ein trotziges Fuck-Off an die Gesellschaft nach dem Vorbild des sprichwörtlichen Fuchses, dem die unerreichbaren Beeren eh viel zu sauer sind.

Der proklamierte Ausstieg aus der Nation meint eigentlich den Ausstieg aus der Gesellschaft, ein Versuch, der nichts anderes erreicht, als das Gegenteil seines Ziels. Denn um so stärker die eigene Position aus der (Ablehnung der) Gesellschaft abgeleitet wird, um so mehr ist sie deren Folge und Teil. Außerhalb der Gesellschaft steht am ehesten der, der sich schlicht nicht für sie interessiert und sich in eine ihrer Nischen zurückzieht. Wer aber sich selbst allein über die Gesellschaft definiert, und sei es eben über ihre Negation, stellt damit nur die eigene Gesellschaftlichkeit unter Beweis. Hinter diesem paradoxen Drang zur Selbstisolation steckt eine sicher stark von der Entwicklung der 68er Generation geprägte Integrationsparanoia, die mit einer merkwürdige Alles-Oder-Nichts-Logik korrespondiert. Zwei extreme Alternativen werden einander gegenübergestellt: der Rückzug in die eigene Subszene einerseits und eine populistische Missionstätigkeit an der breiten Bevölkerungsmasse, die alle antirassistischen Komponenten aufgibt. andererseits. Dazwischen scheint kein Platz zu sein.

Strategie oder Moral

Kein Platz vor allem für jede Form der Strategie. Der Antifa- und Antirassismusbereich bietet Möglichkeiten zur erfolgreichen Intervention. Faschistischer Straßenterror kann mancherorts gestoppt, einzelnen Illegalisierten geholfen, hier und da ein Nazi-Aufmarsch schon im Vorfeld politisch verhindert werden. Linksradikale sind dabei meistens auf sich allein gestellt, doch gerade in der Provinz bedeutet erfolgsorientierte Antifa-Politik aber auch, gelegentlich taktieren zu müssen, mit Widersprüchen leben zu lernen, sich auch auf ungeliebte Bündnispartner einzulassen, wenn die Situation es verlangt. Und es bedeutet Fehler zu machen. Wem es aber nicht allein um das Kochen der eigenen politischen Suppe, sondern auch um die konkret Betroffenen geht, der wird einer verdammten Pflicht zur Strategie bei allen Bauchschmerzen nachkommen. Doch jene, die etwas mehr zu verlieren haben als ihre moralische Integrität - ihr Leben beispielsweise - übergeht der antideutsche Purismus kaltschnäuzig. Einer im Kirchenasyl (über)lebenden Migrantin etwa wird es nämlich gleich sein, ob die sie beherbergende Gemeinde Teil einer nach antideutscher Lesart rassistischen Organisation ist. Und die Arbeit einzelner Gruppen aus dem Spektrum von Gewerkschaften, Parteien, Bürgerinitiativen und Kirchen, die linksradikale Aktivitäten an Kontinuität, Konsequenz und Output oft genug überragt, ist bei allen berechtigten Vorbehalten gegenüber den Dachorganisationen anzuerkennen.

In diesen Niederungen der Praxis ist von Antideutschen wenig zu sehen. Hauptaktionsform sind vielmehr punktuelle Kampfdemonstrationen bevorzugt in der tiefsten ostdeutschen Provinz, die stets den "dezenten Charme eines Expeditionscorps" verbreiten. Die Fronten stehen dabei stets fest: Wir gegen Euch. Wir, die Demonstrierenden gegen Euch, gegen alle anderen. In den allermeisten Fällen wird diese Grenzziehung auch der Realität entsprechen und eine kleine humanistisch-liberale Dorfminderheit die sicherlich zuweilen vom unversöhnlichen Auftreten der großstädtischen Besucher zu Unrecht brüskiert worden sein wird, fällt vielleicht auch nicht weiter ins Gewicht. Wo jedoch der Nutzen solcher Out-Of-Area-Einsätze liegen soll, bleibt unklar. Von der örtlichen Bevölkerung wird ja eh nichts gutes erwartet, und auf die (inländische) Medienberichterstattung kann niemand ernsthaft setzen wollen, der schon sooft von SPIEGEL TV und seinen Imitaten durch den Kakao gezogen worden ist. Bleibt das naive Argument der internationalen Aufmerksamkeit, doch zu glauben, ein paar Dutzend Polit-Freaks, die in irgendeinem ostdeutschen Kaff Radau machen, seien im Rest der Welt irgendwie von Interesse zeugt von einiger Selbstüberschätzung.

Zeit und Raum

Nicht weniger vermessen ist der Anspruch, im derzeitigen Staus-Quo ein Ende der Geschichte erkennen zu können. Radikalemanzipatorische Prozesse (zumindest in Deutschland) ein für alle mal auszuschließen heißt, die gleiche geschichtsdeterministische linke Esoterik fortzusetzen, die in ihrer traditionskommunistischen Spielart die Revolution als unweigerliche historische Notwendigkeit verspricht. Dem entgegenzuhalten ist wahlweise die Überzeugung, daß die Zukunft offen ist oder der Skeptizismus, daß wir sie, selbst wenn irgendwie vorbestimmt, nicht kennen können und in jedem Fall das Wissen um die schwankende Geschwindigkeit der Geschichte. Als solcher unausgesprochen bleibt ein Reihenfolgenstreit unter verschiedenen linksradikalen Fraktionen. Während eine noch virulente klassische Position prognostiziert, in der sozialistischen Gesellschaftsordnung werde schließlich auch die Nation hinfällig, meinen Antideutsche, erst müsse Deutschland weg, dann ließe sich weiter sehen. Wird die reine Ideologiekritik jedoch mit der Analyse sozioökonomischer Strukturen geerdet, d.h. die Nation (auch) als Standortkollektiv identifiziert und der nationale Wettbewerbsstaat als eine Ebene des kapitalistischen Konkurrenzprinzips, dann scheint diese Trennung künstlich, und klar wird: Revolutionäre Politik ist - in diesem Sinne und nicht als Schlagwort der innerlinken Fraktionierung - antinational. Und umgekehrt gilt bis auf weiteres: Wenn Kapitalismus dann Nation. Erst die soziale Frage von radikal links gestellt, ermöglicht den politisch wirksamen Zweifel an Deutschland.

Doch wo Linksradikale auf die soziale Karte setzen, bekommen sie sogleich von antideutscher Seite eins mit der Rassismus-Keule übergezogen. Unterstellt wird dabei stets ein auf Vermassung um jeden Preis zielender Opportunismus, der den Massen nach dem rassistischen Munde redet. So etwas gibt es und sei es als Unterlassungssünde, denn wer in sozialen Kämpfen interveniert, ohne klar antirassistische Positionen zu beziehen, betreibt deren rassistische Aufladung mit. Tatsächlich aber besteht die Arbeit der viel gescholtenen Sozialbereichsaktivisten oft gerade darin, antirassistische Inhalte einzubringen und rassistischen Kanalisierungsversuchen entgegenzutreten.

Illusionen über die Möglichkeiten zur Einflußnahme in Arbeitskämpfen, Arbeitslosenprotesten und Unistreiks etwa macht sich dabei wohl niemand lange, zu eindeutig sind die Lehren, die die Realität erteilt. Die oft zitierten französischen Verhältnisse deuten sich nicht im geringsten an, Bezugspunkt für linksradikale Politik ist eine kleine Minderheit, und dies wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Zumindest unter ernstzunehmenden Linksradikalen ist das Konsens.

Insofern sind die Polemiken gegen Massenpolitik gegenstandslos. In sozialen Kämpfen Akzente zu setzen, Lernprozesse anzustoßen und neue Kontakte zu knüpfen, vielleicht auch auf der Funktionärsebene relativ stark vertreten zu sein, setzt nicht die Hoffnung voraus, Mehrheiten gewinnen zu können bzw. dies überhaupt zu wollen. Es bedeutet vielmehr den längst überfälligen Schritt aus der Isolation des Szenesumpfs zu wagen, dessen skurrile Imperative und Kodizes viele potentiell an unserer Seite stehende verständlicherweise abschrecken. Der antideutsche Sektierer-Reflex, die allergische Reaktion auf jeden Ansatz einer Öffnung linksradikaler Strukturen läßt sich recht gut biographisch erklären. Denn die erste Generation Antideutscher rekrutierte sich seinerzeit vornehmlich aus enttäuschten ML-Klassenkämpfern. Denen war das proletarische Subjekt ihrer oft naiven Revolutionsphantasien spätestens mit der 92er Pogromwelle abhanden gekommen.

Die damals gezogene Konsequenz einer 180-Wende resultierte auch aus der Zersplitterung und Sprachlosigkeit der Linken, denn während die zum Antideutschtum konvertierten Mler den Rückzug in die eigenen Strukturen betrieben, taten Teile der Autonomen genau das Gegenteil und versuchten nach der unbefriedigenden Erfahrung der jahrelangen Szene-Politik die eigene Resozialisierung.(3)

Schwache Argumente - starke Worte

Die Unfähigkeit zur Kommunikation mit anderen Linksradikalen haben Antideutsche in den letzten Jahren immer weiter kultiviert, Hardlinern muß mittlerweile völliger Autismus bescheinigt werden. An Stelle solidarischer Auseinandersetzung stehen Polemik und Denunziation, gepaart mit der allgemeinen Überinterpretation und getränkt aus den Profilneurosen der selbsternannten Chefankläger. Es wird auf alles geschossen, was sich bewegt und das meist mit schwachen Argumenten und um so stärkeren Worten:

Rassistisch, antisemitisch, völkisch, nationalbolschewistisch - darunter läuft gar nichts. Jahrelang politisch aktive Antirassisten werden da mal eben zum "linken Teil der Volksgemeinschaft"(4) erklärt, anderen "Pogromaufrufe"(5) unterstellt. Die Folge solch völlig unverantwortlichen Gebrauchs von Begriffen ist deren Inflation und Entwertung. Wenn z.B. "völkisch" auf alles angewandt wird, was sich irgendwie mit Volk oder Bevölkerung assoziiert wird - die Anti-Castor-Bewegung etwa - so ist das nicht nur Unsinn im politologischen Sinne, sondern auch in seiner Wirkung verheerend, das Wort verliert den Horror, der ihm anhaften muß. Noch unerträglicher sind die regelmäßigen Kalauereien auf Kosten der Holocaust-Opfer(6).

MAX KEMMER

1 Diese hatte bis dahin von links niemand vertreten.

2 Eigentlich kollidiert diese Vorstellung mit der an anderen Stellen von Antideutschen vorgenommenen Zuschreibung statischer, zwanghaft unveränderbarer Merkmale der "Volksgemeinschaft"; ein Problem hat ihnen dies bisher aber nicht bereitet.

3 Vergl. "Changing Times" in ARRANCA! Nr.4

4 KöXüZ Berlin in einem Flugblatt zum Stadtteilladen "A6"

5 Die Zeitschrift "6000" über die Kampagne Kein Mensch ist illegal

6 Z.B. "Die Deutschen - Weltmeister im Selektieren" (Cafe Morgenland zum Thema Mülltrennung) oder "Die Deutschen-Frage"(Jürgen Elsässer)

aus: Arranca! nummer 15